Mehr als Eskapismus: Die ausgezeichneten Bücher des Literaturpreises Seraph
Auf der Bühne fließen Tränen, im Saal wird gejubelt: Der Fantasy-Literaturpreis SERAPH 2026 zeigt, wie persönliche Geschichten und gesellschaftspolitische Themen in der Phantastik zusammenfinden.
„Vieles, das einmal Phantastik war, ist heute unsere Realität. Von Virtual Reality, über Videotelefonie – all das war Teil von Science-Fiction- und Fantasy-Romanen, lange bevor es Teil unseres Alltags wurde.“ So leitet Andreas Knaut, Unternehmenssprecher der Leipziger Messe GmbH, die Preisverleihung des SERAPH Preises 2026 ein. Er betont die gesellschaftspolitische Kraft, die in magischer und phantastischer Literatur stecke: Das Erschaffen ferner Welten ermögliche einen klareren, kritischen Blick auf die unsere.
An diesem 20. März sollen zum 15. Mal diejenigen Bücher ausgezeichnet werden, denen es am besten gelingt, ihren Leser*innen das Abtauchen in ferne, fabelhafte Welten zu ermöglichen. Der SERAPH ist ein Jurypreis für die besten deutschsprachigen Romane der Phantastik. Der Name „SERAPH“ stammt aus der judäo-christlichen Mythologie und bezeichnet die höchste Engelshierarchie. Die Flügel dieses Engels heißen Seraphim. Sie stehen sinnbildlich für die drei zentralen Subgenres der Phantastik: Science-Fiction, Fantasy und Horror.
Die Preisträger*innen werden von einer unabhängigen Jury aus 28 Expert*innen bestimmt. Seit 2012 wird er von der Phantastischen Akademie jährlich in Kooperation mit der Leipziger Buchmesse verliehen – in den Kategorien Bester Roman, Bestes Debüt, Bester Independent-Titel und in diesem Jahr erstmals auch Bestes Jugendbuch. Alle Preise sind dotiert, in diesem Jahr mit jeweils 8.000 Euro. Vier der insgesamt 38 nominierten Romanen gewinnen.
Die Verleihung beginnt. Orchestermusik, Goldstaub auf schwarzem Grund: Auf großen Leinwänden wird der Trailer des SERAPH gezeigt und ist so episch, wie es sich für eine Veranstaltung des Fantasy-Genre gehört. Nach Knaut führen Hanka Leo, erste Vorsitzende der Phantastischen Akademie, und Natalja Schmidt, Verlegerin und Autorin, durch die Verleihung. Beide tragen schwarze Samtkleider, strahlen, brennen für phantastische Literatur.
Den erstmalig für das beste Jugendbuch verliehenen SERAPH-Preis erhält Sarah M. Kempen für „Lichterloh – Stadt unter Ruß“. Es ist der erste Teil einer dystopischen Trilogie. Kempen erzählt die Geschichte der Schwestern Cleo und Gwynnie, die in einer von Asche bedeckten Welt leben. Es geht um Aufstieg und Klassismus, um Luft, so schwarz und schwer, dass es sich kaum noch atmen lässt. Die beiden Schwestern versuchen auf zwei konträren Wegen, in dieser verschütteten Gesellschaft Halt zu finden. Kempen weint vor Freude, als sie die schwarze glänzende Figur des Engels Seraph von Leo überreicht bekommt. Tosender Applaus.
Der Preis für den besten Independent-, heißt ohne Verlag publizierten, Roman geht an „Eine Blume aus Gift und Eisen“ von Yola Stahl. Eine queere Liebes- und Abenteuergeschichte, die um 1890 in Londinium, einem alternativen London, spielt. Die zwei Hexen Nastasja und Mossblüte kämpfen für das Überleben ihrer Gesellschaft. Kai-Holger Brassel sagt in der Laudatio zu diesem Buch, er habe Mut gefasst. Denn, „wenn die das in ihrer Welt schaffen, schaffen wir das doch auch.“
In der Kategorie des besten Buches 2026 gewinnt „Lyneham“ von Nils Westerboer. Auch bei ihm fließen Freudentränen, er lächelt warm, ist sprachlos und dankt seiner Familie, als er den Preis in den Händen hält. „Lyneham“ spielt in einem fernen Sonnensystem. Doch so fern und fiktiv die Planeten, die Westerboer benennt, auch sind – die Geschichte einer zerrissenen Familie, die er erzählt, ist im Kern eine zutiefst menschliche.
Zuletzt gewinnt „Drachenseelensplitter – Demons within“ von Jenna T. Scriver den Preis für das beste Debüt. Es geht um Dämonen. Vor allem aber darum, was es bedeutet, wenn die eigenen Gedanken zum Feind werden, einem nicht zur Seite stehen, sondern den Tod als einzigen Ausweg erscheinen lassen. Scriver weint in ihrer Dankesrede, spricht von ihren eigenen Selbstzweifeln, dem Gefühl, „nichts wert“ zu sein. Und wie sie ihrem vergangenen Ich dank der phantastischen Community nun sagen könne: „Wir sind genug.“
Bücher der Science-Fiction und des Fantasy-Genre gelten oft als Trivialliteratur, höchstens dem Eskapismus dienlich. Leo und Schmidt halten diesem Vorwurf in ihren Reden entgegen, dass das Stilmittel der Entfremdung einen umso schärferen kritischen Blick auf positive und dystopische Entwicklungen unserer Zeit erlaube. Und auf uns selbst.
Phantastische Literatur kann – wie etwa bei Tolkiens „Der Herr der Ringe“ – in erzählerischen Darstellungen von Krieg und Macht bestehende Klischees reproduzieren oder Gewalt ästhetisieren. Zugleich wird ihr das Potenzial zugeschrieben, alternative Wirklichkeiten zu entwerfen und dadurch neue Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten zu eröffnen. Und: Sich in andere Welten zu träumen, kann dem eigenen Kopf guttun, den Zugang zu eigenen und den Gefühlen anderer erleichtern.
Die Verleihung des SERAPH-Preises zeigt, wie unterstützend und hingebungsvoll die Community der Phantastik ist. Die im Anschluss stattfindende Lange Nacht der Phantastik war bereits im Vorfeld ausverkauft. Das nahezu vollständig kostümierte Publikum jubelt und weint mit den Preisträger*innen. „Wo Geschichten verbinden“ – unter diesem Motto steht die Leipziger Buchmesse 2026. Und, so Knaut, welchem Genre könne das besser gelingen als der Phantastik?
Titelbild: Hannah Marlene Göschel
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