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    Briefe schreiben sollte wieder Trend werden, findet Kolumnistin Nina. Ihr Plädoyer für eine aussterbende Gattung.

    Gehe ich zum Briefkasten, erwarte ich meist die üblichen Werbe- und Kirchenbriefe, die gleich ungeöffnet in den Mülleimer wandern. Und ein ganz kleines bisschen ist da auch die Hoffnung, da möge doch bitte mal wieder persönliche Post dabei sein. Eine Postkarte vielleicht, oder endlich wieder ein Brief? So richtig mit Hand geschrieben, mit durchgestrichenen und korrigierten Wörtern, mit leicht zerknickten Ecken und vor allem: mit ganz vielen persönlichen Worten. Durchdachte Zeilen, die während des Schreibens reflektiert wurden, die aus Bauch und Kopf auf dieses Blatt Papier rutschten, deren Bedeutung beim Betrachten noch einmal verändert wurde, Strich – besseres Wort, der vorige Impuls aber immer noch sichtbar.

    Ich schreibe gerne Postkarten und erhalte daher auch immer wieder welche zurück, schreibe aber auch immer noch Briefe, manchmal sogar richtig lange. Und da gibt es nur wenige Menschen, die sich drauf einlassen. Eine Zeit lang meine Cousine, zu der ich dadurch erst einen richtig guten Draht entwickelte. Nun ein Brieffreund, ab und zu auch mein Partner oder eine Freundin. Ganz nostalgisch lege ich mir dafür schönes Papier und meinen Füller bereit, dazu eine Tasse Tee, zünde vielleicht eine Kerze an, je nach Stimmung. Briefe schreiben hat etwas von einem Ritual, einem, in dem ich mich voll auf das Sprechen zu einer bestimmten Person einstelle. Das ist Seelenintimität.

    Kolumnistin Nina badet gerne in Briefen.

    „Ein Brief ist eine Seele. Er ist ein so treues Abbild der geliebten Stimme, die spricht, dass empfindsame Seelen ihn zu den köstlichsten Schätzen der Liebe zählen.“ So drückte es der französische Philosoph und Schriftsteller Balzac aus und er hätte es nicht treffender formulieren können.

    Für mich gibt es fast nichts Persönlicheres und Wertschätzenderes als eben einen Brief. Die Zeit, die Ruhe, die Gedanken, die mir geschenkt werden und die ich schenke. Für viele ist mehr als ein Einkaufszettel heute schon zu viel Schreiberei. Könnte man ja auch als Audio bei WhatsApp schicken, wozu der Stress? Dabei kenne ich niemanden, der nicht gerne persönliche Post bekommt.

    Ich habe einen Brieffreund, so wie früher. Was in Kindertagen nach Urlauben manchmal nur zwei Briefwechsel lang hielt, haben wir bisher ganze zwei Jahre geschafft. Seit daher kennen wir uns auch erst, wir saßen zufällig im Theater von gemeinsamen Freunden in der Heimat nebeneinander und kamen ins Gespräch. Dieses Gespräch wollte fortgeführt werden. Aber mit lockeren Kontakten fühlt es sich oft komisch an, sich zum Telefonieren zu verabreden. Irgendwie doch zu nah, zu ruppig, zu viel. Aber so eine Mail, der erste „Pixelbrief“, kann eine Brücke sein, eine Starthilfe sozusagen. Aus den Pixelbriefen wurden dann irgendwann echte, denn die haben einen entscheidenden Vorteil: Man kann sie zwischendurch liegen lassen und zu einem späteren Zeitpunkt weiterschreiben. Wer hätte es gedacht? Analog vor Digital! Die Handmuskeln trainieren sich gleich mit bei diesem mit-in-den-Park-nehmen-und-lesen-können-Papier, dem mir-tut-die-Hand-weh-Schriftstück.

    Und jetzt höre ich schon die Stimmen, die lachend sagen: Von mir willst du keinen Brief haben, den kannst du eh nicht entziffern. Schlampige Handschriften finde ich eine ziemlich faule Ausrede, tippen muss man schließlich auch üben. Es liegt wohl eher an der Motivation, und das ist ja auch okay, so finden sich dann die, die gerne Tinte in Papier sickern lassen. Aber was ich mir schon so häufig dachte, wenn ich von Beziehungsstreitereien mitbekam: Schreibt euch doch einfach mal einen Brief. Da geht der Blick nach oben, weg von der emotionalen Aufgeladenheit, da bringt einen allein das Hinsetzen und Stift ansetzen zu Ruhe und Überlegung. Ich habe damit nur gute Erfahrungen gemacht, denn sobald ich meine Gefühle aufzuschreiben beginne, werden sie klarer, zeigt sich die Erkenntnis, warum ich wie reagiert habe, was sich bei mir innerlich bewegt hat. Die Worte aus meiner Hand hervorzubringen, macht sie so viel greifbarer, ich sehe vor mir, was vorher irgendwo in mir herumgeschwirrt ist und sich nicht oder nur teilweise einfangen ließ. Deshalb ist das hier mein Plädoyer für diese aussterbende Gattung: Liebe Leute, schreibt euch wieder Briefe! Ganz egal ob Liebes- oder Trauerbriefe, Entschuldigungsbriefe oder einfach-nur-so-Briefe. Ihr werdet in den allermeisten Fällen ein Lächeln ins Herz zaubern. Die Geste allein zeigt die Bedeutung der Person für mich, sonst hätte ich nicht so viel Zeit und Gedankenenergie in einen Umschlag gesteckt.

     

    Titel- und Porträtfoto: Jonas Walter

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