„Die progressiven Nostalgiker“ zwischen Waschbrett, Staubsaugerroboter und Geschlechterrollen
Der erste Film der Französin Vinciane Millereau widmet sich mit Humor den persönlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen, die ein Ehepaar auf ihrer Zeitreise erlebt.
Die 1950er: grelle Farben, perfektes Lächeln und eine Frau, die fröhlich ihrer Familie das Essen auf den Tisch stellt – mit dieser stereotypischen Darstellung fühlt man sich direkt in die Nachkriegszeit versetzt. Der Ehemann, der rauchend Zeitung liest, sich täglich in seinem Job bei der Bank langweilt und sich eher flüchtig für das Leben seiner Kinder interessiert, vervollständigt das Bild. Diese Rollenbilder wirken unveränderlich, ganz festgefahren. Doch was passiert, wenn dieses Ehepaar in die Zukunft reist und plötzlich mit technologischem Fortschritt, Minimalismus und veränderten Denkweisen konfrontiert ist?
Dieser Frage widmet sich die französische Regisseurin, Vinciane Millereau, in ihrem ersten eigenen Film: „Die progressiven Nostalgiker“, der am 22. Januar 2026 seine Deutschlandpremiere feierte. Millereau und ihr Mann, Julien Lambroschini, die zusammen das Drehbuch geschrieben haben, waren bei der Erstaufführung in Leipzig zugegen und erklärten die Idee hinter diesem Projekt. Sie habe die Stellung sowie die besondere Beziehung zwischen Mann und Frau innerhalb des familiären Kontextes darstellen wollen, erzählt die Regisseurin. Da dieses Thema jedoch bereits in vielen Filmen behandelt wurde, solle das übernatürliche Element der Zeitreise und die daraus entstehende Komik als Besonderheit dienen.
Nach einem Kurzschluss ihrer neu erworbenen Waschmaschine reist ein französisches Paar aus dem Jahr 1958 ins Jahr 2025. Dort versuchen sie, sich an die vorgefundenen Veränderungen ihrer Kinder, ihres Alltags und ihres Umfelds in dieser alternativen Zeit zu gewöhnen. Während Hélène, gespielt von Elsa Zylberstein, ihre neugewonnene Autonomie genießt und ihren Verantwortungen als CEO einer Firma nachkommt, kämpft Michel, gespielt von Didier Bourdon, mit dem Haushalt sowie seiner veränderten Stellung in der Familie. Um die Handlung herum zeigt sich der Unterschied zwischen den beiden Zeiten zudem durch jeweils typische Musik, Klamotten und Mobiliar. Während 1958 ein Farbfilter die bunte, üppige Einrichtung noch betont, findet sich das Ehepaar 2026 in einem minimalistisch weißen, fast klinischen Smart-Home wieder. Die Regisseurin bestätigt im Filmgespräch, dieser Effekt sei ganz bewusst gewählt worden, um den Schock, den die beiden Zeitreisenden angesichts der vielen Neuerungen erleben, auch für die Zuschauer*innen sichtbar zu machen.
Wenngleich die gesellschaftlichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen immer wieder im Film thematisiert werden, liegt der Fokus nicht auf diesen Rollenbildern oder der systematischen Benachteiligung von Frauen. Vielmehr geht es um persönliches Wachstum, um eine Auseinandersetzung mit sich selbst. Auch Millereau meint, durch die Anpassung an ihre neuen Lebensumstände seien die Hauptpersonen dazu gezwungen, sich selbst und ihr Verhalten zu reflektieren. Dadurch könne ihre Beziehung zueinander vertieft werden, die zuvor stagnierte. Der Titel zeigt durch seinen Gegensatz zudem den Zwiespalt der Hauptpersonen zwischen ihrem gewohnten Leben in tradierten Rollenbildern und ihren neuen Erfahrungen, an denen sie wachsen können.
Durch das Auf-den-Kopf-Stellen des Gewohnten, des bisher unhinterfragten Alltags, sind die Hauptpersonen gezwungen, ihren Horizont zu erweitern. Gleichzeitig hilft ihnen die Situation, sich auf das zu besinnen, was ihnen wirklich wichtig ist: ihre Familie sowie deren Zusammenhalt. Nach und nach sind sie bereit, ihre Denkmuster aufzubrechen. Ihnen gelingt es, ihr Ego sowie ihre Überzeugungen für dieses Familiengefühl hintenan zu stellen. Dabei kann der Einsatz des typisch französischen Humors aus Überspitzung und Situationskomik die teils schweren Themen verdaulicher machen und die Absurdität der Rollenbilder aufzeigen. Dennoch wirkt die Komik an anderen Stellen unpassend, fast verharmlosend, etwa bei der Darstellung häuslicher Gewalt. Außerdem ist kritisch zu bemerken, dass die Rollen der Frauen und Männer in der Zukunft im Vergleich zur Vergangenheit eins-zu-eins vertauscht scheinen. Dies dient der Veranschaulichung des Kontrasts, wirkt jedoch pauschalisiert. So entsteht der Eindruck, als wären die traditionellen Rollenbilder oder auch Themen wie Rassismus und Homophobie in 2025 eine Sache der Vergangenheit. Während es im Vergleich zu 1958 natürlich schon positive Entwicklungen in diesen Bereichen gab, ist es dennoch immer noch nicht die gesellschaftliche Realität. Dies wird zum Teil erwähnt, jedoch nicht visuell im Film gezeigt und somit in den Hintergrund gedrängt.
Was der Film mit auf den Weg geben möchte, ist nicht ganz klar, denn unsere Zeit wirkt darin fast utopisch. Gesellschaftliche Probleme scheinen gelöst, warum sollten wir uns also noch damit beschäftigen? Dennoch ist die Entwicklung der Charaktere und ihrer Beziehungen auf eine Art dargestellt, die inspiriert. Wer also eine Komödie zum herzhaft lachen sucht, die sich der Selbstreflexion sowie gesellschaftlichen Problemen mit Witz und Absurdität annähert, der wird hier fündig.
Titelbild: Pexels
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