Geschichten mit Geschichte: Literatur, die verbindet
Die Preisverleihung des Preises der Leipziger Buchmesse 2026 zeigt: Gute Literatur erzählt nicht nur von der Vergangenheit – sie macht sichtbar, wie sehr sie unsere Gegenwart prägt.
In diesem Jahr wurde der Preis 22. Mal in den Kategorien Übersetzung, Sachbuch/Essayistik und Belletristik verliehen. Insgesamt wurden 485 Werke aus 177 Verlagen eingereicht, 15 davon wurden nominiert. Eine siebenköpfige Jury unter Vorsitz von Katrin Schumacher vom MDR Kultur zeichnete drei herausragende deutschsprachige Neuerscheinungen und Übersetzungen aus.
Ganz nach dem diesjährigen Motto der Leipziger Buchmesse – „Wo Geschichten uns verbinden“ – wurde bei der Preisverleihung der Zusammenhalt unter Literaturliebhaber* innen betont. Ein „Zusammenstehen mit denen, die Literatur in diese Welt tragen und damit die Welt in unsere Köpfe“, zeigt laut Schuhmacher, dass Literatur weit mehr ist als nur Text: Sie schafft einen gemeinsamen Raum zum Austausch unter Leser*innen und Literaturschaffenden.
Das Motto äußert sich auch bei den Preisträger*innen. Was sie verbindet, ist das Thema Geschichte in ihren Geschichten, laut Juryvorsitzenden geht es dabei weniger um die Vergangenheit als um die Gegenwart, die in den Werken miterzählt wird. „Bücher können uns an andere Orte und in andere Zeiten bringen und es dabei schaffen, Resonanzen zwischen jetzt und damals herzustellen.“ – Geschichte sei also nicht abgeschlossen, sondern setze sich immer weiter fort. Oder, wie William Faulkner es formulierte: „The past is never dead. It’s not even past. “
Daher der Aufruf Katrin Schuhmachers: „Lesen Sie die guten Bücher, die langen, die feuerfesten“. Es ist ein Aufruf, sich Zeit zu nehmen: für das Lesen von Texten, die bestehen und bedeuten.
Nach dieser Eröffnungsrede begann die Preisverleihung mit der Kategorie Übersetzung, die von der Jury als sehr wichtig erachtet wird: „Was wüssten wir ohne übersetzte Literatur von all den Möglichkeiten, Gesellschaft zu gestalten? Herzlich wenig!“ Gewinner der Kategorie war dieses Jahr Manfred Gmeiner mit seiner Übersetzung von Gustavo Faverón Patriaus Werk „Unten leben“. Der Roman selbst ist ein multiperspektivischer Horror- und Schelmenroman. Er führt quer durch das 20. Jahrhundert und begleitet einen Protagonisten auf der Flucht und auf der Suche nach sich selbst. In seiner Dankesrede griff Gmeiner die historische Dimension auf und zitierte eine Stelle aus Patriaus Werk: „‚Ich bin vor dem Krieg geflohen‘, sagte er. ‚Vor welchem Krieg?‘, fragte ich. ‚Vor dem nächsten!‘“ Ein Zitat, das an die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts erinnert und gerade heutzutage beklemmend aktuell wirkt.
In der Kategorie Sachbuch/Essayistik ging der Preis an Marie Janine-Calic mit ihrer Publikation „Balkan-Odyssee. 1933-1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa.“ Laut Jury sei die Region Südosteuropas in der Exilforschung lange wenig beachtet worden. Diese Leerstelle, fülle Calic nun mit breiter Recherche. Anhand zahlreicher Einzelschicksale zeichnet sie die Geschichte einer frühen „Balkanroute“ nach und rückt dabei jene in den Fokus, die oft übersehen wurden: einfache Menschen auf der Flucht. „Balkan-Odyssee erzählt neue Geschichten vom alten Schrecken“, und ist, so die Jury, „ohne Unterlass auch eine Erinnerung an heute“. Auch Calic selbst betonte in ihrer Rede: „Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.“
Zum Schluss wurde der Preis in der Kategorie Belletristik an Katerina Poladjan für ihren Roman „Goldstrand“ verliehen. Der Roman erzählt eine vielschichtige Familiengeschichte über ein ganzes Jahrhundert hinweg. Im Zentrum stehen Flucht, Verlust und das Schicksal des Großvaters des Protagonisten Eli, der vor der Russischen Revolution flieht und auf der Reise seine Tochter verliert. „Goldstrand“ ist eine Erzählung über das Erinnern, das Sich-Verlieren und den Versuch, sich selbst zu begreifen. Die Jury bezeichnete den Roman als „Abgesang auf Europa als Kontinent der glamourösen Künstler“ und würdigte seine Erzählweise. In ihrer Dankesrede betonte Poladjan die Bedeutung eines spielerischen Umgangs mit Literatur, denn gerade darin liege ihre Kraft. „Es bedarf der Umwege über die Geschichte, um die Gegenwart mit sich selbst bekannt zu machen“, so Poladjan.
Titelbild: Niclas Schmidt
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