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    Im Themaressort beschäftigten wir uns in der Januar-Ausgabe mit dem Leipzig der Zukunft. Besonders wichtig: der ÖPNV. Was müssen Bahnen und Busse leisten, um ein nachhaltiges Leipzig zu ermöglichen?

    Im vergangenen Jahr dominierte ein Thema die Leipziger ÖPNV-Diskussion: das 365-Euro-Jahresticket. Für einen Euro pro Tag Bus und Bahn nutzen – das klingt verlockend, über 20.000 Leipziger haben eine entsprechende Petition unterschrieben. Nun steht das Ticket im kürzlich ergänzten Nahverkehrsplan und wird derzeit von der Stadt geprüft. Doch reichen niedrige Preise aus, damit Menschen auf Bus und Bahn umsteigen? Wie könnte der Stadt­verkehr 2040 aussehen?

    „Wir müssen weg vom Individualverkehr“, fordert Andreas Wolf, Professor für Städtebau und Entwurf an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig. Er hat unter anderem die Bebauung des Kreisverkehrs am Clara-Zetkin-Park geplant und ist an den Entwürfen zum Wilhelm-Leuschner-Platz beteiligt. Seiner Meinung nach benötigt Leipzigs Verkehrsplanung dringend einen Wendepunkt: Integrierte Modelle müs­sen her – also eine Politik, die alle Verkehrsmittel, -teilnehmer und Komponenten wie Umwelt berücksichtigt. „Die letzte große strukturelle Verkehrsplanung in Leipzig gab es im Rahmen der Bewerbung um Olympia 2012. Kleine Maßnahmen wie Fahrradstraßen oder Nachttrams sind nette Gimmicks, gehen aber nicht die großen Strukturprobleme an.“

    Stadtplaner Wolf hat Vorschläge: Das Modell des autofreien Zentrums auf die erweiterte Innenstadt (beispielsweise Südvorstadt und Jahnallee) ausweiten, Spuranzahl verringern und einen begrünten Promenadenring wiederherstellen, der zum „Lustwandeln“ zu Fuß oder mit dem Rad einlädt. Vor allem: Bus und Bahn als Teile der Infrastruktur denken und kostenlos anbieten. Je weniger Anreize zum Autofahren, desto besser.

    Wer 20 Jahre in die Zukunft schaut, könnte autonom fahrende Busse auf Leipzigs Straßen rollen sehen. Derzeit testen die Leipziger Verkehrsbetriebe zwischen Messe und BMW-Werk zwei selbstfahrende Shuttles eines französischen Herstellers. Autonom fahrende Trams sind dagegen eher leise Zukunftsmusik, denn der innerstädtische Verkehr ist viel komplexer. Aber: „Es ist wahrscheinlich, dass 2040 Straßenbahnen teilautonom betrieben werden, zum Beispiel bei der Fahrt durch die Waschanlage“, sagt Christopher Szymula. Er studiert Verkehrsingenieurwesen an der Technischen Universität Dresden, ist Straßen­bahnfahrer in Leipzig und Mitglied der Gewerkschaft Verdi.

    Die Straßenbahn ist ein Schlüsselfaktor für die Zukunft des Leipziger ÖPNV. 80 Prozent der Fahrten im öffentlichen Nahverkehr werden mit ihr getätigt. Wenn die Stadt vom PKW weg will, muss sie auf die Straßenbahn bauen und vor allem: diese ausbauen. Denn die Bevölkerung wächst und damit auch die Zahl der täglich zu befördernden Menschen. „Wir rechnen bis 2030 mit 220 Millionen Fahrgästen pro Jahr“, sagt Stephan Rausch vom Verkehrs- und Tiefbauamt. Derzeit sind es etwa 156 Millionen. Für 2040 gibt es noch keine stabile Prognose, mit einem weiteren Anstieg ist aber zu rechnen.

    Für Straßenbahnfahrer Szymula ist die Frage nach der Zukunft des ÖPNV nur zu beant­worten, wenn sich die Dis­kussionsgrundlage ändert. „Wir müssen aufhören, das Auto als Maß der Dinge anzusehen. Es bietet einen Standard an Bequemlichkeit und Unabhängigkeit, der von alternativen Ver­kehrsmitteln fast unmöglich zu erreichen ist.“ Der Verkehr könne bis 2040 nur nachhaltig werden, wenn der sogenannte Um­welt­verkehr (ÖPNV, Rad- und Fußverkehr) im Mittelpunkt der Planung stehe. Szymula begrüßt das 365-Euro-Ticket prinzipiell, bleibt jedoch skeptisch: „Sozialverträgliche Preise nützen nichts, wenn das Verkehrssystem nicht leistungsstärker wird.“ Denn wenn die Bahnen überfüllt und unpünktlich sind, zu selten fahren oder bestimmte Strecken nicht abdecken, lässt niemand das Auto stehen.

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