Boys don´t cry
Müssen wir Gefühle performen, um als fühlende Wesen zu gelten? Der Fremde erzählt von einem jungen Mann, der sich den sinnentleerten Ritualen der Gesellschaft verweigert und bestraft wird.
Das meistgelesene Buch Frankreichs zu verfilmen, traut sich sicher nicht jeder zu. François Ozon jedoch wagte sich an den Klassiker und bleibt ihm erstaunlich treu. Kaum ein Satz aus dem Buch fehlt, viele Dialoge wurden Wort für Wort übernommen. Fast als hätte Ozon Angst, Camus Werk etwas zu nehmen. Der gesamte Film ist in Schwarz-Weiß gehalten. Die dokumentarischen Originalaufnahmen zu Beginn ermöglichen eine Reise in vergangene Zeiten des kolonisierten Landes Algier in Nordafrika. Ozon schafft es damit gekonnt, den Film in seinen historischen Kontext zu setzen.
Der Fremde erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der sich den gesellschaftlichen Erwartungen nicht anpasst und deshalb zum Außenseiter wird – sowie von der Absurdität einer Welt, die Sinn verlangt, wo keiner ist. Seine Emotionslosigkeit, die sich durch den gesamten Film zieht, wird ihn am Ende zum Verhängnis, weil sich seine Handlungen dadurch nicht nachvollziehen lassen.
„Ich habe einen Araber getötet.“, lautet der erste Satz des jungen Meursaults im Film. In Rückblenden erfährt das Publikum, was vorher geschehen ist. Die Geschichte beginnt mit dem Tod seiner Mutter. Meursault liest das Telegramm über die Todesnachricht ohne sichtbare Regung. Weder bei der Totenwache noch bei der Beerdigung vergießt er eine Träne. Er verzieht nicht einmal das Gesicht. Als Zuschauer*in wartet man die ganze Zeit auf einen Gefühlsausbruch, auf einen Moment, in dem ihm die Gesichtszüge entgleiten. Doch nichts dergleichen geschieht.
Vielleicht ist er einfach ein Mann, der sich schwer tut zu weinen. Boys don´t cry. Irgendwann wird es ihn schon noch einholen. Doch stattdessen fährt Meursault wieder zurück und geht baden. Dort trifft er eine ehemalige Arbeitskollegin Marie, führt sie ins Kino aus und nimmt sie danach mit zu sich nach Hause. Alles am Tag, nachdem seine Mutter verstorben ist. Man sucht unwillkürlich nach Ausreden für ihn, versucht sein Verhalten zu erklären. Er versuche bestimmt nur, sich abzulenken. Doch Meursault bleibt auch den Rest des Filmes emotionslos. Irgendwann wird man im Publikum fast schon sauer, weil er so wenig lächelt. Im gesamten Film lächelt er dreimal, einmal davon bei seiner eigenen Verurteilung.
Auch sein Umgang mit Marie macht stutzig. Er begehrt sie, scheint sie auf einer körperlichen Ebene zu lieben. Als sie ihn fragt, ob er sie liebt, meint er bloß, das sei nicht wichtig und habe keinen Belang. Auch als sie fragt, ob er sie heiraten will, ist ihm das mehr oder weniger egal. Dass er der Frage nach der Liebe jede Bedeutung entzieht und einer ihm nahestehenden Person mit schonungsloser Ehrlichkeit begegnet, ist verstörender als jede noch so wohlmeinende Lüge.
Dass Meursault letztlich des Mordes an einem kolonisierten Algerier verurteilt wird, liegt weniger am Vergehen selbst als an seiner Abweichung von gesellschaftlichen Gefühlserwartungen. Er wird nicht für die Tat, sondern für sein Anderssein bestraft. Als er im Gerichtssaal nach dem Motiv für sein Handeln gefragt wird, liefert er keine Rechtfertigung. Wo andere Gründe erfinden oder ihre Tat erklären würden, bleibt Meursault ehrlich und versucht nicht, sich rauszureden. Diese Weigerung, sich anzupassen oder Reue zu inszenieren, wird ihm zum Verhängnis. Der Film zeigt Meursault nicht als kalten Menschen, sondern als radikal ehrlichen. Auf den ersten Blick wirkt er nihilistisch, als sei ihm alles gleichgültig. Doch der Film folgt eher Camus Absurdismus. Meursault verneint nicht das Leben, sondern verweigert nur dessen künstliche Sinneszuschreibungen. Er genießt Sonne, Meer, Zigaretten, den Körper Maries. Er lehnt also nicht das Leben ab, sondern nur dessen vermeintlichen „höheren Sinn“, also den Versuch, einer an sich sinnlosen Welt eine übergeordnete Bedeutung zu verleihen.
Es gibt auch einzelne Momente, in denen Meursault doch gewisse Gefühle zeigt: kurz vor seiner Hinrichtung träumt er von seiner Mutter und von Marie am Strand. Er erkennt für sich selbst am Ende, dass er immer glücklich gewesen ist. Meursault ist nicht gefühllos, sondern er fühlt jenseits dessen, was gesellschaftlich erwartet wird und wird vor allem einfach missverstanden.
Dass sich problematische gesellschaftliche Muster bis in die Verfilmung hineinziehen, ist bei einem Werk von 1942 wohl kaum überraschend und bei sogenannten „Klassikern“ wohl auch unumgänglich. Zum Beispiel bleibt die Gewalt des Nachbarn Raymond an seiner Frau auffällig nebensächlich – für Meursault, sowie für seine Umwelt. Einzig Marie scheint das mitzunehmen. Meursault zeigt weder Empörung noch Solidarität, sondern sagt auch noch für seinen Freund vor Gericht aus. Häusliche Gewalt wird mal wieder unter den Teppich gekehrt. Es ist offensichtlich, dass der Film von einem Mann gedreht, das Buch von einem Mann geschrieben und der Protagonist ein Mann ist – a man written by a man. Die Frauen bleiben, wie so oft, Nebenfiguren. Und doch ist Marie unerlässlich: Sie ist die Einzige, die Meursault trotz seiner Eigenheiten liebt und ihn vielleicht sogar genau deswegen heiraten möchte.
Auch der Tod eines „Arabers“ ist im Film lange eher beiläufig behandelt. Im Buch bleibt das Opfer namenlos, im Film erhält er zumindest einen Namen (Moussa Hamdani) und ein Grab. Die letzte Szene zeigt seinen Grabstein über dem Meer – vielleicht ein stiller Versuch, ihm doch noch einen Platz in seinem Land zuzugestehen, in dem er von einem Franzosen erschossen wurde.
Der Fremde ist kein bequemer Film. Meursault zwingt uns, nicht ihn zu bewerten, sondern unsere Erwartungen an unsere Gesellschaft. François Ozons Verfilmung konfrontiert uns mit einer Figur, die nicht so leidet, wie es erwartet wird, nicht so liebt, wie es vertraut ist und nicht so trauert, wie es verlangt wird.
Titelbild: Weltkino Filmverleih
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