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    Alte Ölmalerei als neues Mittel filmischer Narration: Nach 10-jähriger Arbeit ist der Film „La Traversée“ fertiggemalt. Und berichtet eindrucksvoll von der Flucht eines jungen Geschwisterpaars.

    Animationsfilme sind eigentlich nicht so mein Ding. Da denkt man ja hauptsächlich an zwei Arten: schlechten Disney-Kitsch à la „Rapunzel – Neu verföhnt“ oder japanische Animes wie „Prinzessin Mononoke“, der mein 12-jähriges Ich durch seine dramatische Brutalität zutiefst traumatisierte. Doch nachdem ich im Zuge der Französischen Filmfestspiele „La Traversée“ gesehen habe, sind meine Vorurteile gegenüber dem Genre nun endgültig aufgehoben. Dabei standen beim Kinobesuch in Originalsprache neben meinen dürftigen Fremdsprachenkenntnissen vor allem Stil und Form des Filmes auf dem Prüfstand: Denn „La Traversée“ ist kein üblicher Animationsfilm, sondern in aufwendigen Ölgemälden auf Glasuntergrund gestaltet!

    Diese Technik war mir zumindest schon ein bisschen bekannt: Als ich vor 2 Jahren mit guten Freunden einen noch viel besseren Film im kommunalen Kino meines kleinen Heimatstädtchens sehen durfte, eröffnete sich mir ein ganz neuer Horizont um das Genre Animationsfilm. „Loving Vincent“ aus dem Jahre 2017 nutzt den Stil und die Gemälde Vincent Van Goghs, um auf dessen Vorlage in über 65.000 Frames das Lebensende des weltberühmten Künstlers zu illustrieren. Und so erweckte dieser erste vollständig in Ölgemälden animierte Film nicht nur Kunst mit bestechender Intensität zum Leben, sondern entfaltete gleichfalls einen ungewohnt starken Eindruck. Würde sich diese Faszination wiederholen? Sind klassische Ölgemälde auch bei „La Traversée“ solch ein starkes Mittel, um den Betrachtenden zu beeindrucken, zu beängstigen, zu berühren, kurz: einen Affekt in ihm auszulösen?

    Eine Gruppe obdachloser Kinder findet sich in schwarzen Mänteln zu einer Banditengruppe zusammen. Links von ihnen sitzt ihr bunt gekleideter Anführer, für den sie sich raubend und raufend durchschlagen

    Auch von dem Leben auf der Straße bleiben die Beiden nicht verschont. Und treffen auf Banditengruppen anderer Straßenkinder.

    Die turbulente und tragische Haupthandlung des Films wird durch eine friedliche Rahmenhandlung umrissen. Durch ihr Skizzenbuch blickt eine gealterte Frau wie durch ein Fotoalbum auf die eigene, grausame Flucht als junges Mädchen zurück und erzählt von ihrer tragischen Vergangenheit. Denn als beständiger Begleiter nimmt das Skizzenbuch schon bei ihrer Vertreibung eine elementare Rolle ein: Es dient Kyona, so der Name der Protagonistin, dem Dokumentieren der von ihr erlebten Menschen, Städte und Landschaften. Und bedeutet ihr somit alles.

    Jede Erfahrung ist dabei eine Grausamkeit, nur wenige Momente des Glücks scheinen durch das große Leid des kleinen Mädchens. Nach dem gewaltsamen Überfall auf ihr Heimatdorf wird sie mit ihrem Bruder Adriel auf einer Zugfahrt von ihren Eltern getrennt. Daraufhin landen beide als Straßenkinder in einer Großstadt, um später im Menschenhandel über eine Grenze geschmuggelt und verkauft zu werden. Die brutale Odyssee umfasst noch etliche weitere Stationen, von Ort zu Ort werden die Geschwister weitergetrieben. Ob sie es heil bis zum Treffpunkt schaffen werden, den sie mit ihren Eltern vereinbart haben? Und ob sie dort ihre Eltern überhaupt wiedersehen?

    Der Film ist von einer unglaublichen Schlagkraft und Eindrücklichkeit. Die auf Glas ausgeführten Ölgemälde gehen metamorphisch und symbolisch ineinander über. Sie schaffen so eine dunkle und vielschichtige Bildwelt, die ihresgleichen sucht. Ohne klassischen Fotorealismus inklusive ausgestalteter Gewalttaten und handgreiflicher Brutalitäten vermag es der Film, das tiefe Grauen einer Vertreibung und Flucht zu vermitteln. Die ästhetische Erfahrung steht ganz für sich, die Bilder artikulieren sich selbst. Womit die Sprache in den Hintergrund rückt, und nur noch zu beigefügtem Kommentar verknappt wird.

    Am Esstisch mit dem schaurigen Ehepaar, das die Geschwister zwar aufgenommen, aber auch in illegale Adoption gezwungen hat. Die Ehefrau mit totenkopfartigem Gesicht, der Ehemann in böswilliger Schweinsstatur. Das unterdrückte Dienstmädchen bringt Fisch zum Abendessen.

    Von einem schaurigen Ehepaar in illegale Adoption gezwungen, finden sie auch in Obdach nicht ihr Glück.

    Aber wirklich dar- und vorstellbar erscheint eine solche Unmenschlichkeit selbst, vielleicht sogar besonders, nach diesem Film nicht. Sodass er seine vordergründige Funktion, ein Einzelschicksal zu erzählen, übersteigt: Der Film abstrahiert von diesem exakten Beispiel die generelle Gewalttätigkeit aller Vertreibungen. Und sensibilisiert den Zuschauenden dadurch (wieder einmal): Wie leicht es oft ist zu vergessen, was für beklemmende und brutale Schicksale hinter Begriffen wie Flucht stecken. Wobei der Film es auch vermeidet, sich direkt und wörtlich darunter einzuordnen: Titel und Beschreibung bleiben zurückhaltend. Wörtlich übersetzt bedeutet „Traversée“ eine Überquerung, auf Englisch „The Crossing“. Beides sehr neutrale Begriffe für die erdrückende Handlung. Wobei „Die Odyssee“, der deutsche Titel, die Flucht noch viel drastischer entwertet, ja beinahe sogar umwertet. Wir verbinden „Odyssee“ meist mit Heldenruhm und Heldentaten. Doch der Handlung etwas Heroisches abzugewinnen, scheint zynisch und unpassend.

    Die nicht enden wollende Geschichte von Verlusten hinterlässt mich aufgewühlt und nachdenklich. Wobei die Darstellungsweise daran einen erheblichen Anteil hat. Je kindlicher die Perspektive, umso erdrückender wirkt die Erzählung. Ich bin wieder einmal beeindruckt von einer solchen Art Animationsfilm und kann nur zum Kinobesuch oder Filmabend anregen. Auch um einen ganz neuen, ästhetisch-emotionalen Zugang zu einem solch unvorstellbaren Thema zu bekommen. Wer mag, sogar in der Originalsprache Französisch, die entscheidende Rolle nimmt sowieso die Universalsprache „Bild“ ein!

    Bilder: Florence Miailhe © Grandfilm lores

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