Stille Nacht
An Weihnachten sitze ich zum ersten Mal allein in Deutschland. Während ich den Lärm meiner Familie vermisse, lerne ich, was Stille wirklich bedeutet.
An Heiligabend sitze ich in meinem kleinen WG-Zimmer. Mein künstlicher Weihnachtsbaum mit wenigen Dekorationen und einer Lichterkette, die ich von zu Hause mitgebracht habe, funkelt in meinem Augenwinkel. Der Tisch ist bescheiden gedeckt – ein Teller Salat, Teigtaschen mit Kartoffeln und Pilzen, ukrainisches Bier, alles gekauft im nächstgelegenen osteuropäischen Laden. Auf meinem Laptop läuft Kevin – Allein zu Haus – passend.
Normalerweise bin ich zu dieser Zeit bei meiner Familie, zu Hause in Kyjiw. Dieses Jahr jedoch haben mir die Bürokratie der Ausländerbehörde und der andauernde Prozess der Verlängerung meines Studentenvisums ein Weihnachtsfest fern von zu Hause geschenkt. Mit meinen Freunden hat es irgendwie nicht geklappt – alle haben entweder schon andere Pläne oder fahren in ihre Heimat, sei es in eine andere deutsche Stadt oder ins Ausland. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als Weihnachten mit mir selbst zu feiern.
Um ehrlich zu sein, hatte Weihnachten für mich nie eine besondere Bedeutung. Natürlich war und ist es in meiner Familie immer ein Familienfest, aber wir haben keine bestimmten kulturellen Traditionen gepflegt. Weihnachten war einfach ein weiterer Anlass, an dem sich alle an einem großen Tisch versammeln, essen, zusammen trinken, sich einfach sehen und die neuesten Themen besprechen. Und um ganz ehrlich zu sein, mochte ich solche Zusammenkünfte als Kind auch nicht besonders. Wieso verspüre ich dann diese durchdringende Sehnsucht in meinem Herzen?
Sonst würden meine Mutter und ich am Morgen des 24. Dezembers mit dem Putzen der Wohnung beginnen, da wir am Abend Gäste empfingen. Als Kind natürlich der unbeliebteste Teil des Tages. Dieses Jahr sind alle meine Mitbewohner nach Hause gefahren, und so bietet sich das gründliche Reinigen aller dunklen Ecken nicht nur meines Zimmers, sondern der gesamten Wohnung fast automatisch an. Dann würden meine Mutter und ich beginnen, das Essen vorzubereiten, während im Hintergrund Filme liefen – von den Lieblingsfilmen meiner Mutter aus der Sowjetzeit bis zu meinen eigenen Weihnachtsklassikern wie Der Grinch, Drei Haselnüsse für Aschenbrödel oder Tatsächlich…Liebe. Diese vertraute Routine führe ich auch jetzt automatisch aus. Die Mengen sind geringer, ausgelegt auf eine Person. Die Filme im Hintergrund sind immer noch die gleichen.
Wenn alle Vorbereitungen erledigt sind, wäre es für meine Mutter und mich an der Zeit, uns zurechtzumachen. Duschen, Kleidung aussuchen – denn aus irgendeinem Grund gibt es eine ungeschriebene Regel, dass man für ein festliches Abendessen zu Hause wie aus dem Ei gepellt aussehen muss. Dieses Mal bin ich in meiner üblichen Hauskleidung, ohne Make-up, ohne Frisur, und sehe aus, als wäre ich jeden Moment bereit, ins Bett zu gehen.
Und nach dem Warten kämen die Gäste dann fast pünktlich. Es wäre Zeit, sich mit Umarmungen zu begrüßen, den Großeltern die schweren Taschen mit weiteren Speisen und dem von Opa selbstgemachten Sanddornlikör abzunehmen. In der Wohnung würde es laut werden: irgendwo Gelächter, in der Küche kommandiert meine Oma beim Auspacken der mitgebrachten Speisen herum, im Wohnzimmer reden mein Bruder und mein Opa auf dem Sofa über dies und das. Ich würde zwischen ihnen hin- und herlaufen, ohne zu wissen, wo ich mich endgültig hinstellen soll. Dann, ich erinnere mich, würde ich einfach in mein Zimmer gehen, um ein wenig allein in meiner Ruhe zu sein, bevor zum Essen gerufen wird.
Während ich jetzt in einem fast lautlosen Zimmer sitze – wäre da nicht der Film, der im Hintergrund von meinem Laptop läuft –, ärgere ich mich innerlich über mein früheres Ich. Ich wünsche mir, dass ein Weihnachtswunder geschieht und mir eine Zeitmaschine auf den Kopf fällt, damit ich in genau diesen vergangenen Moment springen kann. Es bleibt mir jedoch nur, Lehren daraus zu ziehen und zu hoffen, dass ich es im nächsten Jahr nachholen kann.
Da ich bei diesen Gedanken bleibe, erscheint mir die Stille in meiner WG jetzt so überwältigend, als hätte ich sie zuvor nicht bemerkt und würde ihr nun meine ganze Aufmerksamkeit schenken. Dieses Weihnachten ist still. So still, dass ich sogar vergesse, wie laut es in den letzten Jahren war.
Laut war es nicht nur wegen meiner lauten Verwandten. Sondern wegen der Sirenen der Luftschutzalarme. Wegen der Explosionen der Raketenangriffe. Wegen einer gewissen, ständig bestehenden Paranoia, dem Überprüfen der Nachrichten. Und paradoxerweise auch wegen der Stille – der buchstäblichen, dröhnenden Stille, nicht nur in den Häusern, sondern in ganzen Stadtteilen, wenn es zu Stromausfällen kommt.
Ich sitze nun hier in meinem stillen Zimmer und erkenne plötzlich das Privileg dieser Stille. Sie ist nicht bedrohlich. Sie wird nicht durch Sirenen zerrissen. Niemand muss Kerzen anzünden, weil der Strom ausgefallen ist. Diese Stille bedeutet Sicherheit – etwas, das ich in meiner Sehnsucht nach dem Lärm meiner Familie beinahe übersehen hätte.
Und schon im nächsten Moment öffne ich die Nachrichten aus meiner Stadt. Berichte über Raketen- und Drohnenstarts. In vielen Regionen des Landes wurde Alarm ausgelöst. Scheiße. Noch dazu an Heiligabend!
Ich rufe meine Familie per Videoanruf an. Sofort hallt das vertraute Stimmengewirr durch mein bisher so stilles Zimmer – sie übertönen einander, jeder will mir etwas sagen, jeder will mir versichern, dass alles in Ordnung ist. Sie sitzen im gedämpften Licht verschiedener batteriebetriebener Taschenlampen und Kerzen. Anscheinend wurde gerade planmäßig der Strom im Haus abgeschaltet. „Bei uns alles gut, wir sind alle zusammen! Wir halten durch!“, höre ich über den Lautsprecher.
Vielleicht ist Heimat am Ende beides: der Lärm, nach dem ich mich sehne, und die Stille, die ich gerade erst schätzen lerne. Vielleicht ist es das, zwischen zwei Welten zu leben – in der einen das Herz, in der anderen die Sicherheit zu haben. Und vielleicht ist es auch in Ordnung, beides gleichzeitig zu vermissen und dankbar dafür zu sein.
Titelbild: Tasiia Lokteva
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