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  • Über das Reisen und politische Umbrüche

    Unter dem Motto „Donau – Unter Strom und zwischen Welten“ präsentierte die Leipziger Buchmesse erstmals statt eines Gastlandes ein Fokusthema. Eindrücke vom ersten Messetag auf der Donaubühne.

    Mit über 2.800 Kilometern ist die Donau der zweitlängste Fluss Europas. Doch nicht nur deshalb soll Napoleon über die Donau gesagt haben, dass sie die „Königin der Flüsse Europas“ sei. Denn mit Deutschland, Österreich, der Slowakei, Ungarn, Ukraine, Serbien, Kroatien, Rumänien, Moldau und Bulgarien durchfließt die Donau auf ihrem Weg bis zum Schwarzen Meer gleich zehn Länder. Dadurch ist der Donauraum geografisch und kulturell von einer großen Vielfalt geprägt.

    „Die Donau ist ein wahrhaft europäischer Fluss. Er verbindet und trennt Ost und West gleichermaßen. Migration, Vielsprachigkeit, vielfältige Identitäten und das Ringen politischer Mächte um Einfluss prägen auch die Literatur des Donauraums bis heute“, sagt Stephan Ozsváth im Vorfeld der Leipziger Buchmesse 2026. Der frühere ARD-Südosteuropa-Korrespondent verantwortete als Kurator den diesjährigen Themenschwerpunkt der Buchmesse. Unter dem Motto „Donau – Unter Strom und zwischen Welten“ sollte die literarische Diversität der Donauregion verdeutlicht werden. Mehr als 50 Autor*innen diskutierten die Ambivalenz der Donauregion oder deren historisch-politische Entwicklung und gaben Einblicke in ihre literarische Arbeit. luhze stellt drei von ihnen vor:

    Dimitré Dinev: 13 Jahre, fast 1.200 Seiten

    Dinev liest aus seinem Roman Zeit der Mutigen. Foto: eb

    Die Donau zieht sich als roter Faden durch den Roman „Zeit der Mutigen“ durch. In seinem zweiten Roman schreibt der österreichisch-bulgarische Autor Dimitré Dinev über zwei verzweigte Familien aus Österreich und Bulgarien, deren Schicksale über Generationen hinweg miteinander verbunden sind.

    Im Gespräch mit Stephan Ozsváth sorgte Dinev bei der Eröffnung der Donaubühne schon zu Beginn für Gelächter, als er über die Arbeit an dem Buch sprach. „Irgendwann haben mir meine Stipendiengeber nicht mehr geglaubt, dass ich an dem Buch arbeite“, sagt er. 13 Jahre habe er an seinem Roman geschrieben, am Ende entstand ein fast 1.200-seitiges, etwa 800 Gramm schweres Buch. Den Entstehungsprozess vergleicht er mit einer Pilgerreise: „Je länger die Reise geht, desto mehr fällt von einem ab. Es war wie ein Reinigungsprozess für mich selbst.“ Die Arbeit hat sich gelohnt: 2025 wurde „Zeit der Mutigen“ mit dem Österreichischen Buchpreis ausgezeichnet.

    Martin Zinggl: Als Vegetarier im Balkan

    Martin Zinggl im Gespräch mit Tino Schlench. Foto: eb

    Eine lange Reise hat auch Martin Zinggl hinter sich – und zwar wortwörtlich.  Nach einer Gesichtslähmung sollte der Reporter laut einer Empfehlung des Arztes abschalten. Am besten gehe das für ihn in Bewegung, dachte sich Zinggl. Da die immer gleichen Spazierrunden bald zu langweilig wurden, brauchte es eine neue Herausforderung. Statt dem ausgetretenen Pilgerpfad nach Santiago de Compostela entschied er sich für den Sultanstrail. Es folgten rund 2.400 Kilometer von Wien nach Istanbul. In „Das ist kein Spaziergang“ schreibt Zinggl über seine Reise quer durch Europa und Begegnungen mit Straßenhunden, Schwurblern oder ehemaligen Soldaten.

    Im Gespräch mit dem Moderator Tino Schlench verriet er, wie er sich stetig mit „Mini-Zielen“ motivierte, um die Strecke nach Istanbul zu bewältigen: „Ich dachte zunächst von Acker zu Acker, von Dorf zu Dorf. Irgendwann habe ich es nach Bratislava geschafft. Und dann dachte ich mir: Ich schaffe es auch nach Istanbul.“ Eine kulinarische Herausforderung auf der Reise sei mit Sicherheit gewesen, dass er als Vegetarier durch Länder reiste, die für ihre eher fleischlastige Küche bekannt sind. „Ich habe in meinem Leben noch nie so viel Käsebrot gegessen“, sagt Zinggl.

    Iulian Ciocan: Im Schatten russischer Bedrohung

    Messestand des Fokusthemas. Foto: eb

    Iulian Ciocan legt den Fokus auf die politischen Umbrüche in seinem Heimatland. In seinen Romanen beschreibt er die politischen Konfliktlinien in Moldau seit dem Ende der Sowjetunion und das Leben in einem Staat im Schatten der Bedrohung durch Moskau. Durch den Konflikt um Transnistrien oder dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine steht Moldau vor großen Herausforderungen. Auf der Donaubühne erzählte Ciocan, wie sich sein Heimatland immer noch in einer Art des provisorischen und instabilen Stadiums befindet, wie es schon in den 1990er-Jahren der Fall war. Auch aus diesem Grund betont Ciocan die Bedeutung eines möglichen EU-Beitritts Moldaus, mit dem „wir uns nicht mehr fragen müssen, was morgen kommt.“

    Insgesamt 87 Veranstaltungen aus dem Programm der Leipziger Buchmesse haben die Literatur des Donauraums in den öffentlichen Fokus gerückt. Welches Thema 2027 im Rampenlicht stehen oder ob es doch wieder ein einzelnes Gastland geben wird, steht noch nicht fest. Die nächste Leipziger Buchmesse findet vom 18. bis 21. März 2027 statt. Bis dahin bleibt genug Zeit, sich in die Literatur der Donauregion zu vertiefen – die diesjährige Ausgabe der Buchmesse gab einen ersten, umfassenden Einblick.

    Titelbild: eb

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