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  • Uwaga, Smacznego und der Stille lauschen

    Kolumnistin Pauline verbringt derzeit ein Auslandssemester in Szczecin, Polen. Sie beschreibt, wie es sich im Wohnheim zu Zeiten von Corona leben lässt.

    Ich lebe grad für ein Auslandssemester in Szczecin (deutsch: Stettin), Polen. Wenn ich gefragt werde „Wie ist es so?“, kann ich kaum etwas sagen. Eine Woche lang bin ich hier zur Uni gegangen, bevor der nationale Notstand erklärt wurde: Kinos, Einkaufszentren und Grenzen haben plötzlich etwas gemeinsam ─ sie sind geschlossen.

    Seitdem verbringen wir ─ mein Freund, er heißt Caspar, ist für ein Urlaubssemester mit nach Szczecin gekommen ─ sehr viel Zeit in unserem geschätzt 15 Quadratmeter großen Wohnheimzimmer, das wir noch eine Woche vor Abreise ergattern konnten. Es gibt hier kaum möblierte Wohnungen für wenige Monate, nicht für Erasmus-Studierende, höchstens für Saisonarbeiter*innen aus der Ukraine. Also leben wir nicht den Traum von jeweils A Room of One’s Own, sondern teilen uns wie die meisten Studierenden in Polen ein Zimmer und ein Bad, immerhin als Paar und nicht mit Fremden.

    Manchmal verlässt Kolumnistin Pauline das Wohnheim.

    Die Küche liegt direkt gegenüber von diesem Zimmer. Wir sind die einzigen, die kochen. Die anderen stecken Fertiggerichte in die Mikrowelle oder Fleisch in den Ofen. Auch „Nudeln mit Fleisch“ würde ich nicht als Kochvorgang beschreiben. Manche Bewohner*innen des Wohnheims erwidern Begrüßungen, oder wünschen einem „Smacznego!“, wenn man die Küche mit seiner zubereiteten Mahlzeit verlässt.  Ansonsten fällt es leicht, physical distancing zu betreiben. Viele von ihnen scheinen gemäß dem Aufruf der Universität die Corona-Krise bei ihren Eltern zu verbringen, außerdem ist uns die Zusammensetzung nicht ganz klar: Über uns wohnt vermutlich eine Familie mit Kind und auch schon ältere Menschen sind uns auf den Fluren begegnet.

    Uwaga!!

    Wir schreiben beide Hausarbeiten, sitzen in unterschiedlichen Ecken des Zimmers und sind doch nur zwei Armlängen voneinander entfernt. An manchen Abenden trinken wir Sekt, Piwo, Wino, Wodka mit Apfelsaft (auch bekannt als „Polnische Hochzeit“), Wodka mit Schwarztee und Himbeersirup, Wodka pur ─ heimlich, denn Alkohol ist im Wohnheim streng verboten, das Rauchen selbst auf dem flureigenen tristen Balkon nicht erlaubt.

    Ebenfalls verboten: Gambling, Kühlschränke im geteilten Badezimmer, Tiere und Haustiere. Nicht einmal etwas an die Wand hämmern, nageln, mit Reißzwecken, Tesafilm, Klebegummi oder Patafix befestigen darf man. Unser Kalender hängt deswegen an der Tür. Er fällt ständig herunter, aber ist auch egal: Alle Pläne sind abgesagt.

    Quelle der ganzen Verbote sind neben einem Papier voller Hinweise, das wir beim Einzug erhalten haben, vor allem die vielen Schilder, die im Eingangsbereich, im Flur und in der Küche befestigt sind – teilweise sogar an der Wand, anscheinend gilt das Verbot nicht für Verbotsschilder. „Uwaga!!“, steht auf ihnen, manchmal auch „Attention!!“. Welche Schilder ins Englische übersetzt worden sind, scheint willkürlich zu sein.

    Verbot umgangen.

    Eine andere Quelle für Verbote sind die Damen von der recepcja, die Schlüsselhüterinnen, die Matriarchinnen. Es gibt vier von ihnen und sie sind 24 Stunden pro Tag und sieben Tage die Woche im Einsatz, um uns das Leben zu erleichtern. Die Regeln der Rezeptionistinnen sind vor allem die ungeschriebenen, die man aufgrund einer fehlenden gemeinsamen Sprache erst brechen muss, um sie zu erfahren. So hat es einige Tage gedauert, bis wir verstanden haben, dass man, sobald man das Gebäude zu zweit verlässt, immer seinen Schlüssel abgeben muss. Inzwischen wirft man ihn dazu in eine kleine Plastikschale, aus der man ihn je nach Rezeptionistin später selbst rausfischen muss oder zusammen mit ein paar Viren in die Hand gedrückt bekommt. Ich habe nachgerechnet: Jede von ihnen arbeitet 42 Stunden wöchentlich, der offizielle Durchschnittslohn in Polen liegt bei umgerechnet 990 Euro.

    Zurückkommen

    Die französisch-marokkanische Schriftstellerin Leïla Slimani hat in der FAZ darüber geschrieben, wie sie sich jetzt mit Mann und Kindern in ihr Haus in der Normandie zurückzieht und beim Schreiben auf Zedern und Zypressen schaut. Ich schaue beim Schreiben auf ein Stück Wand, an das ich nichts hängen darf, aber wenn ich mich sehr weit nach rechts lehne und an der Wäsche, aufgehängt zwischen Cellokasten und Notenständer, vorbeisehe, kann ich auch etwas Aussicht genießen: auf eine Tankstelle. Immerhin steht davor noch eine Birke, in der Elstern nach Nistmaterial suchen.

    Wäsche, aufgehängt zwischen Cellokasten und Notenständer.

    In Leipzig könnte ich auf dem Balkon sitzend schreiben, bei meinen Eltern gäbe es sogar einen Garten. Caspar und ich werden manchmal gefragt, ob wir nicht zurückkommen wollen.

    Die Malerin Paula Modersohn-Becker fragte den Dichter Rainer Maria Rilke, wann er in die Künstlerkolonie Worpswede zurückkehren würde und er schrieb ihr daraufhin am 18. Oktober 1900: „Verstehen Sie, daß es eine Untreue ist, wenn ich thue als ob ich anderswo schon ganz erfüllt Herd und Heimat fände? Ich darf noch kein Häuschen haben, darf noch nicht wohnen. Wandern und warten ist meines.“

    Wandern und warten und Wachteleier ist unseres ─ die einzigen Eier, die es an den schlechten Tagen im Supermarkt gibt, an die wir uns aber noch nicht rantrauen. Doch es gibt auch Situationen, in denen ich das Risiko, aus einem Land mit vergleichsweise wenigen Corona-Fällen in eines mit vielen einzureisen, das Risiko, den Virus schon in mir zu tragen und dann meine Risikogruppe-Eltern damit anzustecken, gerne eingehen würde: wenn die polnische Regierung erst verkündet, man dürfe ab morgen nicht mehr spazieren gehen und dann wenige Minuten später das Verbot doch zurückzieht. Wenn hier in Szczecin Studierende gesammelt aus einem Wohnheim ausziehen müssen und es dazu in der ersten Mail heißt, dies geschehe, um große Ansammlungen zu vermeiden, um dann in der zweiten Mail – die übrigens in der gleichen autoritätsliebenden Sprache verfasst ist wie die „Uwaga!!“-Schilder – anders begründet zu werden: Das Gebäude müsse leer sein, „so that it could serve social purposes during the emergency.“

    In einem Hörsaal in Halle habe ich gelernt, dass Polen eine illiberale Demokratie ist, vielleicht ist auch dieses Szczeciner Wohnheim ein Beispiel dafür.

    Leben und ertragen

    In Slimanis Artikel folgt auf „Manchmal denke ich, man müsste nichts anderes tun als leben. Einfach nur leben. Wäsche aufhängen, meinen Kindern Unterricht geben, ihnen zum hundertsten Mal die Geschichte des kleinen Bären und seines roten Balls vorlesen, kochen, im Gras sitzen und die Bäume anschauen“ noch dieser Satz: „Man müsste der Stille lauschen, an jene denken, die nicht genug haben, um zu leben und diese Situation zu ertragen.“

    Damit sind nicht wir gemeint. Wir haben mehr als genug, um zu leben und diese Situation zu ertragen, auch wenn wir, wie ja auch alle anderen im Wohnheim, unsere Wäsche quer durchs kleine Zimmer spannen und in den Park gehen müssen, um im Gras zu sitzen (oder ist das verboten?).

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