• Wahljahr 2019
  • Leipzig
  • Das eigene Vorbild sein

    Luise Mosig

    Seit ihrem Studienbeginn vor sechs Jahren ist Judith Münch politisch aktiv. Früher war sie im Fachschaftsrat und der Liberalen Hochschulgruppe, heute will die Biochemikerin für die FDP in den Landtag.

    In Judith Münchs Leben verändert sich gerade so einiges. Sie hat ihr Masterstudium der Biochemie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg vor Kurzem abgeschlossen, bewirbt sich nun auf ein Promotionsstudium und tritt gleichzeitig das erste Mal als Direktkandidatin bei den sächsischen Landtagswahlen am 1. September an, für die FDP. Die 25-Jährige wohnt in Leipzig-Wahren und buhlt im Wahlkreis 30 (Leipzig 4) unter anderem mit Michael Weickert (CDU) und Marco Böhme (DIE LINKE) um die Erststimme auf dem Wahlzettel. Ihr Gesicht grinst derzeit – umrahmt von einem roten Lockenschopf – unter anderem in Lindenau, Plagwitz und Böhlitz-Ehrenberg von den Plakaten.

    Politisiert wurde Münch nach eigener Aussage durch ihre Sozialkundelehrerin auf dem Erfurter Gymnasium. „In der Oberstufe durfte ich eine Diskussionsrunde mit verschiedenen Politikern moderieren, da war sogar der Landesvorsitzende der FDP Thüringen in unserer Schule“, erzählt sie. Während ihres Bachelorstudiums in Leipzig belebte sie dann die FDP-nahe Liberale Hochschulgruppe Freier Campus gemeinsam mit Maximilian König wieder. Durch verschiedene hochschulpolitische Ämter im Fachschaftsrat, Fakultätsrat und Erweiterten Senat merkte die Studentin, „dass man durch politisches Engagement wirklich was verändern kann“. 2016 trat sie der Leipziger Ortsgruppe der Jungen Liberalen bei, heute ist sie im Landesvorstand der FDP Sachsen und Schatzmeisterin der Jungliberalen Aktion Sachsen.

    Doch warum die FDP? „Richtig politisiert wird man ja meistens erst, wenn man sich an etwas stößt“, erklärt Münch. In vielerlei Hinsicht nimmt sie den Staat „als Bürokraten, als Blockierer“ wahr. „Dabei soll er doch ein Partner sein, der einem dabei hilft, seine Träume zu verwirklichen“, meint die gebürtige Thüringerin. Auf der Facebookseite der FDP Sachsen fordert sie in einem Wahlkampf-Posting, dass Sachsen „seine Azubis genauso wertschätzen soll wie seine Studenten“. Ihrer Meinung nach sollten Berufs- und Meisterausbildungen besser finanziell unterstützt werden, der Unterricht in der Berufsschule individuell auf die Praxis- beziehungsweise Theoriebegabtheit der Schüler angepasst werden. Gleichzeitig betont sie, dass natürlich auch für Studierende keine optimalen Bedingungen in Sachsen herrschen.

    Geht es um den sekundären Bildungssektor, lehnt Münch längeres gemeinsames Lernen oder gar eine Gesamtschule, wie Die LINKE sie fordert, ab. „Ich denke, es ist möglich, nach vier Jahren Grundschule einzuschätzen, ob ein Kind eher theoretisch oder praktisch begabt ist und damit
    eher für Gymnasium oder Oberschule geeignet ist.“ Anstatt einer kompletten Umgestaltung des aktuellen Bildungssystems solle der Freistaat seinen Schulen lieber mehr freiverwaltbares Budget zur Verfügung stellen. So könnten Schulen beispielsweise Projektwochen realisieren oder fachspezifische Schwerpunkte setzen, ohne jedes Mal einen entsprechenden Antrag stellen und lange Verwaltungswege zurücklegen zu müssen.

    Neben der Kinderbuchautorin Kristin Franke ist Judith Münch die einzige weibliche Direktkandidatin, die die FDP in Leipzig aufstellt. Insgesamt finden sich gerade einmal acht Frauen unter den 60 Direktkandidaten der FDP Sachsen. Münch bezeichnet sich selbst als Feministin und nennt das Thema Frauenförderung als einen ihrer Schwerpunkte. „Als Naturwissenschaftlerin und auch als Politikerin bekomme ich oft zu spüren, dass wir Frauen in diesen Gebieten gefühlte Minderheiten sind“, sagt sie. Beim Thema Feminismus sprudelt es aus ihr heraus, mit jedem Satz prangert Münch neue Stolpersteine an, die Frauen in den Weg gelegt werden. Partei-intern gehe es ihr um die ganz einfachen Mittel, mit denen man gleiche Voraussetzung für Frauen und Männer schaffen könne. „Manche Frauen haben eine eher zaghafte und hohe Stimme, die im Gegensatz zur tiefen Bassstimme einiger Parteikollegen einfach untergeht, wenn bei Veranstaltungen kein Mikrofon zur Stelle ist.“ Münch hat offenkundig viele Situationen erlebt, in denen sie als junge Politikerin nicht ernst genommen wurde. „Als ich in die Politik ging, habe ich nur wenige weibliche Vorbilder gefunden. Also dachte ich: ‚Sei einfach dein eigenes Vorbild!‘“ Sie hofft, mit ihrer Kandidatur innerhalb der FDP Frauen zu ermutigen, den gleichen Schritt zu gehen. „Wir müssen zusammenhalten und ein Netzwerk bilden, um uns gegenseitig zu unterstützen“, sagt Münch mit voller Überzeugung.

    Partei-extern fordert sie flexiblere Betreuungszeiten in Kitas und Schulen, „das ist viel effektiver als eine Frauenquote“. Auch Supermärkte, die an Sonntagen öffnen, und Behörden, die ihre Dienste digital anbieten, würden laut Münch Frauen erheblich unterstützen.

    Die FDP-Politikerin buhlt im Wahlkreis 30 (Leipzig 4) als Direktkandidatin um die Erststimme. (Foto: Luise Mosig)

    Beim Thema Energieträger braucht es ein paar Nachfragen, damit die FDP-Politikerin aus „Man muss ergebnisoffen über Kernenergie sprechen“ den Satz „Ich bin Unterstützerin der Kernkraft“ macht. Googlet man ihren Namen, lautet einer der ersten Vorschläge „Judith Münch FDP Atomkraft“ – schon auf dem LVZ-Wahlforum Ende Juli sprach sich Münch für eine Wiederbelebung der Kernkraft aus, danach gab es Kritik im Netz von der Linksfraktion. Denn wer ein Atomkraftwerk in Sachsen bezahlen soll, wo es stehen soll und wie das mit dem Kernkraftausstieg Deutschlands bis 2022 einhergeht – darauf hat Münch, wie andere Landtagskandidierende der FDP, AfD und CDU, keine Antworten. Als einziges Problem sieht sie aktuell, dass niemand Atomkraftwerke versichern würde. Alle anderen Details müssten später genauer erörtert werden und sind keine Wahlkampfinhalte, meint Münch und verdreht die Augen.

    Trotz ihrer spürbaren Wahlkampf-Euphorie und Leidenschaft für Politik bleibt Judith Münch realistisch: Laut der neusten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey werden etwa fünf Prozent der Sachsen die Liberalen wählen, mit Listenplatz 16 gehen ihre Chancen gegen null. Doch auch, wenn sie mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht als Abgeordnete in Dresden sitzen wird, bezeichnet sie die Arbeit in der FDP als „Privileg“. Sie freut sich darauf, ehrenamtlich mitzuwirken. Letztendlich ist Politik für sie „Haupthobby“, das ihr in erster Linie „viel Spaß“ bereitet.

     

    Bis zum 1. September laden wir Porträts von Leipziger Kandidierenden für die Landtagswahl hoch. Die porträtierten Personen gehören verschiedenen Parteien an; die Artikel werden in zufälliger Reihenfolge veröffentlicht.

     

    Titelbild: Michael Gehrhardt

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