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    Sönke Wortmanns neuer Film „Contra“ will Rassismus an deutschen Universitäten verhandeln, ist dabei gleichermaßen berührend und witzig – und doch an einem Punkt nicht zu Ende gedacht.

    Naima Hamid (Nilam Farooq) ist jemand, der täglich zwischen Welten wechselt, und das meist im Laufschritt. Von der Enge der Plattenbausiedlung, in der die migrantisierten jungen Menschen Nachmittage lang Werwolf spielen und „Kartoffelpartys“ feiern, wenn sie endlich einen deutschen Pass bekommen, in die zumindest architektonisch weit offenen Räume der Goethe-Universität Frankfurt am Main, wo Naima im ersten Semester Jura studiert. Und von ihrem Dozenten – dem Prototyp eines alten weißen Mannes Prof. Dr. Richard Pohl (Christoph Maria Herbst) – vor dem randvollen Hörsaal rassistisch beleidigt wird, als sie völlig unverschuldet wenige Minuten zu spät kommt. „In meinem Kulturkreis bedeutet Pünktlichkeit noch etwas“, und so weiter.

    Die migrantischen Jugendlichen sitzen auf einem Spielplatz und spielen Werwolf. Naima zeigt die Werwolfkarte, die anderen schauen überrascht und verärgert. Im Hintergrund sind hohe Plattenbauten zu sehen.

    Beim Werwolf-Spiel schafft Naima es, die anderen von sich zu überzeugen…

    Es kann wohl nicht das erste Mal gewesen sein, das Professor Pohl mit solchen Bemerkungen seine Studierenden gegen sich aufbringt, und dieses Mal haben sie ihn auch noch dabei gefilmt. Daraufhin lädt der Disziplinarausschuss Pohl zu einer Anhörung vor. Doch Universitätspräsident Alexander Lambrecht – genau, noch ein alter weißer Mann – hat eine brillante Idee, um seinem alten Freund aus der Klemme zu helfen: Pohl soll „die kleine Araberin“ zu einem prestigeträchtigen Debattierwettbewerb coachen, um dem Image des verstockten Rassisten etwas entgegenzusetzen.

    Dass er nach anfänglicher Abwehr zähneknirschend zustimmt, ist genauso wenig überraschend wie die Tatsache, dass Naima dann doch – wieder fünf Minuten zu spät – zu dem von Pohl angeordneten ersten Termin erscheint. Trotzdem wird der Film, der sich in makelloser „Ziemlich beste Freunde“-Manier weiterentwickelt, nie langweilig. Naimas Wut und Nervosität sind jederzeit spürbar. Und wenn Pohl fragt, was bitte ein Bushido sei, oder später am Ayran schnüffelt wie an einem teuren Rotwein, ist das nicht nur ziemlich lustig, sondern zeigt mir auch, wie kulturelles Lernen wirklich funktioniert.

    Naima und Pohl stehen vor der Alten Oper in Frankfurt am Main. Er drückt ihr ein dünnes, gelbes Reclam-Heft in die Hand. Im Hintergrund stehen Passanten.

    …als sie auf dem Frankfurter Opernplatz Faust rezitieren soll, eher weniger. Reicht das fürs Finale?

    Die Symbolik des Films ist direkt und leicht zu entschlüsseln, aber wirkungsvoll. Der weiche Kern des einsamen Dozenten enthüllt sich nach und nach, in Bildern von Grabkerzen auf Autobahnbrücken und Restaurantbesuchen ohne Gegenüber. Das kratzt hart an der Grenze zum Kitsch, ist aber trotzdem ehrlich und kommt an.

    Die Runden des Debattierwettbewerbs lassen neben hübschen Werbeaufnahmen verschiedener deutscher Großstädte auch Platz für allerlei Seitendiskussionen. Da werden neben Rassismus und Islam mal eben auch Massentierhaltung, Soziale Netzwerke und das Wesen der Wahrheit selbst verhandelt. Man könnte dem Film das vorwerfen, dass er alles sein will, kein Thema und keine Frage auslassen kann. Ich finde es in Ordnung, weil er nicht behauptet, auf alles die letzte Antwort zu haben.

    Viel eher möchte ich ihm ankreiden, dass er vor einer Frage schlussendlich doch zurückzuschrecken scheint: der nach dem System. Ein System, das nicht hinterfragt, dass Aufgabenstellungen wie „Ist der Islam eine gewaltvolle Religion?“ überhaupt Eingang in einen bundesweiten Debattierwettbewerb finden. Ein System, in dem Pohl von Naima wie selbstverständlich verlangt, ihren Zorn herunterzuschlucken, als ihre Vorrednerin im Wettbewerb über die zugewanderten „Barbaren“ herzieht. In dem er aber für sich selbst ebenso selbstverständlich das Recht reklamiert, Stopp zu sagen, als sie seinen wunden Punkt trifft. Ein System, in dem Naima zwar am Ende doch den Job in der Kanzlei bekommt, der ihre Familie über Wasser hält, aber das auch nur, weil Pohl ein kleines Schwätzchen mit deren Inhaberin gehalten hat.

    So bleibt Pohl – auch wenn er sich im Laufe des Films glaubhaft verändert – die weiße Retterfigur, Naimas leuchtende Erfolgsgeschichte ein Einzelschicksal und ihre Familie, die am Anfang so wichtig war, am Ende unsichtbar. Ich als weiße, deutsche Kartoffel kann dem Film das verzeihen und die schöne Geschichte genießen.

    Fotos: Constantin Film

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