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    Drei Mädchen mit Hijab tanzen und singen in eine Handykamera. Damit beginnt der Film „Sonne“ und thematisiert Fragen der Religion, Pubertät und Freundschaft und danach, wer man eigentlich sein will.

    Im Rahmen der Kurdischen Filmtage wurde der Film „Sonne“ der Regisseurin Kurdwin Ayub gezeigt. Die Organisator*innen der Veranstaltung stellten sich zu Beginn des Films kurz vor und gaben eine kleine thematische Einführung in die aktuelle politische Situation der Kurd*innen weltweit. Durch ihr Video zu dem Song „Losing my Religion“ der US-amerikanischen Rockband R.E.M erlangen die drei Freundinnen Yesmin, Nati und Bella unerwartet Bekanntheit. Yesmin, gespielt von Melina Benli, kommt aus einer kurdisch-irakischen Familie und ist von den dreien die Einzige, die auch im Alltag ein Kopftuch trägt. Ihre Mutter kritisiert das Video, ihr Vater, gespielt vom Vater der echten Regisseurin, ist hingegen begeistert. Unterstützt von ihm treten die drei auf kurdischen Hochzeiten auf und werden zu Talkshows eingeladen. Nach und nach entstehen hierbei allerdings Konflikte, die sich auf politischer, freundschaftlicher und persönlicher Ebene abspielen und sich mit der Zeit immer weiter zuspitzen.  

    Die drei Freundinnen singen auf einer kurdischen Hochzeit.

    So thematisiert der Film auf sehr kluge und subtile Art und Weise die Frage der kulturellen Aneignung und des „westlichen“ Feminismus in Bezug auf Muslim*innen. Nati (Maya Wopienka), die einzige der drei Freundinnen, die selbst keine Migrationsgeschichte hat, präsentiert sich als Vorbild für Mädchen mit Kopftuch und möchte ihnen „Stärke geben“, wie sie es in einer Talkshow, zu der die drei eingeladen werden, ausdrückt. Als die drei auf einer Hochzeit zwei kurdische Männer kennenlernen, eskaliert der Streit. Sie halten Yesmin vor, sie solle als Muslima ihre Religion respektieren und sich nicht über ihren Glauben lustig machen, indem sie singe und tanze. Nach dem Streit kommt es zur Diskussion zwischen den Freundinnen. Nati und Bella (Law Wallner) stellen sich auf die Seite der Männer, Yesmin fühlt sich im Vergleich zu ihren zwei nicht-muslimischen Freundinnen bevormundet und ungleich behandelt.  

    Doch der Film behandelt noch andere Themen, ohne dabei ernst und schwer zu wirken. Es geht um Pubertät, Freundschaft und Soziale Medien. Die Kameraführung ist schnell, häufig wird im Hochformat gefilmt und das Bild ist unscharf. Es wirkt, als würde man der Geschichte auf Instagram oder Snapchat folgen. Es werden Unterhaltungen über Chatverläufe gezeigt und Videos eingeblendet, in denen die Darsteller*innen mit Hundefilter oder vergrößerten Augen zu sehen sind. Viele der Videos versetzen einen zurück in die eigene Schulzeit mit ihren Problemen. Der Film provoziert und fordert einen heraus, alte Denkmuster und Vorurteile abzulegen und zu hinterfragen.  

    Das Cineding war auch dieses Jahr wieder Veranstaltungsort der Kurdischen Filmtage. Foto: Paulina Maerz

    Die Vorführung des Films fand im Rahmen der Kurdischen Filmtage statt, die dieses Jahr zum siebten Mal in Leipzig stattfanden. Zu sehen waren sowohl fiktionale als auch dokumentarische Filme, die sich auf unterschiedliche Weise mit der kurdischen Situation auseinandersetzen. Gezeigt wurden die Filme wieder im Cineding auf der Karl-Heine-Straße. Seit 2015 finden in Leipzig die Kurdischen Filmtage statt, organisiert von einer Gruppe Studierenden und ehrenamtlichen Mitarbeitenden der Organisation DOZ. „Wir möchten mit den Kurdischen Filmtagen die vielfältigen kulturellen und sozialen Strömungen sichtbar machen, die es in den Regionen Kurdistans, im Irak, im Iran, in der Türkei und in Syrien gibt. Außerdem ist es uns wichtig, kulturelle Identitäten auch als etwas Veränderbares zu begreifen und die Lebensrealitäten der kurdischen Diaspora in Deutschland zu zeigen“, erklärt Marina Díaz Molina, eine der Mitorganisatorinnen des Filmtage und Verantwortliche für Öffentlichkeitsarbeit. Versucht werde außerdem, sowohl Filme von bereits bekannten Regisseur*innen zu zeigen als auch neuen Kulturschaffenden eine Bühne zu geben und so ein diverses Programm zu schaffen. Es sollen Vorurteile und Stereotype aufgebrochen werden. Und der Film „Sonne“ leistet hierbei definitiv einen wertvollen Beitrag.

     

    Fotos: Neue Visionen

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