Zurück zum Kabelkopfhörer-Salat
Mein Gehirn hat 45 offene Tabs und Spotify spielt Hintergrund-Musik, die ich nicht mal bewusst höre. Warum ich mein Smartphone gegen einen iPod aus 2006 tauschen will, um wieder Fokus zu finden.
Eigentlich ist es paradox. Wir sind die Generation, die mit der Welt in der Hosentasche aufgewachsen ist. Wir haben gelernt zu wischen, bevor wir richtig schreiben konnten. Und trotzdem sitzen wir heute in den Leipziger Cafés, füllen sündhaft teure Notizbücher mit echter Tinte und entwickeln analoge Filme, bei denen wir drei Tage warten müssen, um zu sehen, dass die Hälfte der Fotos unterbelichtet ist.
Sind diese Angewohnheiten nur Nostalgie für eine Zeit, die wir selbst nie erlebt haben? Eine Art Retro-Kitsch für die Ästhetik der 90er, weil Körnung auf Fotos und klobige iPods auf TikTok gerade „Aesthetic“ sind? Ich glaube, es ist tiefer. Die Rückkehr zum Analogen ist keine Sehnsucht nach der Vergangenheit, sondern eine Flucht aus einer Gegenwart, die kein „Aus“ mehr kennt.
An sich ist es ja praktisch, alles an einem Ort zu haben – Notizen, Kalender, Musik, das Portemonnaie und Nachrichten aus der ganzen Welt. Aber genau diese Effizienz ist die Doomscroll-Falle. Sie konfrontiert uns mit einem gewaltigen Wirrwarr an Informationen, in dem man sich nie auf nur eine Sache konzentrieren kann. Man will kurz den Kalender checken und zack: schon wieder 20 Minuten auf Instagram-Reels verbracht und direkt vergessen, was man sich überhaupt angeschaut hat.
Mein Gehirn fühlt sich an wie ein Browser mit 45 offenen Tabs, in dem irgendwo im Hintergrund Spotify-Playlists laufen, die ich nicht mal mehr bewusst wahrnehme. Deswegen bin ich seit einiger Zeit dabei, den Rückzug anzutreten. Ich schreibe meine Notizen wieder in ein kleines Notizbuch. Meine Termine und To-Dos landen in einem analogen Kalender und meine Fashion-Inspiration suche ich in Magazinen statt auf Pinterest. (Das klappt mal mehr, mal weniger).
Wie gut sich diese bewusste Beschränkung anfühlt, habe ich gemerkt, als ich vor einiger Zeit für fünf Euro einen alten CD-Player auf dem Flohmarkt abgestaubt habe. Daraufhin bin ich durch Plattenläden gezogen und habe mich im CD-Stöbern verloren – eine Aktivität, die völlig unterschätzt ist. Man steht vor lauter Kisten, weiß nicht genau, was man bekommt, und lässt sich nur von einem Cover leiten. Ich habe eine CD gekauft, auf der einfach nur „Soul, Jazz, French“ stand. Als ich das Album zuhause zum ersten Mal gespielt habe, war ich begeistert. Die CD hat sich als ein absoluter Erfolg entpuppt, der zu meiner neuen Lieblingsmusik wurde, nur weil ich mich darauf eingelassen habe, mich auf dieses eine Album einzulassen, statt mich durch Millionen Songs zu skippen.
Ich habe mich auch letztens dabei ertappt, wie ich auf eBay nach einem iPod Nano der zweiten Generation gesucht habe. Nicht, weil ich plötzlich zum Vintage Hipster mutiert bin, sondern weil ich ein Gerät wollte, das absolut nichts kann, außer Musik zu spielen.
Denn das ist das Problem mit Spotify: Man hat Millionen von Songs zur Verfügung, tausende Vorschläge, alles läuft auf Shuffle, aber man hört eigentlich kaum richtig zu. Ich skippe mich durch kuratierte Playlists, während ich nebenbei Insta-Stories checke oder Mails tippe. Musik ist zum Hintergrundrauschen für das digitale Multitasking verkommen. Ich wollte den iPod, um die Entscheidung zu erzwingen: Wenn ich dieses Ding in die Hand nehme, dann höre ich Musik. Punkt. Kein News-Ticker, kein „XY hat dein Foto gelikt“, keine Ablenkung. Ein iPod wäre mein technisches Stopp-Schild, sozusagen eine Barriere gegen die App-Diktatur in meiner Hosentasche.
In Leipzig ist dieser Trend zur „künstlichen Langsamkeit“ längst kein Einzelfall mehr. Überall sieht man analoge Kameras im Clara-Zetkin-Park oder Flip-Phones in den Cafés der Südvorstadt. Der Trend zum Analogen bietet uns etwas, das im digitalen Web abgeschafft wurde: Endlichkeit. Ein Film hat (meistens) 36 Bilder. Eine Schallplatte hat zwei Seiten. Der Speicherplatz auf einem alten Nano ist irgendwann voll. Das Internet hingegen ist unendlich. Es gibt keinen Moment, in dem man fertig ist mit dem Scrollen.
Vielleicht ist meine momentane Nostalgie-Ära also gar kein Blick zurück, sondern der verzweifelte Versuch, eine künstliche Langsamkeit zurückzukaufen. Ich sehne mich nicht nach der Nostalgie des iPods, sondern nach der Möglichkeit, mal wieder nur eine einzige Sache gleichzeitig zu tun.
Ich habe den iPod übrigens noch nicht bestellt. Vielleicht ist die Lösung auch nicht das nächste (alte) Gerät zu kaufen, um zu versuchen, dem Konsum mit noch mehr Konsum zu entfliehen, sondern die harte Erkenntnis, dass wir die Stopp-Taste selbst drücken müssen. Aber während ich das hier schreibe, vibriert mein Handy in der Tasche. Drei ungelesene Nachrichten, Spotify-Shuffle spielt über meine Kopfhörer. Ein Tab mehr im Kopf. Das Abenteuer „Offline“ muss wohl noch bis nach der nächsten Push-Benachrichtigung warten.
Titelbild: wg-unsplash
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