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  • Warten auf ein Wunder

    Der gemeinsame Urlaub hat Autorin Isabella den Wert ihrer Familie vor Augen geführt. Deshalb empfiehlt sie „Libellenschwestern“ von Lisa Wingate, einen Roman über die Liebe zwischen Geschwistern.

    Geradezu paradiesisch wirkt das Leben der Familie Foss auf der Arcadia, einem Hausboot auf dem Mississippi im Jahr 1939. Sie hat zwar nicht viel Geld, aber sie ist glücklich zusammen – auch die zwölfjährige Rill, die älteste der fünf Kinder. Der Fluss ist ihr Zuhause, die Arcadia ein Ort voller Wärme und Liebe. „Prinzessin Rill vom Königreich Arcadia“ nennt ihr Vater Briny seine älteste Tochter liebevoll. Rill und ihre vier Geschwister, die zehnjährige Camellia, die sechsjährige Lark, die vierjährige Fern und der zweijährige Gabion, verbringen ihre ganze Zeit draußen in der Natur, sie fühlen sich frei und unbesiegbar. Das Leben auf dem Fluss ist nicht immer leicht, aber die Kinder wissen: Bei ihren Eltern Briny und Queenie sind sie sicher. 

    Rill, die ihre Eltern bei den Vornamen nennt, weil sie bei ihrer Geburt so jung waren, dass sie sich immer mehr wie Freunde angefühlt haben als wie Eltern, nimmt ihre Rolle als die Älteste, als „Prinzessin vom Königreich Arcadia“, sehr ernst. Sie ist die Große, diejenige, die die Verantwortung hat, wenn die Eltern nicht da sind. Sie ist stolz auf ihr Leben, stolz und glücklich – bis alles zerbricht. 

    Beim Lesen vergisst luhze-Autorin Isabella alles um sich herum. Foto:privat.

    Als bei Rills Mutter Queenie, die mit Zwillingen schwanger ist, die Wehen einsetzen, wird schnell deutlich, dass diese Geburt nicht so unkompliziert ablaufen wird wie die vorherigen. Briny fährt mit seiner Frau ins Krankenhaus. Die Kinder bleiben auf dem Boot zurück. Als Älteste wird Rill von ihrem Vater aufgetragen, auf ihre kleinen Geschwister aufzupassen. Das Wichtigste: Sie sollen alle zusammenbleiben. Eine Nacht lang harren die fünf Foss-Kinder auf der Arcadia aus, ohne zu wissen, wie es ihrer Mutter und ihren ungeborenen Geschwistern geht. 

    Am nächsten Morgen erfahren sie über Zede, einen Freund der Familie, der Briny und Queenie ins Krankenhaus begleitet hat, dass die Zwillinge die Geburt nicht überlebt haben. Mit dem Versprechen, dass Briny und Queenie bald zurückkommen werden, werden die Kinder wieder allein gelassen – allerdings nicht für lange. Kurze Zeit nach Zedes Verschwinden kommen mehrere Männer, Polizisten, die den Kindern sagen, sie würden sie ins Krankenhaus zu ihren Eltern bringen. Rill ist misstrauisch, weiß aber, dass sie mit ihren kleinen Geschwistern keine Chance gegen die erwachsenen Männer hat. Dieses Gefühl der Machtlosigkeit wird sie länger begleiten, als sie zu diesem Zeitpunkt ahnen kann. Tatsächlich bringen die Beamten die Kinder nicht ins Krankenhaus, sondern in ein Waisenhaus in Memphis. Und dort treffen sie auf die Person, die durch ihre Verbrechen die Leben tausender Menschen zerstört hat: Georgia Tann. 

    Georgia Tann war eine Sozialarbeiterin. Gepriesen als die „Mutter der modernen Adoption“ führte sie zwischen 1920 und 1950 die Tennessee Children’s Home Society, eine Adoptionsagentur in Memphis, und reformierte dabei das Adoptionssystem. Waisenkinder galten damals als „Abschaum“, als verloren für die Welt. Georgia Tann änderte das. Durch ihre Arbeit wurden Adoptionen von Waisenkindern normalisiert. Zahlreiche Kinder erhielten dank ihrer Tätigkeit eine Familie und ein Zuhause. Zahlreichen Erwachsenen, die keine leiblichen Kinder bekommen konnten, wurde von Georgia Tann der Wunsch, Eltern zu werden, endlich erfüllt. Doch so paradiesisch, wie die Geschichte klingt, war sie nicht. 

    Kurz vor Schließung der Tennessee Children’s Home Society kamen mehrere unglaubliche Fakten ans Licht: Dass Georgia Tann für die Adoption der Kinder horrende Summen von den Adoptiveltern verlangt und diese teilweise erpresst hatte, ist wohl noch ihr geringstes Verbrechen. In den Heimen, in denen die Kinder leben mussten, herrschten grausame Zustände: wenig Essen, brutale Bestrafungen, körperliche Misshandlungen, sexueller Missbrauch. Nicht alle Kinder überlebten. Hinzu kommt, dass viele der Kinder nicht wirklich von den Eltern zur Adoption freigegeben worden waren. Georgia Tann erzählte Eltern in Krankenhäusern fälschlicherweise, ihr Kind sei bei der Geburt gestorben, um es in ein Kinderheim bringen und an ein reiches Ehepaar verkaufen zu können. Sie entführte Kinder aus armen Familien von der Straße, vom Schulweg – und von Hausbooten.  

    Zu diesen Kindern gehören Rill und ihre Geschwister. Wir begleiten sie durch ihr Leben im Heim, beobachten, wie sie sich besonders am Anfang verzweifelt an die Hoffnung klammert, dass die Beamten, die sie mitgenommen haben, sie wie versprochen zu ihren Eltern bringen. Irgendwann versteht sie, dass das nicht passieren wird, und hofft stattdessen darauf, dass Briny und Queenie sie holen kommen. Die Kinder bekommen neue Namen, aus Rill Foss wird May Weathers. Im Herzen bleibt sie Rill, die Prinzessin von Arcadia. Und diese Prinzessin Rill hofft immer noch darauf, dass ihre Eltern sie finden. 

    Rill ist nicht die Heldin, die ich mir beim Lesen wünsche: Sie wehrt sich kaum gegen die Misshandlungen im Heim, sie ordnet sich unter, sie gehorcht und schweigt. Sie ist die Älteste, sie sollte auf ihre Geschwister aufpassen und vor allem dafür sorgen, dass sie zusammenbleiben. Beim Lesen schreit eine verzweifelte Stimme in mir: „Verschwinde doch, wehre dich, erzähle jemandem, was euch angetan wird!“ Gelegenheiten gibt es: bei Besuchen von interessierten Kund*innen, die an das Märchen von Georgia Tann als Retterin der Waisenkinder glauben, oder als Mitarbeiterinnen einer Bibliothek Bücher für die Kinder vorbeibringen. Rill könnte um Hilfe bitten – doch sie tut es nicht. Auch sie ist verzweifelt, doch im Gegensatz zu der Stimme in meinem Kopf verfügt sie noch über ein bisschen Vernunft. Sie weiß genau, dass es nichts bringen wird, um Hilfe zu bitten. Georgia Tann wird gefeiert wie eine Heilige – wer würde Rill glauben? Jeder Befreiungsversuch kann nur schiefgehen und in einer schweren Bestrafung enden. Sie ist machtlos. Selbst noch ein Kind, verzweifelt, verängstigt und allein, viel zu jung, um so eine Verantwortung zu haben. Also träumen wir gemeinsam davon, dass Briny auftaucht und die Kinder rettet. 

    Fast 80 Jahre später lernen wir die Anwältin Avery Stafford kennen. Ihre Familie ist steinreich, ihr Vater ein berühmter Politiker. Sie hat früh gelernt, sich in dieser glamourösen Welt zurechtzufinden, umgeben von Presseterminen, politischen Gegner*innen und dem Schein eines perfekten Lebens, der der Familie zuliebe auf jeden Fall gewahrt werden muss. Bloß keine Skandale, denn das könnte dem Image der Familie schaden. Bei einem Besuch in einem Senior*innenheim trifft sie auf eine alte Frau, die nach ihrer Hand greift und sie zu erkennen scheint. Bald stellt Avery fest, dass die Frau vor allem in ihrer Jugend ihrer eigenen Großmutter Judy extrem ähnlich sah. Der Name der Frau: May. Avery beginnt, zu recherchieren – und stößt schließlich auf die Geschichte von Georgia Tann. Sie findet heraus, dass Mays Schicksal, das ihrer dementen Großmutter Judy und ihr eigenes eng miteinander verbunden sind. 

    Die Foss-Kinder selbst sind fiktive Personen, doch ihre Geschichte basiert auf den echten Schicksalen der etwa 5.000 Kinder, die Georgia Tann ihren Familien entrissen hat. Georgia Tann wurde für ihre Verbrechen übrigens nie zur Rechenschaft gezogen. Drei Tage, bevor der Staat Anklage gegen die Tennessee Children’s Home Society erhob, starb sie an Krebs.  

     

    Grafik: Sara Wolkers

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