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  • Am Strand oder nicht am Strand – Montauk funktioniert.

    Fermentiert ist gesund für den Darm. Als Urlaubslektüre ist aber auch Frisch gut geeignet. Seine Erzählung „Montauk“ passt gut zum Dösen am Strand und Sinnieren über Liebe, Sein und Zeit.

    Im Studierendenleben hat der Spätsommer starken Bergfest-Charakter. Der September ist der Sweet Spot zwischen (hoffentlich) abgegebenen Hausarbeiten und den Gedanken an das Vorlesungsverzeichnis des Wintersemesters. Diese Stimmung fängt „Montauk“ hervorragend auf. Die Erzählung ist eine Kapsel voll wacher Zeitlosigkeit, erschaffen an einem Wochenende, das zwei Menschen zum Ende ihrer kurzweiligen Affäre miteinander verbringen. Das Zusammensein am Meer, langes Schweigen, Spaziergänge und Autoreisen animieren den Erzähler zur Reflexion verschiedener seiner  Lebensstationen, viele davon im Zusammenhang mit vergangenen Liebesbeziehungen zu Frauen. Besonders spannend und wertvoll ist darunter beispielsweise, wie der Erzähler sein persönliches Erleben der Hitler-Zeit in Europa als Ehemann einer jüdischen deutschen Frau wiedergibt. Auch Erfahrungen aus der Zeit des geteilten Deutschlandes finden sich hier. 

    Berichtet wird ausschließlich aus der Perspektive des männlichen Schweizer Schriftstellers. Auf einer Lesereise durch die Vereinigten Staaten lernt der Erzähler eine US-amerikanische  Verlagsangestellte kennen und trifft sie während seines dortigen Aufenthalts einige Male in New York. Da seine Rückreise nach Europa gewiss ist, sind sich beide der Begrenztheit der Möglichkeiten schon zu Beginn ihres Zusammentreffens bewusst, doch sie nutzen die gemeinsame Zeit dennoch–  vielleicht nicht, um sich zu lieben oder gut kennenzulernen, doch um sich mit Neugierde wahrzunehmen und Zuneigung füreinander zu entwickeln. 

    Caro; Buch

    Das Buch ist außerdem noch handlich. Foto: privat

    Aus der Erzählweise ergibt sich eine beeindruckende Nähe zwischen Erzähler und Publikum, nicht zuletzt, weil die Geschichte offen von Frisch als autobiographische betitelt wird. Die Beschreibung der Reise wird so oft von eingeschobenen Überlegungen und Anekdoten unterbrochen, dass es sich beinahe anfühlt, wie den sprunghaften Assoziationsketten der eigenen Gedanken zu folgen. Nur, weil es eben doch nicht die eigenen sind, kommen vor allem zu Beginn die Sprünge so groß und die Chronologie so zerrissen vor, dass sich beim Lesen durchaus stellenweise ein sommerliches Sonnenstich-Feeling einstellen kann. 

    Die Sprache ist so nüchtern, dass sie angenehm viel Platz fürs Mitfühlen im eigenen Stil lässt. Man spürt auch, hier schreibt ein sechzigjähriger Mann, der keine große Angst vor Fremdurteilen hat und sich Aufrichtigkeit leisten kann, weil er den nötigen Abstand gewonnen hat. Es geht um elementare Themen, die oft direkt benannt werden: Geld, Familie, Ehebruch und Eifersucht, Alter und Klassenunterschiede. Ereignisse, die nun beinahe hundert Jahre zurückliegen, werden zu Brücken, und es fällt leicht, beim Lesen die Bezüge zum eigenen Leben herzustellen und sich ausgehend davon genauso frei den eigenen Denkschleifen hinzugeben. 

    Max Frisch als meistgelesener Schweizer Autor und Erzeuger einer Menge Schulstoffes braucht keine Werbung mehr. Dennoch packe ich meinen Koffer und nehme mit: Leben und Gedanken dieses alternden Mannes. 

     

    Grafik: Sara Wolkers

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