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  • Solidarität in der Unfallchirurgie

    Wie werden Kriegsverletzte aus der Ukraine am Uniklinikum Leipzig behandelt? Ein Einblick in den Klinikalltag, medizinische Herausforderungen und die Erfahrungen der behandelnden Ärzt*innen.

    Warnung vor sensiblen Inhalten: Verletzungen.

    Als sie in Leipzig ankommt, hat sie bereits ein Bein verloren. Die 19-jährige Ukrainerin ist in ihrer Heimat von einer Granate getroffen worden. Ihr anderes Bein ist chronisch infiziert. Am Universitätsklinikum Leipzig (UKL) beginnt ihre Behandlung, die dreieinhalb Jahre dauern wird. „Das war der erste Fall, bei dem alle hier gemerkt haben, dass jetzt etwas ganz Schlimmes passiert“, erinnert sich Unfallchirurg Christian Kleber.

    Kleber leitet den Bereich Unfallchirurgie am UKL und ist Professor für Unfallchirurgie an der Universität Leipzig. Seit Beginn der russischen Vollinvasion im Februar 2022 hat das Klinikum nach eigenen Angaben 17 Kriegsverletzte aus der Ukraine behandelt. Einer von ihnen liegt zum Zeitpunkt des Gesprächs mit luhze stationär im UKL. Hinter jedem einzelnen Fall stehe eine monatelange, manchmal jahrelange Behandlung. Schwere Infektionen und große Wunden träfen auf psychische Belastungen wie posttraumatische Belastungsstörungen.

    Die Art der Verletzungen, die am UKL behandelt werden, hat sich seit 2022 verändert. Zu Beginn der russischen Vollinvasion seien noch Menschen wenige Wochen nach ihrer Verletzung und teilweise mangelernährt nach Leipzig gekommen, erzählt Kleber. „Derzeit kommen ausnahmslos Patienten zu uns, denen bereits Hilfe geleistet wurde, aber unter den derzeitigen Umständen in der Ukraine ist es nicht mehr möglich, sie medizinisch weiter zu versorgen.“ Dazu zählen vor allem große Knochen- und Weichteildefekte, schwere Infektionen oder Fälle, in denen spezielle Prothesen erforderlich sind. Aufgrund der Kriegsbedingungen fehlen teilweise die Ressourcen für eine derart komplexe und langwierige Behandlung.

    Eine besondere medizinische Herausforderung für das Behandlungsteam am UKL sind multiresistente Erreger: Bakterien, gegen die mehrere Antibiotika nicht mehr helfen. Sie können entstehen, wenn Patient*innen bereits über einen längeren Zeitraum mit Antibiotika behandelt wurden. Laut Kleber sind die Kriegsverletzten, die heute ins UKL eingeliefert werden, fast alle Träger*innen solcher Erreger.

    Das UKL verfügt über eine eigene Abteilung für septische Chirurgie, die auf Infektionen des Bewegungsapparats spezialisiert ist. Die Versorgung wird interdisziplinär koordiniert: Gemeinsam besprechen Fachärzt*innen aus verschiedenen Bereichen den Zustand einzelner Patient*innen und deren Antibiotikatherapie. Die Mikrobiologie am UKL testet Kleber zufolge Kombinationen verschiedener Antibiotika, um Behandlungsmöglichkeiten für besonders resistente Erreger zu finden. „Das ist immer ein Wettlauf“, sagt Kleber. „Wir entwickeln etwas Neues, lassen uns ständig neue Dinge einfallen, und die Bakterien passen sich ständig an.“

    Teilweise wird der Weg der Patient*innen ins UKL über Hilfsorganisationen, die Notaufnahme oder die Sprechstunde vermittelt. Der offizielle Weg ist aber über das deutsche Kleeblattsystem, dass die Verlegung von Intensivpatient*innen regelt, um regionale Überlastung zu vermeiden. Wie auf der Webseite des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe zu lesen ist, stammt das Verfahren aus der Coronazeit und wurde mit dem Beginn des russischen Angriffskrieges weiterentwickelt, um Patient*innen aus der Ukraine nach Deutschland zu verlegen. Patient*innen werden also auf die sogenannten regionalen Kleeblätter – Zusammenschlüsse von mehreren Bundesländern – verteilt und innerhalb dieser auf die Kliniken. Um zu beurteilen, welche*r Patient*in wo am besten aufgehoben ist, spielen die sogenannten Traumanetzwerke eine Schlüsselrolle. Das Projekt vernetzt Krankenhäuser, die regelmäßig Schwerverletzte versorgen. Kleber leitet das Traumanetzwerk Westsachsen: „Es ist ein solidarisches System zwischen den Unfallchirurg*innen, bei dem wir nach medizinischen Indikationen entscheiden, wo wer am besten aufgehoben ist.“

    Da die Fälle häufig so komplex seien, flössen die Erfahrungen aus ihrer Behandlung auch in die medizinische Lehre ein. Kleber bespreche sie in orthopädischen und unfallchirurgischen Vorlesungen und Kursen. Auch Studierende im Praktischen Jahr könnten bei der Behandlung Einblicke erhalten. „Ein normaler deutscher Unfallchirurg hat mit solchen Verletzungen meist nichts zu tun“, sagt Kleber. Die Erfahrungen aus der Behandlung würden deshalb auch über das UKL hinaus weitergegeben: Ärzte aus anderen Kliniken besuchten Vorträge, um vom Konzept der septischen Chirurgie zu lernen.

     

    Titelfoto: ac

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