Leipziger Opernball 2025: Ein Fest im Glanz der Kritik
Auf dem Augustusplatz funkeln Scheinwerfer und Glitzerkleider. Während Prominente über den roten Teppich schreiten, protestieren Andere gegen sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch.
Am 25. Oktober 2025 feierte der Leipziger Opernball sein 30-jähriges Jubiläum. Rund 2.000 Gäste strömten unter dem Motto „¡Bienvenidos, Andalucía!“ ins Opernhaus. Über 135.000 Euro kamen an diesem Abend zusammen und sollen der Stiftung Leipzig hilft Kindern zugutekommen. Doch das traditionsreiche Fest stand in diesem Jahr aus anderen Gründen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit: Rammstein-Frontmann Till Lindemann, gegen den Vorwürfe sexualisierter Gewalt im Raum stehen, gehörte zu den geladenen VIP-Gästen. Vor der Oper versammelten sich laut Leipzig nimmt Platz mehr als 400 Demonstrierende, um gegen seine Präsenz und das Wegsehen einer Gesellschaft, „die lieber tanzt als hinhört“, zu demonstrieren.
Im Sommer 2023 wurden schwere Vorwürfe gegen Lindemann laut. Mehrere Frauen, von denen die meisten aus Angst um ihre Sicherheit anonym blieben, berichteten von sexuellen Übergriffen und Machtmissbrauch. Sie schilderten Situationen im Umfeld von Rammstein-Konzerten, in denen ihre körperlichen und psychischen Grenzen überschritten worden seien. Die Anschuldigungen sorgten für breite Diskussionen über Machtverhältnisse in der Musikbranche und den Umgang mit Betroffenen. Die Berliner Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf, stellte sie jedoch später wegen fehlendem hinreichenden Tatverdacht wieder ein.
Die Problematik liegt in der Symbolik
Dass Till Lindemann trotz schwerwiegender Vorwürfe eine Bühne auf dem Leipziger Opernball geboten wurde, sorgte für Empörung. Das Bündnis Gemeinsam gegen sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch, ein Zusammenschluss zahlreicher Leipziger Vereine und Initiativen, organisierte einen stillen Protest. In einem offenen Brief an die Organisator*innen des Opernballs heißt es: „Dass eine Institution wie die Opernball Leipzig Production GmbH – gemeinsam mit der Oper Leipzig – einer Person eine Bühne bietet, gegen die schwere Vorwürfe sexueller Übergriffe und Machtmissbrauchs öffentlich erhoben wurden, sendet ein fatales Signal.“ Die Kritik richtet sich weniger gegen Lindemann als Einzelperson, sondern gegen das gesellschaftliche Signal, das von der Einladung ausgeht. Das Bündnis betont: „Juristische Unschuld kann keine moralische Entlastung sein.“ Es gehe, so die Initiativen weiter, „nicht um die mediale Figur einer einzelnen Person, sondern um die gesellschaftliche Verantwortung, die Veranstaltende und Fördernde eines kulturell geprägten Events in städtischer Liegenschaft tragen.“
Auch in der Innenstadt zeigen viele Menschen Unverständnis. Eine Passantin sagt: „Es ist furchtbar, dass er eingeladen wurde und noch eine Bühne bekommt. Das vermittelt den Eindruck, dass Männer oft nicht als Täter gesehen werden.“ Eine andere findet deutliche Worte: „Wie kann eine Stadt wie Leipzig, die sich als links und progressiv versteht, so jemanden zum Opernball einladen?“ Viele sehen in Lindemanns Auftritt nicht nur eine fragwürdige Einladung, sondern ein Symptom mangelnder Sensibilität gegenüber Betroffenen und der gesellschaftlichen Verantwortung kultureller Institutionen.
Nach der öffentlichen Kritik und den angekündigten Protesten entschied sich Sachsens Sozialministerin Petra Köpping, nicht am Opernball teilzunehmen. Mit ihrer Absage wolle sie, so heißt es, ein Signal der Deeskalation senden.
Familiäre Verbindungen hinter der Einladung
Die Einladung Till Lindemanns zum Leipziger Opernball war offenbar kein Zufall. Veranstalterin und Geschäftsführerin der Opernball Leipzig Production GmbH Maxi Fenger betont zwar, die Einladung sei „nicht durch die Veranstalter, sondern durch einen Sponsor“ erfolgt, doch dieser Sponsor ist die Fenger Gruppe, deren Geschäftsführer ihr Vater und wohl ein Freund Lindemanns ist, so Maxi Fenger selbst.
Fenger erklärt luhze auf dem roten Teppich: „Die Fenger Gruppe hat eingeladen, die sind der Sponsor, und wir sind der Leipziger Opernball. Wir sind nicht in der Position, das zu verhindern.“ Eine Freundschaft zu Lindemann bestätigt sie. Zu den Protesten meint sie knapp: „Das akzeptiert man, aber wir machen uns trotzdem einen schönen Abend.“
Zwischen rotem Teppich und roten Schildern
Während auf dem roten Teppich die Promis posieren, stehen nur wenige Meter dahinter rund 400 Demonstrierende. Eine Absperrung und eine Polizeikette trennen Ballgesellschaft von Protest. Während Limousinen mit Stars vorfahren, halten Demonstrierende Schilder hoch. Über die Absperrungen hinweg formen rote Buchstaben den Satz: „Sage mir, mit wem du feierst, und ich sag dir, wer du bist.“ Von einer Dachterrasse hängt ein großes Banner: „Haltung statt Glanz.“
Jedes Mal, wenn ein neuer Promi auf dem Teppich erscheint, wird es lauter. „Schämt euch!“, rufen die Demonstrierenden. Eine von ihnen äußert: „Es hat eine gewisse Symbolik. Sexualstraftäter werden geduldet und sobald etwas verjährt ist, ist es wieder okay. Was ist das für eine Moral, dass wir mit Tätern tanzen?“ Eine andere meint: „Wir sind hier, um Solidarität mit Betroffenen sexualisierter Gewalt zu zeigen. Damit sie wissen, dass sie nicht allein sind.“
Doch auch leise Hoffnung macht sich bei einer Demonstrantin bemerkbar: „Wenn nur eine Person, die heute dort feiert, anfängt, über Machtstrukturen und Verantwortung nachzudenken, dann haben wir etwas erreicht.“
Kam die Message an?
Der Ton auf dem roten Teppich bleibt auffallend gelassen. Auf Fragen zu den Demos und der vorherrschenden Kritik wird oft gleichgültig, teils sogar spöttisch reagiert.
Moderator Malte Arkona zeigt am ehesten Verständnis für die Demonstrierenden. „Ich find’s gut, dass es Demonstrationen gibt und dass man seine Meinung kundtun darf“, sagt er. Auf die Einladung von Till Lindemann angesprochen, bleibt er vorsichtig: „Ich habe die Gästeliste nicht gemacht. Aber wenn jemand Fehler macht, muss er dafür geradestehen.“ Ganz anders Nico Schwanz. Für den Influencer ist der Protest kein Thema. „Uns beeinträchtigen die Demos gar nicht. Till ist freigesprochen worden, er ist halt ein Rockstar,“ sagt er. Auch Veronika Wand-Danielsson, die Botschafterin Schwedens, betont: „Solange nichts bewiesen ist, bist du unschuldig“.
Sängerin Annemarie Eilfeld, Influencerin Andrea Eggers und TV-Star Claudia Obert zeigen wenig Verständnis für den Protest. Eilfeld findet es „falsch und unnötig, dass sich so viele Menschen gegen eine Person versammeln“ und nennt die Demos „albern“ und „nervig“. Auch Eggers bleibt unberührt vom Thema und freut sich lieber „aufs Tanzen, auf Spaß und auf Alkohol.“ Obert fasst schließlich die Stimmung vieler Gäste zusammen: „Großes Amüsement, super Lachen und ein netter Tisch.“ Über die Demonstrierenden meint sie nur: „Die machen gut Krach.“
Till Lindemann auf dem Leipziger Opernball
Till Lindemann und Geiger David Garrett betraten den roten Teppich erst gegen 21:30 Uhr, zu einem Zeitpunkt, als Presse und Demonstrierende bereits abgezogen waren. Im Saal saßen sie für rund zwei Stunden gemeinsam an einem Tisch, Lindemann mit dem Rücken zur Presseloge. Kurz bevor die Journalist*innen zur Tombola-Auslosung wieder in den Saal durften, verließen die beiden plötzlich ihren Platz. Anschließend wurden sie in einer Loge über dem Ballsaal gesehen, von wo aus sie das Geschehen beobachteten. Dort blieben sie bis zum Zeitpunkt, als die Presse gegen 1 Uhr den Ball verlassen musste. Videos auf Rammstein-Fanaccounts auf Instagram zeigen später am Abend eine gemeinsame Performance von Till Lindemann und David Garrett: ein Auftritt, der scheinbar bei den Gästen für Begeisterung sorgte.
Titelbild: Karolina Werner
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