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  • Eine Frage der Perspektive

    Bio-Paprika oder lieber die ohne Plastik? Ethische Entscheidungen im Supermarkt sind nicht leicht, aber sie können ein Anfang sein, findet Kolumnistin Hanna.

    Ich stehe neben dem Band und befinde mich in einer Art Trance. Das ewige Piepen der Kasse, die unzähligen Stimmen und das Knistern von Verpackungen verschwimmen in meinem Kopf zu einem Brei aus Tönen, in dem die einzelnen Geräusche nur schwer identifizierbar sind. Während ich warte, schweift mein Blick durch den Supermarkt und bleibt schließlich auf dem Kassenband hängen.

    Kolumnistin Hanna

    Der Mann vor mir packt bestimmt 56 Minitüten Katzenfutter aufs Band, jede einzeln in Plastik verpackt. Nun holt er noch fünf Packungen Billigwurst aus seinem Korb und platziert sie lieblos daneben. Hinter mir landen gerade gefühlt fünf Kilo Hack auf dem Band, daneben liegen verschiedene Tüten aus der Obst- und Gemüseabteilung. In einigen liegt gerade mal ein einzelner Apfel. Ich blicke auf meinen Einkauf und ärgere mich. Darüber, dass ich fünf Minuten lang darüber nachgedacht habe, ob ich nun die Bio-Paprika in Plastik verpackt oder die Nicht-Bio-Paprika ohne Plastik kaufe. Darüber, dass ich die passierten Tomaten im Glas genommen habe, damit ich den Behälter noch für meine Haferflocken aus dem Unverpacktladen nutzen kann. Und darüber, dass ich meine Karotten alle lose auf dem Band drapiert habe und sie mir dabei beinahe auf den Boden gefallen wären.

    Meine Einkäufe nehmen etwa ein Viertel des Kassenbands ein. Der Rest ist ein Sammelsurium aus Billigfleisch, Fertigprodukten und ganz viel Plastik. Wieso verschwende ich eigentlich meine Zeit mit ethischen Überlegungen beim Einkauf, wenn andere Menschen scheinbar keine Sekunde darüber nachdenken, welche Produkte sie kaufen?

    Mir ist natürlich bewusst, wie privilegiert meine Situation ist. Ich kann es mir leisten, gesund einzukaufen und ab und zu sogar, in den Unverpackt- oder Bioladen zu gehen. Trotzdem werde ich beim Betrachten der Einkäufe der anderen Menschen in der Schlange wütend. Es kostet nichts, die Tüten wegzulassen oder für die Katze einen großen Sack Futter zu kaufen – nicht einmal Zeit.

    Doch dann realisiere ich, dass man das Bild auch anders betrachten kann: Meine Einkäufe nehmen etwa ein Viertel des Kassenbands ein! Die Menschen vor und hinter mir kommen also auch nicht drum herum, meine losen Karotten, meine beinahe vom Band rollende Paprika und meine passierten Tomaten im Glas zu betrachten. Sie werden sich vielleicht wundern. Vielleicht werden sie kurz darüber nachdenken, weshalb meine Äpfel nicht in einer Plastiktüte stecken und ihre schon.

    Das hebt meine Stimmung ein bisschen. Beim Bezahlen muss die Kassiererin lachen, als sie all die Karotten über das Scangerät hebt. Auch sie wird sich vielleicht wundern. Und ist das nicht ein Anfang?

     

    Titelbild: Hanna Lohoff

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