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    Kolumnistin Lisa hat in der Quarantäne ihre Skincare-Routine perfektioniert und dabei, ganz nebenbei, einen alten Konflikt gelöst.

    Ich habe eine neue Obsession, genauer gesagt eine Youtube-Obsession. Nachdem ich jahrelang mal Videos von Kostümdesignerinnen, dann Erzählungen von ehemaligen Drogenabhängigen und extrem unnütze Hack-Videos geguckt habe, bin ich jetzt in einer neuen Nische angelangt. Ich gucke Skincare-Videos. Ich schaue stundenlang zu, wie Menschen sich das Gesicht waschen, wie sie die Konsistenz des einen Serums gegen die eines anderen abwägen oder wie sie die abendliche Routine anderer Menschen bis auf den letzten Inhaltsstoff auseinandernehmen. Dabei habe ich schon viele Sachen gelernt: Der Sänger Troye Sivan sollte echt auf das Zitronenöl in seiner Creme verzichten, ich sollte wirklich, wirklich jeden Tag Sonnencreme benutzen und es ist keine gute Idee, seine Gesichtsmasken selbst zu Hause zusammenzurühren. Während es sich anfühlt, als würde draußen die Welt untergehen, sitze ich drinnen und überlege, wo ich jetzt eine Creme mit Schneckenschleim herbekommen kann.

    Das Bild zeigt die Kolumnistin Lisa auf einem Selfie. Die Sonne scheint ihr ins Gesicht, die hat die Augen geschlossen und den Kopf in leicht geneigt.

    Kolumnistin Lisa gibt viel zu viel Geld für Cremes aus.

    Das hat ein paar ziemlich offensichtliche Vorteile. Erstens gibt es meinem Tag ein Minimum an Struktur. Morgens erst Serum, dann Creme, dann Sonnencreme; abends Waschzeug auf Ölbasis, dann Waschzeug auf Wasserbasis, chemisches Peeling, Serum, Creme, Lippenpflegestift – das ist ein Rahmen, mit dem ich schon ganz gut arbeiten kann. Egal was dazwischen passiert, egal wie viele Online-Seminare abgestürzt oder wie viele Stunden ich am Tag irritiert Menschengruppen vor dem Fenster beobachtet habe, am Ende habe ich wenigstens mein Gesicht gewaschen.

    Zweitens kann ich mich so auf etwas freuen. Alles, was ich für dieses Jahr geplant habe, hängt in der Schwebe, aber am Ende steht trotzdem eine Hoffnung: Wenn wir alle irgendwann aus der Quarantäne kommen, dann werden meine Poren unsichtbar und meine Haut aufgepumpt sein von all den Dingen, die ich in den letzten Monaten wie Sisyphos, aber mit einem Lächeln auf dem Gesicht, draufgeschmiert habe. Am Ende des dunklen Tunnels leuchtet mein strahlender Teint.

    Der größte Vorteil ist aber ein anderer, der tatsächlich wenig mit Corona zu tun hat, auch wenn das in diesen Tagen unmöglich scheint. Ehrlich gesagt haben meine Haut und ich schwere Zeiten durchgemacht. Das klingt jetzt wie jemand, der nach dem Ende einer Beziehung sagt: „Es lief eigentlich nicht mehr.“ Es war eigentlich eher so, dass ich keine gute Freundin für meine Haut war. Ich war fies zu ihr, gemein, manchmal auch brutal, während sie immer nur Gutes für mich wollte. Mit eiserner Kraft hat sie mich zusammengehalten, während ich mein Bestes getan habe, ihr das Leben schwer zu machen. So ein Vertrauensbruch ist nicht leicht zu heilen. Sie wird mir wahrscheinlich nie ganz verzeihen.

    Langsam sind wir aber auf einem guten Weg. Neulich saß ich auf einer Yogamatte in meinem alten Jugendzimmer, dem Ort, an dem wir uns auseinandergelebt haben. Ich habe mich gedehnt, nachdem ich ein bisschen Sport gemacht hatte. Erst die Beine, den Rücken, dann die Arme und schließlich die Schultern. Dabei habe ich meinen linken Arm mit meinem rechten vor meiner Brust gehalten und für ein paar Momente einfach dagesessen und den Duft meiner eingecremten, weichen Haut eingeatmet. Auf einmal hatte ich den Impuls, mir einen kleinen Kuss zu geben und nicht bloß aus Versehen, wie wenn man manchmal kurz vor dem Einschlafen den eigenen Handrücken küsst, von dem man denkt, er gehöre jemand anderem. Also habe ich es einfach gemacht. Klingt seltsam, war aber wirklich schön. Es hat sich angefühlt, als hätte ich damit etwas zurechtgerückt, ein kleiner Schritt in Richtung Vergebung. Seitdem kommt dieses Gefühl manchmal wieder, wenn ich abends vor dem Spiegel stehe, in meinem Bad, in meinem neuen Leben, in meiner frisch gewaschenen Haut.

     

    Grafik & Foto: Lisa Bullerdiek

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