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  • „Ich habe den Mut zur Veränderung“

    Im Vorfeld der Bundestagswahl interviewen wir die Direktkandidierenden aller im Bundestag vertretenen Parteien. Nadja Sthamer tritt für die SPD im Leipziger Süden an.

    luhze-Redakteurin Anna Seikel hat mit Nadja Sthamer von der SPD über Klimapolitik, Forschungsaufwertung und die Große Koalition gesprochen.

    Frau Sthamer, Sie stellen sich online als “Sozialistin, Feministin, Kosmopolitin” vor. Was bedeutet das für Sie?

    Ich bin eine junge Frau, die weiß, was es bedeutet, in Männerrunden zu kommen und dort nicht gehört zu werden. Beispielsweise, als ich meine Kandidatur erklärt habe und erstmal gesagt wurde “Was ist dann mit den Kindern?”. Da habe ich keinen Bock drauf und ich finde es wichtig, diese Worte zu benutzen, “Feministin” auszusprechen. Bei der Gleichstellung aller Geschlechter gibt es zu viele Defizite und das liegt sicherlich auch daran, dass Politik größtenteils noch von Männern gemacht wird. Kosmopolitin heißt für mich, dass ich mich in Leipzig zu Hause, aber in der Welt sehr wohl fühle. Ich möchte, dass nichts losgelöst von dem, was in der Welt passiert, betrachtet wird, weil alles zusammenhängt und es mir wichtig ist, den Austausch zu haben. Sozialistin heißt, dass ich kein Fan des kapitalistischen Marktsystems bin. Ich finde, es beruht in großen Teilen auf Ausbeutung. Und das Gegenmodell ist demokratischer Sozialismus: eine gerechtere Verteilung von dem, was es gibt.

    Hängen die drei Begriffe für Sie zusammen?

    Sehr stark. Es ist ein progressives Weltbild, das ich aufzeigen möchte. Ich habe den Mut zur Veränderung und keine Angst davor, weil Veränderung sowieso passiert. Die Frage ist nur, ob wir sie aktiv gestalten. Dahinter steckt eine Verantwortung für Gemeinschaft und Solidarität.

    Auf Ihrer Website steht: “Setzen wir wieder auf das, was uns zusammenhält und nicht auf das, was uns spaltet”. Was hält uns zusammen?

    Respekt voreinander. Ich glaube, das ist manchmal verloren gegangen in Ellenbogen-Auseinandersetzungen, die vor allem auf die Menschen abgewälzt werden, die sowieso weniger haben. Was uns zusammenhält ist doch, dass wir eigentlich eine offene, demokratische Gesellschaft sind, die füreinander Verantwortung trägt. Zum Beispiel hat die Flutkatastrophe gezeigt: Eigentlich sind die Leute solidarisch untereinander. Das möchte ich wieder stärken.

    Was sind Ihre Kernthemen? Und was wollen Sie dort erreichen?

    Ich möchte eine Modernisierung der Familienpolitik, vor allem eine Änderung des Familienrechts. Wir haben einen veralteten Familienbegriff, der sich in den meisten Formen noch auf heteronormative Ehegemeinschaften bezieht. Da gehört eine Gleichstellung her.

    Das Zweite ist Entwicklungszusammenarbeit. Ich möchte, dass es eine Änderung des Gießkannenprinzips gibt, wo Gelder nach einem bestimmten Schlüssel gestreut werden, weil zu viel in korrupten Strukturen verloren geht. Und dass wir dort wegkommen von patriarchalen, kolonialistischen Strukturen. Es geht zielgerichteter, indem man zivilgesellschaftliche Akteure vor Ort stärkt. Das dritte Thema ist Mietenpolitik. Da gehört für mich dazu, dass wir das Recht auf Wohnen ins Grundgesetz schreiben, einen Mietenstopp und eine neue Bodenpolitik einführen, damit Grundstücke nicht mehr als Spekulationsobjekt freigehalten, sondern in kommunale Hand zurückgeführt werden.

    Welches Problem würden Sie am liebsten zuerst angehen?

    Eine Sache, die ich vom Herzen her sofort umsetzen würde, wäre, die Kindergrundsicherung einzuführen. Kinderarmut ist ein Problem in Deutschland, und arme Familien haben in der Regel auch arme Kinder. Eine Kindergrundsicherung soll das umkehren, Familienleistungen so einfach wie möglich zusammenfassen und eine Absicherung schaffen, damit kein Kind in Armut aufwachsen muss.

    Die SPD will dafür sorgen, dass bis 2040 Strom vollständig aus erneuerbaren Energien, vor allem Wind und Sonne, kommt. Bis spätestens 2045 soll Deutschland klimaneutral sein. Wie?

    Mir ist aus einer jungen Perspektive wichtig, dass das Ziel das Enddatum ist. Das heißt nicht, dass wir es nicht auch schneller schaffen sollten oder darauf warten, dass irgendein CO2-Budget aufgebraucht ist. Wir müssen viel im Turbogang aufholen. Angefangen bei der großen Ebene der politischen Steuerung, indem unsere Industrie klimaneutral umgebaut wird. Das schaffen wir dann, wenn es ambitionierte Vorgaben gibt. Außerdem stellen sich Fragen von Speichermöglichkeiten für Energie, die wissenschaftlich noch weiter vorangetrieben werden müssen. Auf einer individuellen Ebene wächst eine Generation heran, die sich sehr bewusst ist, was die Umwelt ihnen bedeutet. Diesen Schwung kann man nutzen. Ich möchte nicht, dass es auf das Individuum abgewälzt wird, sich klimaneutral zu verhalten. Aber ich möchte, dass es jeder einzelnen Person so einfach wie möglich gemacht wird, das zu tun. Indem ich den ÖPNV ausbaue, indem ich die Bahn attraktiv mache, indem ich Bioprodukte aus der Region unterstütze.

    Sie haben es den Turbogang genannt, den wir einschalten müssen. Ist 2045 nicht viel zu spät?

    Das Problem ist, dass es politisch ausgehandelte Kompromisse sind. Ich halte nicht viel davon, über 5 Jahre über das Datum hin und her zu debattieren, sondern finde, dass wir diesen Turbogang jetzt anfangen müssen. Mit dem Enddatum können wir uns wieder in Verhandlungen verhängen, oder wir fangen an, die politischen Entscheidungen zu treffen. Später sollte es aber nicht mehr sein, das ist klar.

    Wo sehen Sie die größten Hürden?

    In der Trägheit der Masse. Bisher hat die Industrie Fortschritt an vielen Stellen gebremst. Außerdem fehlt das Bewusstsein darüber, was ein Unterschied von 1,5 bis 2 Grad Erwärmung bedeutet. Das finde ich auch auf politischer Ebene erschreckend: Dass man glaubt, man hätte noch Zeit. Es ist eine scheinheilige Wohlstandsdebatte, zu sagen: “Wir müssen nochmal drüber nachdenken”. Bei uns ist es auch tragisch und schlimm, ich möchte das gar nicht verharmlosen, aber in den Entwicklungsländern zum Beispiel trifft es schon viel länger noch viel mehr Menschen. Da sehe ich nicht die Zeit, noch abzuwarten und zu verhandeln.

    Thematischer Cut: Hochschulen. Für Studierende soll laut SPD-Parteiprogramm Wohnraum bezahlbarer gemacht werden, explizit wird der Ausbau von Wohnheimen angekündigt. Gibt es Konkretes hierzu?

    Die Idee ist, Studiwohnheime auszubauen, sodass dort mehr Menschen zu gedeckelten Preisen wohnen können. Ich glaube nicht, dass es schon konkrete Pläne gibt. Aber mit Wohnungsmarktpolitik insgesamt würde Studierenden schon geholfen werden, unabhängig von Wohnheimen.

    Weiter wird erwähnt, dass die “forschungspolitische Bedeutung” von Universitäten gestärkt werden soll. Wie soll das passieren und was bedeutet das?

    Ich habe vorhin angesprochen, dass wir Forschung elementar brauchen, um dem Klimawandel technologisch besser zu begegnen. Es muss eine massive Aufwertung der Forschung geben, wie bessere Arbeitsbedingungen. Aber dass wir eben auch sagen, Forschung ist ein Innovationsmotor. Und damit können wir im ländlichen Raum oder zum Beispiel insgesamt in Ostdeutschland Standorte massiv stärken. Gerade, dass zum Beispiel nach dem Studium Studierende in Leipzig bleiben können und nicht gezwungen sind, an andere Forschungsstandorte zu gehen.

    Wo sind hier Hürden oder Probleme?

    Ich finde, der Berufseinstieg nach dem Studium ist oft ein Einstieg in prekäres Arbeiten. Da wieder herauszukommen ist schwierig. Wenn wir Forschung ernsthaft aufwerten wollen, müssen wir Arbeit gut bezahlen. Forschung muss Freiraum ermöglichen, damit man nicht in drei verschiedenen Verträgen hängt und im schlimmsten Fall über die Sommerpause ohne Anstellung oder mit einer 10-Stunden-Stelle ist. Da müssen wir die Wissenschaft massiv entlasten. Bisher ist das vor allem von Konservativen geprägt. Ich glaube, da könnte man sehr schnell viel tun, indem man jemand anderen ins Bildungsministerium bringt.

    Die SPD verzeichnet aktuell einen ziemlichen Abwärtstrend in den Stimmen. Zu Recht?

    Nein, natürlich nicht. Ich war kein Fan davon, dass man die Großen Koalition nochmal gemacht hat. Ich finde, die SPD bringt gute Dinge auf den Weg, egal ob das der Mindestlohn, die Ehe für Alle oder die Coronahilfen sind. Diese Dinge wurden in der Regel gegen massiven Widerstand der CDU durchgesetzt. Wenn man der Juniorpartner in so einer Großen Koalition ist, geht viel verloren. Außerdem trete ich explizit als junge progressive Kandidatin an, die klar linke Positionen bezieht. Damit mache ich mir auch innerhalb der Partei nicht überall Freund*innen, aber ich glaube, es tut uns gut, für etwas einzutreten. Es müssen Entscheidungen getroffen werden und man muss dahinterstehen. Da wünsche ich mir manchmal mehr Klarheit und mehr geschwellte Brust.

    Sie meinen selbst, Sie vertreten klar linke Positionen. Warum treten Sie für die SPD an und nicht für eine Partei, die noch linker auf dem Spektrum ist?

    Die SPD ist für mich die Partei, in der das Thema der Solidarität und Gemeinschaft am meisten vertreten wird. Ich finde, wir können sehr selbstbewusst damit umgehen, dass die Frage von Respekt und Anerkennung innerhalb der SPD den Kern beschreibt. Sicherlich habe ich mal an die Grünen gedacht, aber ich bin immer wieder auf diese solidarische Frage gekommen, und die ist für mich die Sache in der SPD.

    Schließlich: Warum sollte man Ihnen die Erststimme geben?

    Ich glaube, dass ich gute Punkte mitbringe. Ich habe Lust, Dinge anzupacken, und der Leipziger Süden ist ja gerade sehr umkämpft. Wenn wir den Süden und auch die Regierung progressiv halten wollen, brauchen wir eine starke SPD. Denn von Schwarz-Grün am Ende haben wir alle nichts. Da weiß ich nicht, ob wir in der Klimapolitik zum Beispiel vorankommen würden. Aber wichtiger ist mir, dass meine Themen unterstützenswert sind.

    Foto: Felix Ramberg

    luhze hat alle Direktkandidierenden zweimal kontaktiert. Paula Piechotta, Peter Jess und Siegbert Droese haben uns keine oder nur verspätet Termine vorgeschlagen, weshalb mit ihnen keine Gespräche stattfinden konnten.

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