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  • Ein Fest der Freude

    Über die Feiertage ist es Zeit für eine Reise in die Heimat – oder? Vielleicht ist es auch völlig okay, einfach mal in der eigenen Bude zu bleiben.

    Weihnachten ist ein Familienfest. Zu Weihnachten fährt man nach Hause zu Mama und Papa, die Geschwister kommen dazu, man trifft sich mit Großeltern, Onkeln, Tanten, Cousins, Cousinen und wer auch immer noch alles zur Familie dazugehört. Das kann toll sein: endlich mal all die Menschen wiedersehen, die man, bedingt durch Studium, Beruf, vielleicht auch Corona, inzwischen nicht mehr so regelmäßig sieht wie früher in der Kindheit. Gemeinsames Essen, gemeinsames Reden, gemeinsames Auspacken der Weihnachtsgeschenke. Ist doch toll, oder? Laut einer aktuellen Studie von Statista freuen sich 65 Prozent der Befragten in der Weihnachtszeit vor allem darauf, Zeit mit ihrer Familie zu verbringen.
    Doch was ist, wenn man sich mit der eigenen Familie nicht gut versteht? Was ist, wenn unterschiedliche Weltansichten zwischen einem*einer selbst und den Verwandten stehen – vielleicht sogar diskriminierende Ansichten? Was ist, wenn das Weihnachtsessen mit Opa, mit Mama oder Onkel Willi zu Frust führt, zu Scham, zu Wut und Traurigkeit, sodass man danach mit Tränen in den Augen im eigenen Zimmer sitzt oder sogar schon während des Essens den Tisch verlassen muss, weil man es nicht mehr aushält? Wenn man sich vor der Fahrt „nach Hause“ fürchtet, weil man weiß, dass man dort hauptsächlich Kritik empfangen wird oder dass Streit droht? Was ist, wenn die ach so schöne Weihnachtszeit aus genau diesen Gründen zur Qual wird?
    Über Weihnachten nach Hause zu fahren, war für mich lange Zeit nichts anderes als eine soziale Pflicht. Das macht man eben so, und irgendwie wäre es ja auch seltsam, Weihnachten nicht bei meinen Eltern zu verbringen, so wie ich das immer gemacht habe. In meinem Kopf käme es fast einer Beleidigung meiner Familie gleich, sie über die Feiertage nicht zu sehen, und ich bin mir ziemlich sicher, dass zumindest einige meiner Familienmitglieder es auch genau so empfinden würden. Dass der Gedanke an die „Heimfahrt“ für mich mit Widerstreben, teilweise sogar Angst verbunden war, habe ich beiseite geschoben. Die paar Tage werde ich schon durchstehen, habe ich mir gesagt, und bin auch in diesem Jahr wieder für zwei Wochen in meinem alten Kinderzimmer eingezogen. Bisher ist es überraschend entspannt, doch ein Teil von mir wartet förmlich auf den großen Knall. Vielleicht, denke ich mir, vielleicht hätte ich mutiger sein sollen. Man muss den Besuch in der Heimat ja nicht gänzlich absagen, aber ich hätte ihn auf ein paar wenige Tage beschränken können. Dann wäre ich jetzt auf jeden Fall entspannter.
    Doch andererseits liebe ich meine Familie natürlich auch, und trotz unserer Differenzen sind sie alle tolle Menschen, mit denen ich – manchmal zumindest – durchaus sehr gerne Zeit verbringe. Dementsprechend will ich sie auch nicht verletzen. Und in einer Familie, in der wirklich alles persönlich genommen wird, weiß ich genau, dass sie verletzt wären, würde ich nicht über Weihnachten nach Hause kommen. Nicht unbedingt meinetwegen, sondern weil man das eben so macht.
    Doch je länger ich darüber nachdenke, desto mehr merke ich, wie ungesund diese Einstellung ist. Wir alle haben ein Recht auf schöne Feiertage, die wir genießen können. Und wer das im Kreise der (leiblichen) Familie nicht kann, darf sehr wohl einfach zu Hause bleiben. Du feierst Weihnachten lieber mit deinen Freund*innen als mit deiner Familie? Nur zu! Sind wahre Freund*innen nicht eh sowas wie Familienmitglieder? Oder willst du an Weihnachten sogar ganz allein sein? Daran ist nichts Schlechtes. Schnapp dir eine Kuscheldecke, eine Tasse heißen Kakao und ein paar Plätzchen und verbring Heiligabend damit, Weihnachtsfilme zu schauen, wenn dir danach ist. Und wenn du das ganze Racletteset für dich hast, kannst du echt viele Pfännchen auf einmal reinschieben.
    Wir sollten aufhören, uns nach gesellschaftlichen Normen zu richten. Das gilt nicht nur für die Weihnachtszeit, ist vielleicht aber gerade jetzt besonders wichtig. Schließlich sind diese Tage zwischen dem vierten Advent und dem neuen Jahr dazu da, dass wir uns erholen, den Kopf freibekommen und einfach mal ein bisschen genießen. Und wenn das im Kreise derer, die biologisch mit dir verwandt sind, am besten geht, ist das großartig. Wenn nicht, ist das aber auch voll okay.

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