Die Katzenfrau und der Mann der Silvester verschlief
Er verschläft Silvester. Im Haus lacht eine Frau, als wüsste sie etwas, das allen fehlt. Nachts verschwindet sie. Zurück bleibt ein stilles Neujahr– mit Vorsätzen, die wissen, wie das Jahr endet.
Er verschlief den Jahreswechsel. Es war kein Statement an die Gesellschaft. Und es war auch kein Protest gegen irgendwen. Er schlief einfach ein. Während sich die Menschen im Fernseher umarmten, die er nicht kannte. Während die Menschen da draußen feierten, als wäre die Welt plötzlich eine bessere geworden. Als wären sie es auch. Da draußen wurde gezählt, um etwas abzuschließen – als wäre um Mitternacht etwas erledigt. Als könnte man sich selbst einfach so stehen lassen zwischen zwei Tagen.
Am nächsten Morgen war davon nichts mehr übrig. Es war still. Vereinzelte Knalle in der Ferne. Raketen, die zu spät kamen. Die Reste eines alten Jahres. Der 1. Januar war längst da, ohne ihn zu fragen, ob er bereit war. Oder ob er überhaupt noch jemand war, der bereit sein konnte.
Er stand im Bad und sah sich im Spiegel an. Dasselbe Gesicht wie immer. Derselbe Blick. Einer, der seine Neujahrslügen schon lange kannte. Sie jedes Jahr erneuerte, aber nie wahr machte.
Auch in diesem Jahr wird er oft feiern gehen. Mit vielen Leuten. Mit Musik, Alkohol und Lachen auf Kommando. Aber er lachte nie so, als würde ihn etwas wirklich berühren. Es war ein Lachen, das man benutzt, nicht eins, das man auch meint.
Jedes Jahr dachte er, diesmal würde es anders werden. Und jedes Jahr wusste er am 2. Januar, dass das gelogen war.
In seinem Haus wohnte die Katzenfrau. Er nannte sie so, weil auf ihrer Fußmatte drei dicke Katzen abgebildet waren. Sie klebten dort: rund, zufrieden und völlig unbeeindruckt von dieser Welt. Sie waren nicht echt. Und trotzdem echt genug, um zu wissen, dass ein Jahreswechsel keinen neuen Menschen macht.
Die Katzenfrau lachte. Immer. Nicht laut, nicht schrill – eher im Vorbeigehen. Als wäre das Leben für sie etwas, das man nicht erträgt, sondern unterstreicht. Mit einem Lachen.
Er sah sie meistens allein. Mit Einkaufstüten. Mit Kartons. Oder mit einem Akkubohrer unterm Arm. Einmal fuhr sie ein Auto, das aussah wie ein Leichenwagen – schwarz, kantig und unverschämt groß. Selbst darin fuhr sie lachend davon.
Er verstand das nicht. Wie man allein sein konnte und dabei so wenig verloren wirkte.
Kurz vor Weihnachten begann sie umzuziehen. Allein. Nicht am Tag, sondern nachts.
Er sah sie spät abends im Treppenhaus, wenn er vom Feiern kam. Möbel schleppen, schrauben, fluchen. Hörte ihre Schritte auf der Treppe, während er noch wach und überreizt im Bett lag. Während sich alles drehte. Und immer wieder dieses Lachen.
Am Anfang war es noch da, hell, beiläufig. Dann wurde es immer leiser. Kürzer. Als würde es mit jedem Abend, an dem sie ein Möbelstück hinaustrug, weniger werden.
Die Katzenfrau lachte über Männer, die alles erklären wollten und dabei nichts verstanden. Sie lachte über Umzüge, über Weihnachten, über das Chaos. Und er fragte sich immer öfter, ob sie vielleicht auch über ihn lachte.
Ob die drei dicken Katzen auf ihrer Fußmatte zum Leben erwachten, wenn sie spät abends in ihrer Wohnung saß. Und sie über ihn lachten. Über sein Leben, was eigentlich keins war, sondern nur ein Zustand, in dem man nicht nachdenken musste. Nicht fühlen. Nicht fragen. Nicht bleiben.
Er fühlte nichts und er war auch nicht wirklich da.
An einem der letzten Abende sah er sie noch einmal im Treppenhaus. Keine Kartons mehr. Kein Akkubohrer. Nur sie.
Sie fing seinen Blick auf, ihre Augen funkelten. Sie lachte und ging an ihm vorbei.
Es reichte ihm und er rief ihr hinterher: „Was ist eigentlich immer so lustig?“
Sie blieb stehen. Für eine winzige Sekunde verstummte ihr Lachen. Dann drehte sie sich zu ihm um: „Warum ich lache? Weil ihr alle euer Leben viel zu ernst nehmt. Ihr denkt, ihr könntet es aufschieben. Doch so funktioniert das nicht. Und ja, ich lache auch über dich. Denn du hast alles – aber dich selbst hast du nicht.“
Ein Stich fuhr durch ihn hindurch und er hörte sie noch kichern, während sie die Treppe herunterging.
Am nächsten Tag war sie weg. Die Wohnung leer. Die Fußmatte mit den drei dicken Katzen verschwunden.
Ein Jahr später stand er wieder vor dem Spiegel. Verkatert. Dabei traf er sein Gewissen. Und dieselben Vorsätze wie jedes Jahr. Weniger Alkohol. Weniger Konsum. Ein anderes Leben. Doch keiner davon hielt länger als dieser Gedanke. Die Tage gingen vorbei. Abende, Arbeit, Wochenenden. Spaß, Rausch, Stille. Wenig, das blieb und wenig, das ihn traf.
Manchmal glaubte er noch, ihr Lachen zu hören. Aber es war nur ein Echo in seinen Gedanken.
Und für einen kurzen Moment fragte er sich, ob die Katzenfrau nie eine Frau gewesen war. Ob sie sein Lachen gewesen war. Das, was er jetzt verloren hatte. Er hatte es zum Schweigen gebracht, weil es für ihn zu leicht, zu frei und zu lebendig war. Er sah genauer in den Spiegel. Aber dort war niemand mehr.
Bilder: Anna Clasen
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