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    Hinter den Türen der Leipziger Baumwollspinnerei: Künstlerin Claudia Biehne führt über das Gelände und gibt Einblicke in ihre Arbeit.

    Man kann das Summen der alten Spindeln noch erahnen, wenn man über das Gelände der Leipziger Baumwollspinnerei läuft. Historische Stahlfenster, rote Backsteinmauern und in der Mitte des Geländes ragt ein großer Fabrikschornstein in die Höhe. Zwischen den breiten Wegen liegt noch immer die Bahnschiene, über die früher Baumwolle transportiert wurde. Heute ist sie eine stillgelegte Erinnerung an vergangene Zeiten. Im Kontrast zur geschichts-trächtigen Kulisse bleibt die Spinnerei stets im Wandel, Künstler*innen mieten sich die Räumlichkeiten und füllen sie immerzu mit neuer Kunst. Es ist ein Ort der ständig in Bewegung bleibt, wo Vergangenheit und Gegenwart unaufhörlich aufeinandertreffen.

    Arbeitsplätze für Studierende

    Eine Führung über das Gelände bietet Einblicke in die verschiedenen Hallen, aktuelle Ausstellungen und in die Geschichte der Spinnerei. Von der Gründung 1884, über die Kolonialzeit und die Weltkriege und die DDR, bis hin zu den frühen 90er Jahren, als Künstler*innen begannen sich in der Spinnerei anzusiedeln. Während der Führung merkt man, wie sehr sich die Menschen, die hier arbeiten, für den Ort begeistern. Über das weitläufige Gelände verteilen sich zahlreiche Hallen, in denen insgesamt mehr als hundert Künstler*innen arbeiten.

    Unter ihnen sind auch einige Studierende, die die Atelierräume von Absolvent*innen übernehmen. So eine Gelegenheit ergibt sich sonst eher selten, denn um von freiwerdenden Ateliers zu erfahren, braucht es meist gute Kontakte in die Leipziger Kunstszene. Wer einmal einen Platz bekommt, behält ihn in der Regel gerne, da die großzügigen Fenster und die künstlerische Gemeinschaft die Ateliers zu stark begehrten Arbeitsorten machen. Am hinteren Ende des Geländes, in Halle 10, findet man das Porzellanatelier von der international ausstellenden Künstlerin Claudia Biehne und ihrem Partner Stefan Passig.

    Im Atelier von Claudia Biehne und Stefan Passig

    Im Gespräch erzählt Biehne von der besonderen Atmosphäre der Industriehallen, davon wie man sich seinen eigenen kreativen Raum schafft und von ihrer künstlerischen Arbeit. In ihrer Kunst, in der sie sowohl mit Porzellan als auch Glasuren arbeitet, entfalten sich Naturstrukturen von Eismustern, Wellenbewegungen oder ausgetrockneten Flussbetten. Unkontrollierbar, wild und zugleich wunderschön zeigt sich hier die rohe Kraft der Natur.

    Claudia Biehne arbeitet in der Leipziger Baumwollspinnerei. Foto: Stefan Passig

    Wenn man die Treppenstufen zum Atelier hinaufsteigt, ist man von Pflanzen umgeben. Sie geben einen ersten Hinweis auf das Naturthema, das einen im Atelier erwartet und sich fortlaufend durch Biehnes Arbeiten zieht. In drei durchgehenden Räumen stehen eindrucksvolle Skulpturen, aber auch hauchdünne Elemente und größere Arbeiten auf Betonplatten. Beim genaueren Umschauen finden sich die Motive aus Biehnes Kunst auch in Alltagsgegenständen wieder: auf einer Anrichte steht eine Lampe mit einem aus Porzellan gefertigten Lampenschirm, in den zarte Abdrücke von Blumen und Sträuchern eingearbeitet sind. Sie verbreiten ein gemütliches Licht im Atelier. Die ganze Räumlichkeit verkörpert Kunst, es ist ein ideales Ambiente für Kunstschaffende.

    In Nachbarschaft gestalten

    Der Brennofen, den Biehne für ihre Kunst nutzt, steht neben den großen Atelierfenstern, die einen weiten Blick auf die benachbarten Gebäude freigeben. Beim Arbeiten blickt sie gerne hinaus: „Mein Bewusstsein, dass ich nicht allein bin und nebenan mit einer mehr oder weniger ähnlichen Lebensanschauung gearbeitet wird, fühlt sich für mich gut an“, erklärt sie. Biehne beschreibt diese „Stadt in der Stadt“ als eine „Insel der Glückseligen“. Über die Führungen sagt sie: „Besucher*innen, die hierherkommen und mehr oder weniger Berührungspunkte mit Kunst haben, erlangen einen guten Einblick über das Gelände, am Ende geht es oft auch in unser etwas verstecktes Porzellanatelier am hintersten Ende.“

    Die Fähigkeit, seinen Blickwinkel immer wieder zu ändern, sei bei der künstlerischen Tätigkeit wertvoll. Biehne erklärt: „Während ich ein Stück erarbeite, bin ich offen für Veränderungen. Es geht mir darum, ein Potenzial zu finden, das ich positiv vorantreibe, um zu einem Ergebnis zu kommen, das mich befriedigt. Ich lasse die Dinge langsam wachsen. Hinzu kommt meine eigene Entwicklung über die Jahre hinweg.“

    Veränderung als natürlicher Prozess

    Ihr Vertrauen in den natürlichen Verlauf und das Schicht für Schicht aufgetragene Material lassen Werke entstehen, die organisch wachsen und sich mit der Zeit entwickeln, so wie die Schichtbildung von Gletschern oder Lavagestein. Der Gedanke, dass überall Veränderung möglich ist, prägt auch ihr Atelier. Sie erzählt: „Auf einer meiner ersten Reisen sah ich wie Künstler*innen durch ihre Arbeit Räume mit besonderem Flair schufen. Das war inspirierend für mich. So einen Ort wollte ich auch kreieren.“
    Die Spinnerei bietet Künstler*innen einen Raum, in dem sie Teil eines kreativen Ökosystems werden. Zwischen Ort und Künstler*innen entsteht ein symbiotisches Zusammenspiel, das Leipzigs Kunstszene bereichert, inspiriert und aufblühen lässt. Wer den Ort entdecken möchte, sollte unbedingt an einer der Führungen teilnehmen. Sie bieten spannende Einblicke in die Hallen, Ateliers und die Geschichte dieses besonderen Ortes.

    Die Führungen finden freitags und samstags statt und kosten zwölf, ermäßigt neun Euro.

    Titelbild: cd

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