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  • Die Kunst, seine Eltern zu enttäuschen

    Kolumnistin Elisa sorgte in ihrem Leben schon für die ein oder andere Enttäuschung bei ihren Eltern und erzählt, warum das so lebenswichtig ist und die Eltern doch nicht immer alles besser wissen.

    Geschenke auspacken war noch nie so mein Ding. Ich finde es unangenehm, wenn alle Blicke auf mir liegen, während ich krampfhaft versuche, so schnell und doch so behutsam wie möglich das Geschenkpapier aufzureißen. Alle sind still, nur das hektische Rascheln des Geschenkpapiers ist zu hören. Dann reiße ich überrascht und übertrieben erfreut die Augen auf, als könnte ich es gar nicht glauben, egal ob das Geschenk sich als ein Packen Strümpfe oder das Buch, das ich mir ausdrücklich gewünscht habe, herausstellt. Was für eine Show.

    Dieses Weihnachten halte ich ein kleines dünnes Buch mit dem Titel „Die Kunst, die Eltern zu enttäuschen“ in der Hand, das ich mir definitiv nicht gewünscht habe, und in Gedanken lege ich es schon in die hinterste staubige Ecke meines Regals zu den anderen ungeliebten Geschenken. Eltern enttäuschen? Das kann ich schon.

    Kolumnistin Elisa im Gras liegend

    Kolumnistin Elisa hat vor in der Zukunft weiterhin zu enttäuschen was das Zeug hält. Man muss seine Talente ja nutzen.

    Hier muss ich kurz erwähnen, dass meine Eltern mir oft und gerne Dinge schenken, die immer auch eine sehr subtile Aussage beinhalten. Zum Beispiel die Wimpernzange von Mama, die eigentlich sagt: „Hör auf immer meine mitzubenutzen!“. Das Deospray von Chanel: „Dein billiges Deo schafft es offensichtlich nicht, deinen Schweißgeruch zu übertönen!“ oder einfach nur „Du stinkst!“. Auch ein schöner Moment: Als meine Schwester und ich jeweils ein Kochbuch zum Auszug geschenkt bekommen haben: Meine Schwester das „Kochbuch für Studenten“ und ich das „Kochbuch für Faule“. Aua. Jedenfalls dachte ich, dieses Buch wäre ein weiteres „Was-wir-dir-eigentlich-sagen-wollen“-Geschenk.

    Ich begann dann aber später doch darin herumzublättern und merkte schnell: Dieses Buch ist eigentlich ziemlich cool und hat eine wichtige Aussage: Seine Eltern zu enttäuschen ist absolut notwendig und echt eine lebenswichtige Fähigkeit.

    Ich erinnere mich an viele Momente, in denen ich meine Eltern enttäuscht habe. An das erste Mal Lügen, mit hochrotem Kopf und schlechtem Gewissen und an das erste Mal Auffliegen mit viel Wut und Enttäuschung. Aber so richtig auf Touren bin ich erst gekommen, wie sollte es auch anders sein, als ich in die Pubertät kam und mich in ein typisch schlecht gelauntes Pubertier verwandelte, das von morgens bis abends nur noch Avril Lavigne hörte. Meine Noten wurden plötzlich deutlich schlechter, ich fing an zu rauchen, zu trinken und dadurch auch, sie eine Menge zu belügen. Und das leider nicht besonders gut. Als ich zweimal durch die Führerscheinprüfung rasselte und schließlich mit dem Führerschein in der Tasche erst einmal beim Einparken mit einem dicken Rumms gegen ein anderes Auto fuhr, war das wohl die bisher teuerste Enttäuschung. Außerdem vernachlässigte ich meine Hobbys, ich hörte zum Beispiel auf, bei meinem Vater Klavierunterricht zu nehmen. Ich weigerte mich, sonntags mit in die Kirche zu kommen, obwohl es meiner Mutter viel bedeutete. Also zusammengefasst: Ich war ein Profi im Enttäuschen.

    Inzwischen glaube ich, dass das Ganze unglaublich wichtig für mich und auch für meine Eltern war. Wir haben dadurch heute eine deutlich bessere Beziehung zueinander und ich sehr viel mehr Selbstvertrauen in meine eigenen Entscheidungen. Und mir ist klar geworden, dass meine Lebensaufgabe nicht darin besteht, ihre Erwartungen zu erfüllen. Denn die Erwartungen meiner Eltern haben letztlich viel mehr mit ihnen selbst und kaum etwas mit mir zu tun.

    Oft denken sie, dass sie besser wüssten, was für mich gut ist. Das liegt daran, dass sie mich stets aus der Erfahrung der in großer Nähe verbrachten Jahre betrachten, an die ich mich kaum noch erinnern kann. Das heißt, sie sehen in mir immer noch den zweijährigen rotbäckigen Lockenkopf, der freudestrahlend auf die Bühne gekrabbelt ist, um im gebündelten Rampenlicht zu sitzen. Logische Konsequenz: „Aus ihr wird bestimmt mal ein Sternchen am Hollywoodhimmel!“.  Aber die charakterliche Prägung ist ja nicht mit meiner Kindheit beendet, sondern ist ein lebenslanger Prozess. In dem Fall ist es irgendwie schade. Die Prophezeiung hätte sich meinetwegen gerne bewahrheiten dürfen, aber leider kam mir das Lampenfieber dazwischen.

    Klar ist es unangenehm, andere Menschen und vor allem unsere Eltern zu enttäuschen, aber es gehört nun einmal zum Prozess der Abnabelung dazu und jeder muss da ab und zu mal durch, um seinen eigenen Weg zu finden. Außerdem enttäuschen uns unsere Eltern doch auch gerne mal.

    Wir sollten lernen, mehr auf uns selbst zu hören und auf uns stolz zu sein, egal was die Eltern von unseren Entscheidungen halten. Wenn sie uns sagen, wir sollen machen, was uns Spaß macht, aber eigentlich meinen „Solange du auch Geld damit verdienst“, muss das nicht mit unserer Lebensphilosophie übereinstimmen. Und wenn sie uns als neue Stammgäst*innen im Arbeitsamt sehen, nur weil wir mit Mitte 20 noch im Bachelor feststecken, können wir es auch mal besser wissen und ihnen erklären, dass sich die Zeiten geändert haben – und wir uns auch.

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