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  • Von Baustellen und Verbundenheit

    Selin Erdogan ist 22 Jahre alt und Kulturwissenschaftsstudentin. Sie schreibt Lyrik und wissenschaftliche Publikationen, in denen sie die Fragilität zwischenmenschlicher Beziehungen untersucht.

    Im ehemaligen Kino der Jugend trägt Selin ihre Lyrik vor. Hinter ihr die Reste einer einst imposanten Kinoleinwand. Vor ihr blickt ihr ein Publikum mit weißen Baustellenhelmen entgegen. Das in den 1920er-Jahren erbaute Gebäude am hinteren Ende der Eisenbahnstraße war mit seinem eindrucksvollen Saal im Art-Deco-Stil lange ein Teil der Leipziger Kulturszene. Nach Jahren des Leerstands steht das Gebäude heute als Baustelle da. Die IG Fortuna belebt diesen geschichtsträchtigen Ort wieder und ermöglicht es Initiativen, den Saal als Veranstaltungsort zu nutzen.  Heute Abend ist die Solidarische Lesebühne zu Gast. Die Aktionsgruppe organisiert monatlich zwei Lesungen und sammelt Spenden für antifaschistische und zivilgesellschaftliche Initiativen im sächsischen Raum. Die Lesung steht passend zum Ort unter dem Thema „Baustelle“, zu dem die Lesenden ihre Texte ausgewählt und im großen Saal mit einem kleinen, literaturinteressierten Publikum teilten.   

    Bevor Selin zu lesen beginnt, verliert sie nicht viele Worte. Mit ruhiger Stimme lädt sie das Publikum in ihre Lyrik ein, in der sie Beziehungen reflektiert und zwischenmenschliche Dynamiken sowie individuelle und kollektive Verbindungen behandelt. Während sie liest, fällt ihr der kurze Bob ins Gesicht und erinnert an die Frisur der Protagonistin aus Jean-Pierre Jeunets „Die fabelhafte Welt der Amélie“.  

    „Es geht darum, ein Leben zu leben, in dem man permanent in Verbindung ist“ 

    Zwei Tage später vor der Albertina: Bei Mate und Kaffee eröffnet sich ein tieferer Einblick in die Lyrik und die Person, die sie verfasst.  

    Die Baustellen-Lesung im ehemaligen Kino der Jugend. Foto: Selin Erdogan

    „Die Menschen, die im Text vorkommen, saßen auch mit im Publikum“, erzählt sie und lächelt. Im Kern gehe es um Verbundenheit. Darum, „ein Leben zu leben, in dem man permanent in Verbindung ist. Mit wenigen Erwartungen im Zwischenmenschlichen, aber dennoch mit tiefer Fürsorge und dem Wunsch, verbunden zu sein.“ Sie spricht von einer  „komplizenschaftlichen Liebe“: Einer Beziehung, in der man in Unsicherheit zusammen sein könne, ohne zu wissen, wie die Zukunft aussehe. In der man sich liebe, ohne den anderen besitzen zu wollen, auch wenn das nicht immer leicht sei.  

    Zwei Jahre lang hat sie an diesem Text gearbeitet, immer wieder und über längere Zeit – wie an einer Baustelle. In dieser Zeit besucht Selin zur Inspiration des Öfteren Ruinen und verfallene Gebäude. Sie beschreibt sie als „Orte, die von der Zeit geprägt sind“.    

    „Ich schreibe, um an die Grenze zu kommen, von dem, was ich bin“ 

    Mit elf oder zwölf Jahren fand die 22-Jährige zum Schreiben. Angestoßen durch das, was sie rückblickend als ihre erste Sinnkrise beschreibt. Gewalterfahrungen in der Jugend prägten ihre frühen Schreibprozesse sehr, im Zentrum stand die Verarbeitung von Traumata und die Frage nach dem Warum, die den Werken immer eine gewisse existenzielle Schwere beilegten. Während das Schreiben anfangs ein impulsiver Ausbruch war, wurde daraus später der Wunsch, gesehen zu werden – und das Schreiben selbst zur Antwort. 

    Früher ginge es ihr vor allem darum, mit dem Schreiben sichtbar zu werden und damit die Momente zu kompensieren, in denen sie sich unsichtbar fühlte. Durch das Schreiben habe sie einen Weg gefunden, ihre Erfahrungen zu verarbeiten und eine Verbindung zu sich selbst herzustellen, um “vom einen zum anderen zu kommen.” Heute weiß sie: „Ich schreibe, um an die Grenze zu kommen, von dem, was ich bin.“   

    „Kultur ist auch sich hinsetzen und etwas basteln“ 

    Seit etwa zwei Jahren engagiert sich Selin bei der Garage Ost. „Kultur ist auch sich hinsetzen und etwas basteln“, sagt sie und spricht von der verbindenden Wirkung des Ortes. Sie beschreibt die Garage Ost als einen Ort „der von Unstruktur leben möchte“. Eine Aufgeschlossenheit ohne festgefahrene Strukturen, die den Treffpunkt für sie so authentisch mache. Entscheidend sei für sie auch, die fundamentale Offenheit der Leipziger Kulturszene, die sie aus ihrer Heimat in Unterfranken lange nicht gewohnt war. Als nicht-weiße Person in einem weißen Umfeld aufgewachsen, sei sie durch schlechte Erfahrungen mit Gewaltdynamiken und Männern früh politisiert worden und findet: „Es muss Orte geben, die die Leute vermischen“.   

    „Es gibt hier so viele Menschen, die Verbundenheit suchen und mehr von der Welt wollen“ 

    Mit 15 Jahren entschied sie sich, während eines Schulausflugs für die Stadt Leipzig. Fünf Jahre bevor sie tatsächlich herzog. „Es gibt hier so viele Menschen, die Verbundenheit suchen und mehr von der Welt wollen“, erklärt sie. Nachdem sie in Würzburg ihren Bachelor in Politikwissenschaft und Soziologie absolvierte, wählte sie aufgrund der dort behandelten Theorien einen Master in Kulturwissenschaften an der Universität Leipzig.  

    Ein Deutschlandstipendium erleichtert ihr das Studium. „Es ermöglicht mir das Privileg zu entscheiden, mit wem ich in ein Beschäftigungsverhältnis treten möchte“. Zudem sei es eine große Unterstützung für ihre Arbeit in der freien Szene, die finanziell viel Unsicherheit mit sich bringe.  

    „Es war schön, Leute kennenzulernen, die auf die gleiche Weise nerdy sind“ 

    Als eine von 24 jungen Menschen gewann Selin im letzten Jahr mit ihrem Gedicht „Nein“ den Bundeswettbewerb für junge Lyrik. Auf der Leipziger Buchmesse durfte sie ihren Text anschließend vorlesen. „Es war schön, Leute kennenzulernen, die auf die gleiche Weise nerdy sind“, sagt sie und lächelt schief. Die Erfahrung sei für sie spannend gewesen und habe ihr neue Freundschaften gebracht. „Das, was davon geblieben ist, ist schön“, fasst sie zusammen.  

    „Schreiben entsteht durch andere hindurch, Kunst in und mit Gemeinschaft“, findet Selin. Ob durch Orte, die Menschen zusammenbringen, durch Wettbewerbe, aus denen neue Kontakte  hervorgehen, oder Lyrik, die durch Verbindung entsteht. Nach dem Gespräch bleibt vor allem eine Erkenntnis: Es geht immer um Verbundenheit.  

     

    Titelbild: Selin Erdogan

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