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  • Ein Schwarzbuch gegen Vonovia

    Leipziger Studierende tragen die Erfahrungsberichte von Mieter*innen zur Wohnsituation bei Europas größtem Wohnungskonzern zusammen.

    Es ist ein stürmischer Tag, an dem ein paar Dutzend Menschen ihrem Frust vor dem Neuen Rathaus Luft machen. Einmal im Monat tagt hier der Leipziger Stadtrat, so auch am Mittwoch, den 5. Juli. Zu diesem Anlass versammeln sich auch Leute vom Naturschutzbund, dem Verein Ökolöwe und den Mietergemeinschaften Anger-Crottendorf und Schönefelder Höfe. Die ersten beiden Gruppen sind gegen die Bebauung und Versiegelung von Leipzigs Grünflächen, die letzteren protestieren gegen scheinbar rücksichtslos profitorientierte Praktiken des Wohnungsunternehmens Vonovia, unter denen bundesweit Mieter*innen leiden sollen. Doch was wird hier genau beklagt und wozu? 

    Unter dem Titel „Schwarzbuch – Wohnen bei Vonovia“ veröffentlichten die Mietergemeinschaften gesammelte Erfahrungsberichte von Mieter*innen unter Vonovia mit Einleitung und Fazit kommentiert; auch online hier zu lesen. Darin geht es unter anderem um überhöhte Betriebskosten und undurchsichtige Nebenkostenabrechnungen, Legionellen- und Schimmelbefall, der nicht oder zu langsam behoben wurde, und die schwierige, unpersönliche Kommunikation mit dem Wohnungskonzern. Diese Vorwürfe werden von drei Mieterinnen vor Ort bekräftigt. Sie wollen anonym bleiben, denn Vonovia habe wohl schon in anderen Fällen mit Rauswurf und/oder Inkassounternehmen gedroht. Das sind Dienstleister, die Schulden bei ihren Auftraggebern durch den Verkauf von Wertgegenständen der Verschuldeten erzwingen.  

    Die Mieterinnen fühlen sich von Vonovia finanziell betrogen und in Fällen der Instandhaltung oder dem Befall durch Schädlinge vernachlässigt. Zudem sind sie unzufrieden mit der Kommunikation. Zwei von ihnen wohnten schon lange vor der Übernahme durch Vonovia 2017 in ihren Einheiten und berichten, dass es vorher besser gewesen sein soll. Eine Mieterin erklärt, dass Bewohner*innen wohl durch immer höhere Mieten vertrieben würden. So freigewordene Mieteinheiten würden dann durch die Stadt finanziert als Sozialwohnungen zum Beispiel an obdachlose Menschen übergeben. Denn mit Vonovia kooperiert die Stadt in einigen Bereichen der Wohnpolitik. Ein bekanntes Beispiel dürfte der Neubau von Wohnungen auf der Brache am Bayerischen Bahnhof sein. Hier wurde zuletzt die vereinbarte Anzahl an Sozialwohnungen reduziert, wobei dies auch im Rahmen eines generellen Baustopps geschieht oder der schwierigen Fördersituation in Sachsen geschuldet sein könnte. 

    Die Aktion der Mietergemeinschaften soll genau hier ansetzen. Sie finden, Leipzig setze mit Vonovia auf den falschen Kooperationspartner, erklärt David Herling, Pressekontakt während der Aktion am Rathaus. Anders als andere, kleinere Vermieter, die in der Regel Profitsteigerungen aus Mieterhöhungen und Neuvermietungen schlagen, werden Vonovias Immobilien am Finanzmarkt gehandelt. Zudem besteht der Verdacht, dass auch aus den Betriebskostenzahlungen Gewinne durch regelmäßig auftauchende fehlerhafte Abrechnungen erwirtschaftet werden. Dies ist mit einer sozialen Wohnpolitik nicht vereinbar. Das Ziel der Aktion sei es deshalb, im Stadtrat und in der Öffentlichkeit Aufmerksamkeit zu schaffen. Die Gemeinschaften bestehen aus zahlreichen betroffenen Mieter*innen und Aktivist*innen, unter anderem Studierende, die 2019 begannen, Mieter*innen zusammenzubringen und ihre Angelegenheiten in die Öffentlichkeit zu tragen. So entstehe eine Plattform zur Vernetzung und Planung, um Druck auf Politik und Vonovia selbst aufzubauen. Denn von Vonovia fordern sie auch direkt bezahlbarere Wohnungen, korrekte und nachvollziehbare Betriebskostenabrechnungen und bessere Kontaktmöglichkeiten für die Mieter*innen. Zusätzlich bieten die Mietergemeinschaften zweimal pro Monat solidarische Beratungen für die Mieter*innen an. 

    Doch wie äußert sich Vonovia zu den Vorwürfen, die in den Berichten aus dem Schwarzbuch vorgebracht werden? Hierzu sagt Matthias Wulff, Pressesprecher bei Vonovia: „Wenn die Vorwürfe so pauschal sind, können wir nicht reagieren. Wir können auf konkrete Fällen reagieren, wo es Probleme gibt, die wir lösen können.“ Im Kontakt und der Problembehandlung kommen natürlich Fehler vor, gesteht er ein. „Aber wenn wir von Fehlern erfahren, dann korrigieren wir sie auch“, so Wulff. Mieter*innen hätten dafür drei Optionen zur Kontaktaufnahme: per App, direkt an die Objektbetreuung, deren Nummern in jedem Haus aushängen, oder über eine zentrale Hotline. Natürlich sei Vonovia ein gewinnorientiertes Unternehmen: Mietpreise werden auf den Mietspiegel angepasst, und die Objektbetreuung müsse möglichst effizient ablaufen. Wenn Mieter*innen finanzielle Schwierigkeiten haben, suche Vonovia aber nach individuellen Lösungen. Schließlich möchte Vonovia Mieter*innen bei sich behalten. In diesem Sinne sehe man Mietergemeinschaften generell auch positiv, denn Mietrecht und individuelle Kommunikation von Bedürfnissen seien kompliziert und zeitaufwendig, bekräftigt Matthias Wulff. Mit der Gruppe Schönefelder Höfe habe man auch den Kontakt gesucht, die Gruppe wünsche aber keinen Austausch. 

    Franz, Pressekontakt der Mietergemeinschaften, sagt dazu, dass Vonovia 2019 tatsächlich auf einzelne Mieter*innen zugegangen ist. Diese haben sich aber mit weiteren Mieter*innen organisiert und ein öffentliches Event daraus gemacht, zu dem ein*e Vertreter*in von Vonovia gekommen sei. Das sei „eher konfrontativ“ gewesen, da bei einem Stadtteilspaziergang die Forderungen an Vonovia direkt gestellt wurden. Zumindest ein in Teilzeit besetztes Büro in der Gorkistraße war das Ergebnis, was bis zur Corona-Pandemie die Kontaktmöglichkeiten für Mieter*innen verbesserte. Seitdem sei das Büro jedoch nicht mehr besetzt. Generell bestehe durchaus Interesse an einem Austausch mit Vonovia. Angesichts der individuellen Erfahrungen von Mieter*innen und dem Ergebnis des Stadtteilspaziergangs, fühle man jedoch die Notwendigkeit sich erst nach innen zu organisieren. Ohne den Druck durch zum Beispiel öffentlichkeitswirksame Aktionen, erscheine die Kommunikation mit Vonovia nur vergeblich. 

    Wie es bei den Mietergemeinschaften weitergeht, ist unter anderem online nachzulesen. „Konkret steht noch das Nachbarschaftsfest am 6. August an“, sagt Franz. „Außerdem würden wir gerne den Geschichten der Mieter*innen bei einer öffentlichen Lesung mehr Raum bieten.“ Ein Datum gebe es dafür aber noch nicht. 

    Zurück vor dem Rathaus berichten Nele und Jan, zwei Aktive der Mietergemeinschaften, von den Reaktionen der Stadträte. Wie Franz, möchten sie nur mit Vornamen zitiert werden. Sie hatten ihnen vor der Stadtratssitzung direkt Schwarzbücher in die Hand gedrückt. Dabei seien die Reaktionen „ziemlich erwartbar parteispezifisch“ gewesen. „Also mehr oder weniger Interesse seitens der Linken, SPD und Grünen, sonst eher schnelles Vorbeigehen“, erläutern sie. Zumindest gelte nun die Ausrede nicht mehr, die Probleme mit Vonovia seien unbekannt. Letztes Jahr wäre eine Anfrage im Stadtrat mit dieser Begründung ergebnislos geblieben, erklären sie. 

     

    Foto: Conn Heijungs

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