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  • “Wir müssen uns radikal um die Welt kümmern”

    Die Klimaaktivistin Luisa Neubauer war zu Besuch an der Universität Leipzig und gab unter anderem Antworten auf Fragen zur aktuellen Europawahl.

    Im Rahmen der diesjährigen Public Climate School fand am 15. Mai an der Universität Leipzig eine Veranstaltung mit der Klimaaktivistin und Autorin Luisa Neubauer statt. Im Gespräch mit luhze-Redakteurin und Students-for-Future-Mitglied Lene Göschel gab sie Antworten auf drängende Fragen zur Europawahl, Rechtspopulismus und wie man zwischen all den Krisen seine gute Laune nicht verliert.

    Wie wichtig ist die Europawahl am 9. Juni?

    Man solle seine gute Laune nicht an diese Wahl knüpfen, rät Luisa, denn es werde hart werden. „Trotzdem ist es der Moment, in dem wir Haltung zeigen müssen“. Es gehe um eine Entweder-oder-Wahl: Entweder ökologisch und progressiv oder rechts, rückwärts, postfaschistisch. Luisa weist darauf hin, dass Deutschland mehr Menschen als alle anderen Länder ins Europaparlament wählt. „Wir müssen so viele Menschen wie möglich davon überzeugen, wählen zu gehen.“ Die bisherigen Maßnahmen zum Klimaschutz der EU würden wirken, aber nicht reichen.

    Wie kann dem kursierenden Rechtspopulismus die Stirn geboten werden? Kontern mit Linkspopulismus?

    Nein, findet Luisa. Auch, wenn es schon ein bisschen sexy klinge. Nur weil die Rechten mit verkürzten Inhalten und simplen Parolen Zuspruch erreichen, sei das noch lange nicht der richtige Weg. Wir könnten uns ein bisschen mehr Komplexität zumuten und auch mal unsicher sein und zweifeln.

    Wie kommen wir dann aus der Klimakrise heraus?

    Laut Luisa jedenfalls nicht mit den richtigen Fakten. Das hätten wir lange versucht und damit seien wir auch nicht in die Krise hineingeraten. Der Schlüssel für eine erfolgreichere Klimabewegung könne eher in unser aller Vorstellungsvermögen liegen. In dem Glauben an die Wirksamkeit jeder Stimme, in dem Erschaffen von gemeinsamen Visionen und Utopien und dem Erzählen von mutigen und tollen Geschichten.
    „Wir müssen besser werden im Internet.“ TikTok biete eine riesige Plattform, die die Klimabewegung mit ihrem Content füllen könnte, um noch mehr Menschen zu erreichen.

    Hilft auch Ankleben?

    „Wir brauchen unbedingt Menschen im zivilen Ungehorsam.“ Trotzdem sei die Idee, dass die Klimabewegung nur radikaleren Protest brauche, um ihre Ziele zu erreichen, gescheitert. Luisa erinnert an die Kohleproteste in Lützerath: Dort haben sich Menschen im Baumhaus angekettet, während daneben eine bürgerliche Demonstration stattgefunden habe. Protest sei dann am wirksamsten, wenn alle Formen zusammenarbeiten würden, wie ein Orchester. Es müsse nur friedlich und gewaltfrei bleiben.

    Gewaltfrei – das steht im krassen Gegensatz zum aktuellen Europawahlkampf. Wie lassen sich die Angriffe auf Politiker*innen einordnen?

    „Es ist creepy.“ Gewalt sei allerdings nichts Neues in Deutschland. Neu sei, dass es Angriffe auf Weiße sind, und das polarisiere und mobilisiere anders. Sie erzählt auch von der Angst um die eigene Person. In den Hörsaal der Universität Leipzig kommt sie nur mit Personenschutz. „Seit vier Jahren weiß ich, dass da jemand kommen könnte.“ Es sei wichtig zu verstehen, dass dieser Hass eine Projektion sei und ein Zeichen dafür, wie aktuell in Deutschland mit politischen Gegnern umgegangen wird. Dafür seien auch viele der Top-Politiker*innen mitverantwortlich, indem sie zum Beispiel Klimaaktivismus mit der RAF und anderem Terrorismus gleichsetzen und damit den Ton angeben, wie wir übereinander sprechen.

    Und wie behalten wir trotzdem unsere gute Laune?

    „Die Aktivistin, die immer latent ein Burn-out hat und morgen nicht mehr kann, ist out of date.“ Stattdessen bräuchten wir einen aktivistischen Modus, der älter wird als 18 oder 19 Jahre, in dem wir langfristig leben könnten und zuversichtlich bleiben. „Wir müssen uns radikal um die Welt kümmern, aber auch radikal um uns selbst.“ Es sei ein Geschenk für die Gegner der Klimabewegung, wenn sie Aktivist*innen nur mit schlechter Laune am Rande eines Nervenzusammenbruchs sehen.
    Fridays for Future Berlin mache deswegen nach jeder Demo eine Riesenparty, denn das sei auch Teil des Geschichtenerzählens: „Let’s fight and let’s dance.“

     

    Foto: ma

    Dieser Beitrag erscheint auch in der neuen Ausgabe von luhze, die am kommenden Montag erscheint.

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