Ein Ort zwischen Tod und Leben
Leipzigs Friedhöfe sind nicht nur Orte der Erinnerung, sondern auch wertvolle Lebensräume für Tiere und Pflanzen. Naturschutz und Bestattungskultur gehen hier Hand in Hand.
Der Südfriedhof Leipzig ist ein idyllischer Ort zum Ruhen, Trauern und Spazieren. Die knorrigen Bäume, die verwachsenen Grabmäler und die üppigen Blumen bringen Gäste zum Staunen. Doch nicht nur Menschen finden auf dem Südfriedhof eine Ruhestätte. Nicht selten trifft man auf ein Eichhörnchen, einen Vogel oder ein Reh. Friedhöfe sind häufig städtische Lebensräume für viele Tierarten. Mit dem Projekt „Lebendige Friedhöfe“ macht der Umweltschutzverbund Nabu auf diesen Lebensraum aufmerksam und versucht, ihn zu unterstützen. Ursprünglich kommt die Idee aus Bonn, seit vielen Jahren wird sie vom Nabu Leipzig umgesetzt.
Das Projekt stellt auch eine Säule in der Bildungsarbeit des Vereins dar. Zum Beispiel ist eine vom Nabu organisierte Abendveranstaltung auf dem Südfriedhof seit 2015 Bestandteil des Wave-Gotik-Treffens.
„Die Bestattungskultur hat sich verändert“, erzählt René Sievert, Vorsitzender des Nabu. „Durch Urnenbestattungen gibt es viele freie Flächen auf Friedhöfen und die Natur ist sowieso da.“ Friedhöfe hätten zudem den Vorteil, dass sie ruhiger seien als Parks und weniger Lichtverschmutzung aufwiesen. Außerdem würden sie unter besonderem Schutz stehen: „Bei Parkanlagen und anderen Freiflächen beobachten wir häufig, dass kommerzielle Interessen schwerer wiegen als Naturschutz, und am Ende doch gebaut wird“, sagt Sievert. Friedhöfe dagegen seien meist dauerhaft bewahrte Lebensräume.
Rüdiger Dittmar vom Amt für Stadtgrün und Gewässer bestätigt, dass Friedhöfe durch das Bestattungsgesetz geschützt sind. Zusätzlich sind die Leipziger Friedhöfe im Masterplan Grün als Teil des dauerhaft zu erhaltenden Netzes festgeschrieben. „Friedhöfe erfüllen viele Funktionen für die Stadt: Sie sind Orte der Bestattung und Erholung, leisten aber auch einen Beitrag zur Biodiversität und zum Stadtklima.“
Das Amt für Stadtgrün und Gewässer versuche schon länger, mit Blühwiesen, einem Teich mit naturnahen Uferzonen oder Steinhaufen verschiedenen Tierarten einen Lebensraum auf den Leipziger Friedhöfen zu schaffen. Außerdem kooperieren die sieben kommunalen Friedhöfe mit dem Nabu, um das Projekt „Lebendige Friedhöfe“ zu realisieren. „Das ist eine schöne Kooperation“, findet Dittmar, auch mit Blick auf die Öffentlichkeitsarbeit.
„Zwar werden die Maßnahmen überwiegend positiv aufgenommen, dennoch wird hin und wieder gefragt, warum denn der Rasen nicht gemäht wurde“, erklärt er. Deshalb sei Öffentlichkeitsarbeit, wie etwa durch die Führungen des Nabu auf den Friedhöfen, so wichtig. Gleichzeitig informierten die Gärtner*innen vor Ort über den Hintergrund von Wiesen und Steinhaufen.
Um auf Friedhöfen den Artenschutz mitzudenken, sei es laut Sievert wichtig, in die gärtnerische Pflege nicht nur ästhetische Aspekte einzube- ziehen, sondern auch Ecken naturnah zu lassen. Es müsse auch einmal etwas frei wachsen oder ein Astloch bleiben dürfen. Heimische Pflanzenarten würden meist bessere Habitate und mehr Nahrung für Tiere bieten. „Dabei lassen sich Ästhetik und Artenschutz vereinen“, findet Sievert. „Aber man muss sich halt als Friedhofsverwaltung darauf einlassen.“
Auf dem Südfriedhof gibt es zum Beispiel Blühwiesen, die nur einmal im Jahr gemäht werden. Außerdem werden Laub-, Stein- oder Totholzhaufen liegen gelassen, um Tieren einen Unterschlupf zu gewähren. „Das sind Maßnahmen, die die Friedhofspflege in Eigenregie umsetzt“, sagt Sievert.
Ein weiterer Ansatz sind die Nisthilfen für Brutvögel und Fledermäuse, die der Nabu überall eingerichtet hat. Besonders begehrt ist der Nistkasten im Turm des Krematoriums. „Darum streiten sich eine Dohle und ein Turmfalke jedes Jahr aufs Neue“, schmunzelt Sievert. Unter einer Treppe gebe es zudem Winterquartiere für Fledermäuse, die tatsächlich eher im Sommer genutzt würden. Auch an den Bäumen hängen überall Nistkästen für Vögel. Diese werden vom Nabu und freiwilligen Helfer*innen regelmäßig gesäubert.
„Oft sind wir uns kaum bewusst, wie viele Tiere in der Stadt wohnen und dass diese auch einen Lebensraum brauchen“, sagt Sievert. Außerdem hätten Friedhöfe als unversiegelte Flächen mit altem Baumbestand eine große Relevanz für das Stadtklima. Sie würden wertvoller, da viele neugepflanzte Bäume aufgrund der Dürre nicht so gut wachsen.
Bei Führungen und Arbeitseinsätzen achte der Nabu darauf, Trauernde nicht zu stören. Negatives Feedback habe der Verein von diesen noch nicht bekommen. „Mit der Natur in Kontakt zu kommen, kann sogar förderlich für das Seelenheil sein“, findet Sievert.
Fotos: Anna Clasen
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