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  • Walmart für Anfänger

    Kolumnistin Laura absolviert gerade ein Auslandssemester in den USA, wo das Einkaufen für sie zum Kulturerlebnis geworden ist. Zwischen Waffen, Lego und Schmerzmitteln findet sich eine Packung Oreos.

    Es ist Sonntag. Mein neuer Lieblingstag, seitdem ich in der Studierendenstadt Athens, Ohio mein Auslandssemester verbringe. Denn an diesem Tag fahren meine dänischen Mitbewohnerinnen und ich Lebensmittel für die kommende Woche einkaufen. Unser Ziel: Walmart, der größte private Arbeitgeber der Welt. Knapp 2,3 Millionen Angestellte arbeiten in über 11.300 Filialen, die in 27 Ländern vertreten sind.

    Unser erster Einkauf bei Walmart hat ungefähr vier Stunden gedauert. Meine Fitnessuhr hat mir 6.789 Schritte angezeigt und mich für meine herausragende Bewegung am frühen Morgen gelobt. Wir hatten definitiv nicht alles eingekauft, was auf der Einkaufsliste stand. Dafür war unser Einkaufswagen mit Sachen gefüllt, die absolut unnötig waren: zum Beispiel sieben verschiedene Sorten Oreo-Kekse, fünf verschiedene Geschmacksrichtungen des Sportgetränks Getorade, eine rosafarbene Dose Pfefferspray, zwei Football-T-Shirts und diverse tiefgefrorene Lebensmittel, die wir niemals in einem Tiefkühlschrank erwartet hätten. Trotzdem haben diese nutzlosen Sachen ihren Weg über das Warentransportband der Kasse wieder in unseren Einkaufswagen gefunden. Wie konnte das passieren? Meine Vermutung ist einerseits die Größe des Walmarts, die zur unausweichlichen Verzweiflung führt und andererseits die unschlagbare Strategie der Warenanordnung, die Kunden*innen subtil in Gänge leitet, in denen sie verführt werden, Dinge zu kaufen, die sie eigentlich nicht brauchen. Ganz leicht finde ich auf meiner Suche nach einem Zahnputzbecher, zwischen Bad-Artikeln wie Handtüchern, Badematten und Seifenspendern, eine glitzernde Taschenlampe.

    Kolumnistin Laura Camboni sitzt lachend im Kofferraum ihres Autos nach ihrem ersten Walmart-Einkauf in den USA.

    Kolumnistin Laura nach ihrem ersten Walmart-Einkauf (Foto: privat)

    Für meine Mitbewohnerinnen und mich ist nicht nur die Anordnung der Produkte ein Spektakel, sondern auch die Produkte an sich, die viel über die Kultur der US-Amerikaner*innen aussagt. Gleich rechts neben dem Eingang befinden sich sechs Gänge, die mit Schmerzmitteln, Immunsystem-Boostern und Tabletten zur Gewichtsabnahme bestückt sind. Links daneben stehen drei Gänge, die sämtliche Produkte für das Jagen bereithalten, inklusive Waffen mit Munition. Gegenüber von den Jagd- und pharmazeutischen Produkten befindet sich die Spielwarenabteilung. Wie praktisch! Während Papa nach einem neuen Gewehr sucht und Mama ihre Tabletten zur Gewichtsreduktion kauft, kann der kleine Timmy sich ganz ungestört nach Spielzeugen umschauen.

    Neben Fahrrädern, Vorhängen und elektronischen Geräten finden sich überraschenderweise auch Lebensmittel. Wer aber glaubt, auf frisches Obst und Gemüse zu stoßen, ist hier fehl am Platz. Wahrscheinlicher ist es, tiefgefrorene Tomaten und Trauben oder Auberginen und Äpfel in Dosen anzutreffen.

    Ein weiterer kultureller Unterschied, an den sich Europäer in den USA gewöhnen müssen, ist die Größe der Produkte. Einzelne Getränke zu finden, wie zum Beispiel eine Dose Cola, grenzt ans Unmögliche. Die kleinste Menge, die Walmart zu bieten hat, besteht aus 15 Dosen; Müslipackungen fangen bei einem Kilogramm an, Milch ab 2,5 Liter und Chips-Tüten sind so groß, dass Sie einen Warenkorb alleine ausfüllen. Zum Glück leben wir in einer Wohngemeinschaft und können uns diese Mengen an Lebensmittel teilen. Nur wie kaufen Singles in Amerika ein? Ich stelle mir vor, dass man als einzelne Person in den USA entweder nur von sogenanntem „take-out food,“, also Essen zum Mitnehmen, lebt oder nur einmal im Jahr einkaufen gehen muss.

    Ich kann es kaum erwarten, nächsten Sonntag wieder bei Walmart einkaufen zu gehen. Man weiß nie, was einen erwartet, welche unnützen Sachen am Ende im Einkaufswagen landen und was sich noch über die Kultur der US-Amerikaner*innen in Erfahrung bringen lässt.

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