• Menü
  • Interview
  • Kultur
  • „Am Anfang war Pizza Orlando eher ein künstlerisches Projekt“

    Clara Umbach im Gespräch über ihren ersten Roman Pizza Orlando und warum der Literaturbetrieb oft einem „exklusiven Club“ gleicht.

    Auf der Leipziger Buchmesse 2026 präsentierte Clara Umbach ihr literarisches Debüt. Die Künstlerin, bisher vor allem aus der Performance- und Bildenden Kunst bekannt, wagt mit Pizza Orlando den Sprung in die Literatur. Ihr Roman besticht durch eine ungewöhnliche Form: Als unmittelbares Chatprotokoll erzählt er die rauschhafte, aber durch eine unheilbare Krankheit gezeichnete Liebesgeschichte zweier Frauen. luhze-Redakteurin Greta Eising hat Umbach auf der Messe getroffen, um mit ihr über die Entstehung des Buches, den Literaturbetrieb und ihren Schreibprozess zu sprechen.

     

    luhze: Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem ersten veröffentlichten Buch. Wie ist die Idee zu Pizza Orlando entstanden?

    Umbach: Danke! Der Ursprung liegt definitiv in meinem persönlichen Leben. Es ist ein autofiktionaler Text, der aus eigenen Erfahrungen entstand. Interessant ist, dass ich ursprünglich aus der Kunst komme und nicht aus der Literatur. Am Anfang war Pizza Orlando eher ein künstlerisches Projekt: Ich habe mit Textmaterial gearbeitet, Collagen gemacht, verschiedene Formen ausprobiert. Der Gedanke an einen Roman war zu diesem Zeitpunkt noch nicht wirklich präsent. Über die Jahre, je mehr ich mich in den Literaturbetrieb eingearbeitet habe, wurde mir klar: Buchform, ein Roman – das ist die passende Form, um diese Geschichte zu erzählen.

     

    Hat die Arbeit an dem Kollektivprojekt Wir kommen – bei dem Sie mit 17 weiteren Autor*innen zusammengewirkt haben – Einfluss auf Ihren eigenen Roman gehabt?

    Nicht direkt. Pizza Orlando entstand schon deutlich früher. Aber das Buch trägt einiges vom Dialoghaften in sich, das ich aus der Kollektivarbeit kenne. Eine reale Person, Nina Flaig, hat großen Anteil an der Geschichte. Durch sie wird das Gespräch, das die Handlung trägt, lebendig. Ich habe in meiner künstlerischen Praxis viel im Kollektiv gearbeitet – bei Performances oder Ausstellungen – und diese Erfahrung prägt, wie ich auch Texte strukturiere. Dialoge entstehen bei mir oft intuitiv aus einem wechselseitigen Prozess, ähnlich wie in kollektiven Arbeiten.

     

    Wie unterscheidet sich die Arbeit an einem Kollektivtext von einem eigenen Roman?

    Extrem. Beim Kollektivroman muss man viel loslassen, Verantwortung teilen, unterschiedliche Stimmen zulassen. Man kann nicht alles bestimmen. Bei einem eigenen Text liegt die Verantwortung klar bei einem selbst. Das führt zu einer anderen Konzentration, einem anderen Druck, aber auch zu mehr Kontrolle über die eigene Aussage.

     

    Wollten Sie mit dem Buch eine bestimmte Wirkung erzielen oder war es sogar explizit politisch intendiert?

    Ich hatte keine explizite Absicht, eine bestimmte Message zu transportieren. Mir war aber klar, dass alles, was man schreibt, in einem politischen Raum wirkt. Pizza Orlando hat definitiv politische Komponenten – etwa im Umgang mit Rollenbildern zwischen Pflegenden und Kranken. Clara und Nina verhandeln Machtverhältnisse, Eigenverantwortung und Gleichgewicht. Es geht nicht darum, dass jemand Opfer ist, sondern darum, dass die Figuren ihre Selbstbestimmung behalten. Diese Reflexion über Rollenbilder entsteht sehr organisch aus den Dialogen.

     

    Gab es literarische Vorbilder?

    Ja, sehr stark. 2017 wurde die deutsche Übersetzung von Maggie Nelsons Die Argonauten veröffentlicht. Das Buch hat mich inspiriert – nicht nur inhaltlich, sondern auch in der Art des Schreibens, der Intimität und Experimentierfreude. Zu einer ähnlichen Zeit erschien auch Chris Kraus‘ I Love Dick auf deutsch, das ebenfalls eine große Inspiration war. Beide Werke unterscheiden sich von Pizza Orlando, aber die experimentelle, dialogische und selbstreflexive Art zu schreiben, hat mich geprägt.

     

    Ihr Roman basiert auf Chatprotokollen. Warum haben Sie sich für diese Erzählweise entschieden?

    Zunächst gab es tatsächlich einen realen Chat, der die Grundlage war. Ich habe dieses Material bearbeitet und weiterentwickelt, aber die Grundstruktur existierte schon. Für mich war das spannend, weil ich Figuren direkt sprechen lassen konnte, ohne sie von außen beschreiben zu müssen. Clara und Nina charakterisieren sich selbst durch ihre Sprache, durch kleine Nuancen, Eigenheiten und direkte Reaktionen. Außerdem mag ich die Niedrigschwelligkeit dieser Form: Die Sprache ist einfach, fast wie gesprochene Sprache. Leser*innen können sehr schnell in den Text eintauchen, fühlen sich nah dran. Mit zunehmender Arbeit wurde mir klar, dass mir diese Form sehr liegt und viele erzählerische Möglichkeiten eröffnet.

     

    Wie lange haben Sie an dem Buch gearbeitet?

    Fast neun Jahre. Ich habe 2018 damit begonnen. Dabei habe ich nicht kontinuierlich geschrieben. Es gab längere Pausen, vor allem weil sich kein Verlag fand oder ich andere Projekte verfolgt habe. Diese Unterbrechungen waren also nicht durch Schreibkrisen bedingt, sondern durch äußere Umstände. Manchmal lag der Text drei Jahre lang auf Eis, bevor ich ihn wieder aufnahm.

     

    Hat Ihre interdisziplinäre Praxis das Schreiben beeinflusst?

    Auf jeden Fall. Am Anfang war der Text stärker collagiert, mit Bildern, verschiedenen Schriftformen, Farben. Das kommt direkt aus meiner Praxis als Künstlerin. Heute hat der Roman eine klassischere Form.

     

    Schreiben Sie eher intuitiv oder brauchen Sie Routine?

    Beides. Es gibt kreative Ausbrüche, in denen Ideen nur so fließen, aber es braucht auch Disziplin: Sätze hin- und herschieben, regelmäßig schreiben. Ich habe eine lange Praxis des Tagebuchschreibens, das hilft, den inneren Zensor auszuschalten und den Schreibfluss aufrechtzuerhalten.

     

    Gab es besonders schwierige Phasen im Schreibprozess?

    Ja. Die längste war, als sich kein Verlag fand. Drei Jahre lag der Text unbeachtet. Emotional herausfordernd war auch die erste Zeit nach Veröffentlichung: Plötzlich war das Buch öffentlich, Kritik und Feedback kamen direkt. Dieses Loslassen fiel mir schwer. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, aber es war ein Auf und Ab.

     

    Wie sind die Reaktionen auf Ihren Roman bisher ausgefallen?

    Sehr positiv. Ich habe viel anerkennendes Feedback bekommen, vor allem für die Form und die Dialoge.

     

    Wieso haben Sie sich entschieden, Ihr Buch beim Ecco Verlag zu veröffentlichen und wie haben Sie die Zusammenarbeit erlebt?

    Nach einem Wechsel der Agentur und mehreren Angeboten war Ecco der erste Verlag, der wirklich begeistert war und das Buch unbedingt wollte. Die Zusammenarbeit mit dem Lektorat war unterstützend. Der Text war bereits zu über 90 Prozent fertig, es ging hauptsächlich um Feinschliff, Covergestaltung, Schrift und Farbe. Ich hatte das Glück, dass ich bei Design und visuellem Konzept viel mitentscheiden konnte.

     

    Was müsste sich an der Struktur des Literaturbetriebs ändern, um den Zugang für diverse Stimmen in Zukunft zu erleichtern?

    Ich erlebe das natürlich nicht aus der Perspektive von Verlagen oder Agenturen, aber ich glaube, diverse Stimmen müssen aktiv gesucht werden. Man muss gezielt auf Menschen zugehen, die nicht ohnehin schon Teil des Systems sind. Ein großes Problem ist die herrschende „Geheimniskrämerei“: Viele wichtige Informationen erfährt man nur unter der Hand, etwa auf den richtigen Partys. Dieser Mangel an Transparenz lässt den Betrieb oft wie einen exklusiven Club wirken, was den Einstieg extrem erschwert.

     

    Und wie nehmen Sie die Atmosphäre wahr, sobald man diese Hürde genommen hat?

    Es gibt viele tolle, spannende Autor*innen im Betrieb. Gleichzeitig herrscht aber ein enormer Konkurrenzdruck. Der Markt ist begrenzt; es gibt nicht für alle die gleichen Preise, Gelder oder die gleiche Aufmerksamkeit. Man muss aufpassen, dass man sich davon nicht zermürben lässt. Für mich ist es wichtig, trotzdem solidarisch zu bleiben und den Fokus darauf zu behalten, worum es im Kern der eigenen Arbeit eigentlich geht.

     

    Hegen Sie noch weitere literarische Ambitionen?

    Ja, ich habe bereits ein neues Textprojekt gestartet. Ich stecke zwar noch ganz am Anfang, aber die Arbeit daran läuft.

     

    KönnteN sie sich vorstellen, Pizza Orlando auch auf die Bühne zu bringen?

    Absolut. Allerdings würde ich das Projekt ungern selbst inszenieren – dafür bin ich einfach nicht die Richtige. Aber ich würde mich sehr freuen, wenn jemand anderes den Stoff adaptiert und eine eigene Vision für die Bühne daraus entwickelt.

     

    Abschließend: Wo sehen Sie sich in zehn Jahren – eher im Atelier oder am Schreibtisch? 

    Beides, hoffentlich.

    Hochschuljournalismus wie dieser ist teuer. Dementsprechend schwierig ist es, eine unabhängige, ehrenamtlich betriebene Zeitung am Leben zu halten. Wir brauchen also eure Unterstützung: Schon für den Preis eines veganen Gerichts in der Mensa könnt ihr unabhängigen, jungen Journalismus für Studierende, Hochschulangehörige und alle anderen Leipziger*innen auf Steady unterstützen. Wir freuen uns über jeden Euro, der dazu beiträgt, luhze erscheinen zu lassen.

    Verwandte Artikel

    Mehr als Eskapismus: Die ausgezeichneten Bücher des Literaturpreises Seraph

    Auf der Bühne fließen Tränen, im Saal wird gejubelt: Der Fantasy-Literaturpreis SERAPH 2026 zeigt, wie persönliche Geschichten und gesellschaftspolitische Themen in der Phantastik zusammenfinden.

    Kultur | 4. April 2026

    „Die Fakultäten haben jetzt die schwierige Aufgabe, die wir an anderer Stelle haben“

    Die Konsolidierung hält die Universität Leipzig in Atem – 16 Mio. Euro müssen in drei Jahren eingespart werden. Rektorin Eva Inés Obergfell ist verantwortlich dafür, diesen Prozess zu koordinieren.

    Hochschulpolitik Interview | 12. März 2026