• Menü
  • Hochschulpolitik
  • „Als ich für den Senat gewählt wurde, wusste ich nicht, was der Senat ist“

    Marie Holzwarth wurde unfreiwillig in den Senat gewählt. Warum Sie ihr Amt trotzdem ernst nimmt, erzählt sie im Interview

    Anmerkung der Redaktion: In der Printversion der luhze-Januarausgabe wurden ungenaue Aussagen über den Einfluss von Studierenden getroffen, die im Folgenden ausgelassen oder geändert wurden.

    Eigentlich wollte Marie Holzwarth nur ein Feuerzeug, jetzt ist sie Studierendenvertreterin im Senat: Für ein Gewinnspiel trug sie sich auf die Wählerliste der Hochschulgruppe Die Liste ein (nahe der Partei “Die Partei”) und gewann prompt. luhze interviewte die wohl erste Kandidatin, die unfreiwillig und unwissentlich in den Senat gewählt wurde.

    Wie würde deiner Meinung nach eine Uni ohne FSR aussehen?

    Die Uni wäre auf jeden Fall langweiliger. Das wäre problematisch, da man dann keine Instanz mehr zwischen Studierenden und Professor*innen hätte. Man sieht ja jetzt, wie wichtig der FSR als Anlaufstelle für die Studierenden ist. Ohne ihn würden vielen Studierenden Orientierung und Ansprechpartner*innen fehlen und das Ungleichgewicht zwischen Studierenden und Lehrenden wäre noch extremer.

    Wie unterscheidet sich die Arbeit zwischen FSR und Senat?

    Der FSR ist etwas ganz anderes, weil dort nur Studierende sind. Es ist viel ungezwungener, jede*r kann mal die eigene Meinung sagen. Der Senat ist dagegen sehr offiziell: Man sitzt im Konferenzraum, meldet sich zu Wort, alles wird protokolliert. Das ist viel bedachter und politischer. Beim Senat geht es viel mehr um Hochschulpolitik – und auch darum, mit wem man sich positioniert und wie man seine Sätze formuliert. Wenn ich entscheiden müsste, würde ich immer in den FSR gehen – dort wollte ich ja auch eigentlich hin. Beides hat seine Eigenarten und ist mit viel Arbeit verbunden. Obwohl ich beides ziemlich cool finde, ist die Arbeit des FSR näher an den Studierenden als im Senat.

    Wie wurdest du in den Senat gewählt?

    Das war ziemlich random. An dem Tag, an dem die Hochschulgruppe Die Liste für sich geworben hat, gab es ein Glücksrad, bei dem man ein Feuerzeug gewinnen konnte. Ich hatte leider kein Glück. Dann meinte jemand von Die Liste: ‚Trag dich hier ein, dann kriegst du eins.‘ Ich habe meine Matrikelnummer falsch angegeben – mein Name war aber richtig. Mir wurde gesagt, ich bekomme eine E-Mail und könnte mich dann wieder austragen. Die Mail kam aber nie.

    Später, als die Wahlen anstanden und man die Wahlzettel einsehen konnte, war ich plötzlich Senats-Kandidatin für Die Liste. Ich hab mir gedacht: Naja, sind ja wirklich viele Kandidat*innen, das wird schon nichts – und dann wurde ich gewählt. Ein Teil der Stimmen kam sicherlich davon, dass ich viele Freund*innen für die Fachschaftsratswahl motiviert habe. Da dürfen ja nur Leute aus der Fakultät abstimmen, aber das haben auch Freund*innen aus anderen Bereichen mitbekommen. Vielleicht habe ich darüber dann auch Stimmen für den Senat bekommen. Und ich kann mir schon vorstellen, dass es auch eine Rolle gespielt hat, dass ich als FLINTA-Person auf der Liste stand.

    Was war deine erste Reaktion auf die Wahlergebnisse?

    Ich habe davon zuerst gar nichts mitbekommen. Irgendwann haben mich Bekannte von Bekannten angeschrieben und meinten: ‚Marie, du sitzt im Senat.‘ Ich dachte erst: Im Äußeren? Aber dann hieß es: Nein, im inneren Senat!

    Mein erstes Gefühl war Ungläubigkeit. Ich habe mich zuerst darauf berufen, dass ich ja bestimmt nicht im Senat gelandet bin. Meine Freund*innen und ich waren alle ziemlich schockiert und haben uns gefragt: Wie kann es passieren, dass jemand, der sich damit vorher gar nicht beschäftigt hat – plötzlich in so einer wichtigen Position landet?

    War für dich klar, dass du die Wahl annimmst?

    Beim Senat kann man eigentlich nur raus, wenn man eine Person aus seinem engsten Umfeld pflegen muss, sich exmatrikuliert oder verstirbt – das ist halt so. Deshalb war klar, dass ich das Amt annehme.

    Außerdem wäre sonst der Platz an die christlich-demokratische Liste gegangen. Seit Jahren hätten sie diesmal keinen Platz im Senat – und das finde ich ehrlich gesagt auch nicht schlimm. Außerdem sind wir jetzt die ersten studentischen Senator*innen nur aus FLINTA-Personen, was richtig cool ist. Also war schnell klar: Auch wenn ich das nicht geplant hatte, ich zieh das jetzt durch – alles andere wäre eine verschwendete Stimme.

    Verfolgt ihr als Studierende konkrete Ziele im Senat?

    Der Senat ist eher ein kontrollierendes Gremium – man kann nicht viel verändern, sondern Inputs geben. Wir versuchen aber, die Interessen der Studierenden einzubringen, zum Beispiel bei der Konsolidierung an der Uni. Trotz gekürzter Gelder sollen nicht zu viele Tutorien wegfallen und die Lehre der Studierenden an erster Stelle bleiben – nicht Gehalt oder andere Dinge.

    Wie findest du das System der Senatswahlen?

    Nach meinem doch recht überraschenden und auch unfreiwilligen Wahlsieg habe ich die Hochschulwahl an sich infrage gestellt. Wir, an der Uni Leipzig, haben eine verhältnismäßig hohe Wahlbeteiligung bei Hochschulwahlen, aber sie ist trotzdem “nur” 10 %. Das muss man kritisch betrachten, wenn man überlegt, wie politisch die Uni ist. Es gibt Studierende, die sich auf kommunaler Ebene für Leipziger Politik engagieren. Aber die Politik, die Studierende direkt betrifft, wird vernachlässigt.

    Ein weiteres Problem ist, dass Aufklärung bezüglich studentischer Hochschulpolitik fehlt. Als ich für den Senat gewählt wurde, wusste ich nicht mal, was der Senat ist. Bis zur ersten Sitzung war mir nicht klar, was der Senat tut. Die Uni Website ist nicht sehr  zugänglich. Da fehlt dann vielleicht auch einfach Aufklärung. Es kann kein Interesse entstehen, wenn keiner etwas darüber weiß.

    Wie viel Einfluss habt ihr als Studierende im Senat?

    Es besteht ein Ungleichgewicht durch die Länge der Wahlperiode: Die meisten Mitglieder sitzen vier Jahre im Senat – wir Studierende nur ein Jahr. Wir haben dann gar keine Vorerfahrung. Beispielsweise haben wir letztens den Ausschuss-Rat für die Rektor*innen-Wahl gewählt. Wir Studierenden haben dann auch eine Kandidatin vorgeschlagen. Die Senatsmitglieder haben jedoch schon letztes Jahr Vorschläge für die Wahl der Auswahlkommission gesammelt, wodurch wir kaum Unterstützung für unseren Vorschlag bekamen.

    Gibt es Rücksprachen mit der Hochschulgruppe Die Liste?

    Ich muss nicht unbedingt den großen Kontakt zu der Partei haben. Nach der Wahl wurde mir erst später zugetragen, dass ich auf Instagram gesucht worden bin. Auch bisher kam kein Interesse, es hat sich immer noch keiner bei mir gemeldet. Klar, es wäre toll gewesen, von ihnen zu hören. Ich habe aber auch nicht offen den Kontakt gesucht, weil meine Wahl ja mehr oder weniger unfreiwillig war. Jetzt ist es für mich gut, dass ich mich politisch komplett frei bewegen kann. Ich distanziere mich auch von den Inhalten der Partei Website. Ich bin nicht freiwillig Teil von der Hochschulgruppe oder der dazugehörigen Partei. Und bin froh, dass ich nicht direkt mit der Partei assoziiert werde. Aber ich passe zu ihrem Konzept: Es ist sehr satirisch, dass ihr Spitzenkandidat von jemandem ausgestochen wurde, der keine Ahnung hat.

    Gibt es noch etwas, was du sagen möchtest?

    Beteiligt euch nächstes Jahr bei den Wahlen! Wählt für euch und für die Hochschulpolitik generell. Alle Studierende sind wahlberechtigt. Wenn man sich für seinen Fachschaftsrat stark macht, kann man in der gleichen Umfrage auch die Studierendenvertretung des Senats mitwählen.

    Abschließend und rückblickend: Würdest du deinen Namen wieder auf die Liste setzen?

    Ich würde mich nicht auf die Liste Die Liste setzen. Grundsätzlich finde ich es interessant, in die Politik einzutauchen. Man kriegt die Möglichkeit, hinter die Kulissen zu schauen. Ich überlege, für das Folgejahr erneut zu kandidieren, aber ich möchte erst Erasmus machen. Wahrscheinlich wird es eher das Jahr danach, aber dann bei einer anderen Hochschulgruppe.

     

    Info:

     

    FSR – Fachschaftsrat

    Vertretung der Studierenden einer Fakultät oder eines Studiengangs; organisiert Veranstaltungen, berät Studierende und vermittelt zwischen Studierenden und Hochschule.

    Hochschulgruppe „Die Liste“

    Studentische Gruppe “Der Partei”, die Kandidat*innen für Hochschulwahlen aufstellt und hochschulpolitische Positionen vertritt.

    Innerer Senat (Senat)

    Wichtiges zentrales Gremium der Hochschule; stimmberechtigte Mitglieder sind gewählte Vertreter*innen. Entscheidet u. a. über Lehrqualität, Gleichstellung, Wirtschaftsplan und wissenschaftliches Fehlverhalten. Rektorin führt den Vorsitz.

    Äußerer Senat (Erweiterter Senat)

    Zuständig für Wahl/Abwahl der Rektorin/des Rektors und Beschlüsse zur Grundordnung der Hochschule.

    Konsolidierung

    Finanzielle Sparmaßnahmen der Universität, z. B. gekürzte Budgets, wegfallende Tutorien oder weniger Lehrangebote.

     

    Titelbild: Emma Luisa Apitz

    Hochschuljournalismus wie dieser ist teuer. Dementsprechend schwierig ist es, eine unabhängige, ehrenamtlich betriebene Zeitung am Leben zu halten. Wir brauchen also eure Unterstützung: Schon für den Preis eines veganen Gerichts in der Mensa könnt ihr unabhängigen, jungen Journalismus für Studierende, Hochschulangehörige und alle anderen Leipziger*innen auf Steady unterstützen. Wir freuen uns über jeden Euro, der dazu beiträgt, luhze erscheinen zu lassen.

    Verwandte Artikel

    Stell dir vor, es sind Wahlen und keiner geht hin

    Noch bis zum 24. Juni laufen die Hochschulwahlen. Oft bleibt die Wahlbeteiligung gering. Was sind die Gründe? Einige Wochen vor den Wahlen hat luhze sich am Campus Augustusplatz umgehört.

    Campuskultur Hochschulpolitik | 19. Juni 2025

    Erfolg des Studentischen Protestes gegen Kürzungen – trotzdem: Studentenwerke unterfinanziert

    Haushalt ist in Zahlen gegossene Politik. Im Haushaltsentwurf der CDU-SPD-Minderheitsregierung sollte es eine massive Mittelkürzung für die Studentenwerke geben. Dagegen regte sich Widerstand.

    Hochschulpolitik | 19. September 2025