Machtmissbrauch am Wilhelm-Wundt-Institut
Wiederholt lud das Psychologieinstitut einen umstrittenen Sozialpsychologen ein. Studierende kritisierten seine misogynen Inhalte und Methoden – nun folgte eine klärende Veranstaltung.
Misogyne Dynamiken erleben einen Aufwärtstrend: ob Tradwives, Men’s Rights Activists oder Incels (involuntary celibate, dt.: unfreiwillig sexuell enthaltsame Männer, Anm. d. Red.). Während sie sich insbesondere in den sozialen Medien entfalten, machten sie zuletzt auch vor den Hörsälen der Universität Leipzig keinen Halt: Im Mai 2025 lud das Wilhelm-Wundt-Institut (WWI) auf Initiative des Lehrstuhls für Arbeits- und Entwicklungspsychologie rund um Hannes Zacher den US-amerikanischen Sozialpsychologen Roy Baumeister als Gastdozent für ein Seminar ein. Referieren sollte Baumeister zu Theorien aus seinem populärwissenschaftlichen Buch „Is There Anything Good About Men? How cultures flourish by exploiting men“ von 2010, das einen Unterbau für eben diese misogynen Trends darstellt. In dem Incels-Wiki-Eintrag zu Baumeister heißt es etwa, dass die Bewegung sich auf viele seiner „Erkenntnisse“ berufe. Nachdem eine AG Studierender gegen die Einladung protestierte, fand im November eine Austauschveranstaltung am Institut statt.
Studierende üben Kritik
Die Kontroverse rund um Baumeister als Gastdozent am WWI begann bereits im Vorjahr: Im Juni 2024 war der Sozialpsychologe erstmalig für einen Gastvortrag eingeladen. Damals noch zu einem Thema fernab seiner Theorien zu Geschlechterverhältnissen und Sexualität. Dennoch wurde eine Gruppe Studierender im Vorfeld der Veranstaltung auf das besagte Buch aufmerksam. „Er relativiert darin sexualisierte Gewalt und Missbrauchsdarstellungen von Kindern“, erzählt Martha. Martha (Name von der Redaktion geändert) ist Teil der AG Misogynie und Machtstrukturen in der Forschung und Lehre, die sich im Zuge von Baumeisters erstem Gastvortrag an der Universität Leipzig gründete.
Neben sexistischen Stereotypisierungen und verharmlosenden Darstellungen von sexualisierten Übergriffen und der Unterdrückung von Frauen vertrete Baumeister in dem Buch zudem die Annahme, ausschließlich Männer hätten Kultur geschaffen. Frauen hätten nur wenige Ressourcen, darunter Sex, zu bieten. Damit verbreitet Baumeister seine sogenannte Sexual Economics Theory, nach der Sex als Ware betrachtet wird, welche Frauen kontrollieren und Männer begehren. Nach dieser Logik würden Frauen Macht über Männer ausüben. „Laut Baumeister ist das Patriarchat eine von Feministinnen verbreitete Verschwörungstheorie“, erzählt Martha weiter.
Die Kritik der Gruppe richtete sich darüber hinaus auch gegen Baumeisters wissenschaftliche Praxis: „Die Theorien sind in methodischer Hinsicht nicht sonderlich haltbar“, so Martha. „Die Begründungen seiner Thesen sind sehr fragwürdig, er greift vielmehr auf anekdotische Evidenz zurück als auf wissenschaftliche.“ Ein Beispiel für diese anekdotische Evidenz ist etwa Baumeisters Zitat, er und seine Freunde hätten zumindest noch nie darüber geredet, wie sie Frauen am besten unterdrücken können. Ergo die Annahme, die systematische Unterdrückung von Frauen gebe es nicht.
Zudem verwende Baumeister veraltete Daten, spekuliere über Kausalitäten und korrelative Zusammenhänge oder ignoriere gegenteilige Evidenz, so die AG. Mit seinen unsauberen Methoden habe er so auch in seinen anderen Forschungsbereichen zur Replikationskrise beigetragen, die die Psychologie umtreibt. Darauf angesprochen, habe Baumeister zugegeben, sich seit der Veröffentlichung des Buches nicht mit neueren Daten zu dem Thema auseinandergesetzt zu haben, so Martha. „Wir finden falsch, dass er dennoch 15 Jahre später von der Uni eingeladen wird, dazu zu dozieren, obwohl diese Methoden entgegen den Prinzipien wissenschaftlichen Arbeitens, die wir hier gelehrt bekommen, gehen und auch nicht entsprechend eingeordnet werden.“
Vorwurf der Cancel Culture
Studierende des Psychologieinstituts, darunter auch Martha, wandten sich bereits im Jahr 2024 mit Unverständnis über die erste Einladung Baumeisters an Zacher – ohne Erfolg. Die Veranstaltung fand statt. Einige Studierende beschlossen, an der Veranstaltung teilzunehmen, um mit Baumeister diskutieren zu können. Nachdem eine solche Möglichkeit durch Zacher, der die Veranstaltung moderierte, verwehrt wurde, indem er lediglich eine Frage seitens der Studierenden zuließ und weitere Meldungen ignorierte, äußerte die Gruppe ihren Unmut gegen den Gastdozenten durch stillen Protest in Form von gemeinsamem Handheben und kollektivem Verlassen des Raumes.
Später habe sich der damalige Institutsdirektor Jörg D. Jescheniak im Namen aller Professor*innen an den FSR Psychologie gewandt und ein klärendes Gespräch zwischen Institut und Studierenden angeboten. Auch Hannes Zacher verwies in einer Mail darauf: Interessierte könnten sich an einem „konstruktiven Austausch“ beteiligen, wie es darin geheißen haben soll. Im Vorfeld des Gesprächs soll Zacher dem FSR zudem einen Artikel zum Thema Wissenschaftsfreiheit an Universitäten geschickt haben. Das vermeintlich klärende Gespräch erfolgte schließlich mit Zacher selbst sowie drei weiteren Professor*innen, die am Institut arbeiten am 14. Oktober 2024. „Von unserer Seite wurde dieses Treffen nicht als sonderlich klärend empfunden“, berichtet Martha. „Es gab eine starke Abwertung unserer Kritik: Man hat uns Cancel Culture vorgeworfen und gesagt, wir würden die Wissenschaftsfreiheit einschränken. Dass wir in einer Mail ans Institut die Gleichstellungsbeauftragte der Uni in CC gesetzt hatten, wurde als Einschüchterungs- und unser stiller Protest gegen Baumeister als Bedrohungsversuch gewertet.“ Im Rahmen dieses Gesprächs habe man den Studierenden auch gesagt, dass Baumeister bereits für eine zweite Veranstaltung in 2025 eingeladen sei, diesmal, um mitunter über das Buch, „Is There Anything Good About Men?“, zu referieren. Eine Bitte um Stellungnahme zu diesem Treffen im Oktober 2024, die luhze den mutmaßlich anwesenden Professor*innen schickte, bleibt unbeantwortet.
Das Institut schweigt
Diese zweite Veranstaltung mit Baumeister als Gastdozent am Psychologieinstitut der Universität Leipzig fand am achten Mai 2025 schließlich statt. Lediglich 20 Studierende durften sich anmelden und mussten dafür personenbezogene Daten angeben – ein Vorgehen, das die AG als Machtmissbrauch kritisiert.
„Wir haben dann entschieden, uns in das Buch einzulesen und am Seminar teilzunehmen, um die Inhalte später einer breiteren Masse zugänglich machen zu können“, erzählt Martha. Eine umfassende Recherche zu Baumeisters Geschlechtertheorien habe die AG als Ressourcensammlung zusammengestellt und allen Institutsmitgliedern sowie verwandten Fachrichtungen mit der Bitte, sich eine eigene Meinung zu der Causa Baumeister zu bilden, per Mail geschickt. „Auf diese 300 Mails haben wir zwei Antworten bekommen“, berichtet Martha. „Wir haben auch Professor Zacher mehrfach kontaktiert, aber bis heute keine Reaktionen bekommen.“ Zacher antwortete zwar auf eine Presseanfrage von luhze, verneinte jedoch eine Stellungnahme zu seiner Rolle und Perspektive auf die Geschehnisse am WWI rund um Baumeister. „Es ist eine Sache, so eine umstrittene Person einzuladen. Unsere Ansichten dann aber nicht anzuhören, ist nochmal eine andere Nummer“, resümiert Martha, „Unsere größte Kritik gilt dem Schweigen, das das Institut zu unseren Bedenken an Roy Baumeister an den Tag gelegt hat.“
Zwei Wochen nach der Veranstaltung organisierte die AG eine Kundgebung vor der Moritzbastei, um die wiederholte Einladung Baumeisters und die dadurch sichtbar gewordenen Machtstrukturen am Institut anzuprangern. „Wir hatten Sorge vor direkten Konsequenzen, stehen schließlich als Studierende in einem Abhängigkeitsverhältnis zum Institut und haben den Protest der Deeskalation halber dann mit zeitlichem Verzug veranstaltet“, erzählt Martha. Anwesende Studierende des Psychologieinstituts berichteten, lediglich zwei wissenschaftliche Mitarbeiterinnen des Instituts vor der Moritzbastei gesichtet zu haben, andere Lehrpersonen seien nicht zugegen gewesen.
Verbindlichkeiten bleiben ungeklärt
Erst als sich die AG im Nachklang dieser zweiten Veranstaltung an die Institutsleitung, Gesa Hartwigsen, wandte, fand ihr Anliegen Gehör. Seitdem sei der Austausch zwischen Institutsleitung und AG konstruktiv und stets respektvoll gewesen, betont Martha. Hartwigsen lehnte eine Schilderung ihrer Wahrnehmung des Austausches auf Anfrage von luhze ab, verwies aber auf eine Veranstaltung am 13. November, die den Studierenden der AG die Möglichkeit geben sollte, ihre Perspektive auf die Veranstaltungen mit Baumeister am WWI zu teilen. Vertreterinnen der AG stellten in einem Vortrag und in Anwesenheit fast aller Lehrpersonen des Instituts ihre Recherche zu den sexistischen und wissenschaftlich fragwürdigen Inhalten des US-Amerikaners dar. Im anschließenden Austausch äußerten Professor*innen und Dozierende in erster Linie Anerkennung für die Recherche der Studierenden. Auch Zacher sei anwesend gewesen, meldete sich jedoch nicht zu Wort.
Zur Festlegung verbindlicher Kriterien für zukünftige Gastdozierende kam es bei der Veranstaltung nicht. Zwar herrschte Einigkeit, dass keine Forschenden eingeladen werden sollten, die sexistische oder diskriminierende Positionen vertreten und wissenschaftliche Standards unterlaufen. Wer dafür Verantwortung tragen soll, dass dies eingehalten wird, blieb hingegen offen. Für die AG ist der Fall Baumeister damit vorerst abgeschlossen – auch wenn sie weiterhin einen Blick auf die geladenen Dozierenden haben werden, verspricht Martha.
Titelbild: AG Misogynie und Machtstrukturen in der Forschung und Lehre
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