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    Der zunehmende Druck auf ungeimpfte Menschen wächst. Kolumnist Dennis erfüllt es dabei mit Unverständnis, mit welchem Ton die Debatte geführt wird und auf diese Personengruppe losgegangen wird.

    Damit du nach dem Rezipieren der Überschrift nicht direkt schon die Augebraue hochziehst, hier der Disclaimer: Ich bin geimpft und halte die Impfung auch für eine dufte Sache, da so das Risiko eines schweren Verlaufs nachweislich gesenkt wird und dein Stoff nach Wahl von den besten Wissenschaftler*innen der Welt entwickelt wurde. Was ich dagegen nicht ganz so dufte finde, ist das was ich täglich auf Social Media, dem Rundfunk und auch im Gespräch mit anderen Personen erlebe – der kollektive Umgang mit den Leuten, die sich gegen eine Impfung entscheiden möchten und nun von der Moralavantgarde dafür hart verurteilt werden.

    Weil schau mal, nicht jede Person die sich nicht impfen lassen möchte ist ein*e auf Querdenkerdemos den eigenen Namen tanzende*r Esoterikenthusiast*in aus „Konschtanz“. Tatsächlich gibt es Menschen, die einfach skeptisch über mögliche Spätfolgen sind oder Angst vor starken Nebenwirkungen haben, wobei beides keine Fantasy ist. Weder leugnen diese Personen etwas, noch lehnen sie pauschal Impfungen ab. Es kann natürlich sein, dass es teils schwer fällt diese Skepsis nachzuvollziehen, schließlich lassen sich diese Bedenken doch mit wissenschaftlichen Fakten ganz einfach entkräften und es gibt ja auch genügend prominente Politiker*innen und Wissenschaftler*innen, die es den lieben Tag lang erklären. Aber  nicht jede*r hat den Bildungsgrad wie du und es hierzulande auch Menschen gibt, die in einer Diktatur sozialisiert wurden, jahrelang von der Regierung nachweislich belogen wurden und daher eine starke Skepsis gegen politische Apelle entwickelt haben. Es hat also leider einen etwas klassistischen Touch, wenn diese Menschen von privilegierten Akademikerkindern von oben herab verurteilt werden.

    Bleiben wir bei dem Thema Politik. Ist dir mal aufgefallen, dass jetzt die gleichen Pappnasen ihr Gesicht in jede Kamera halten und dich zu einer Impfung mit Freizeitentzug erpressen, welche die Pandemie seit anderthalb Jahren nicht im Griff haben, sich teils aus Angst vor bestimmten Wähler*innenschichten nicht mal zu einem richtigen Lockdown durchringen konnten, die aus Geiz nicht genügend Impfstoff bestellt haben oder sich untereinander hämisch beleidigt haben, während in ihren eigenen Bundesländern die Inzidenzen explodiert sind? Ne? Es sind by the way auch die gleichen Figuren, die Kinder zum Schulbesuch genötigt haben, damit Mutti und Vati die Plage nicht am Hals hat und in Ruhe die Wirtschaft am laufen hält und nichtmal einen verhältnismäßig geringen Betrag ausgeben wollten, um Luftreiniger in die Klassenzimmer zu bringen. Sind ja bloß Schüler*innen, die können sich ruhig durchseuchen, wählen unsere Gerontenpartei(en) ohnehin nicht.

    Portraitfoto von Kolumnist Dennis

    Kolumnist Dennis will mehr Graustufen.

    Aber das sind ja nicht die Einzigen. Die zweite genauso unangenehme Gruppe ist eben jene, die sich durch den inflationären Gebrauch des Solidaritätsnarrativs auszeichnet, und ihre Twitter-Usernamen mit zwei Spritzen ergänzen. „Wer sich nicht impft, ist ein unsolidarisches Arschloch“ ist die Baseline der Moralabsulotion. Okay klar, wer sich aus rein egoistischen Motiven nicht impft und auch sonst nichts zum Schutz der Mitmenschen tut, ist sicherlich nicht gerade solidarisch, keine Frage. Aber wie weiter oben schon geklärt ist das ja nicht die Regel.

    Stichwort Solidarität, erkennst du zumindest den doppelten Standard an diesem Vorwurf der Unsolidarität? Wenn wir uns mal abseits von Corona umsehen, interessiert uns Gesundheitssolidarität nämlich wie ein Sack Reis in China. Zu Hochzeiten der Influenza hatte die Selbige teils eine Inzidenz von 300. Trotzdem haben wir uns nicht dagegen impfen lassen und es war uns auch egal, dass wir möglicherweise in der Bahn einen Mitmenschen mit schwachen Immunsystem angesteckt haben, was für sie*ihn lebensbedrohlich hätte werden können. Genauso interessiert es einige auch nicht, wenn sie aufgrund der Kippen, die sie sich in jeder Pause reinknallen, sie eine Folgeerkrankung bekommen, die wir mit ihren Krankenkassenbeitrag mitbezahlen müssen. Wir könnten mit dem Geld sicherlich bessere Dinge anstellen.

    Trotzdem werden sie nicht damit aufhören, obwohl sie könnten, weil wir uns als Gesellschaft eben auch auf irrationales Verhalten als tolerabel geeinigt haben – wie eben in der Konsequenz auch die Entscheidung, sich nicht impfen zu lassen.

    Und es ist doch so, auch ein kurzer Piks ist ein Eingriff in die körperliche Unversehrtheit und an anderen Stellen sind wir uns doch auch einig, dass sich der Staat oder Dritte nicht über den Körper bestimmen sollen, etwa beim Thema Schwangerschaftsabbruch. Irgendwelche reaktionären Ottos argumentieren bei letzterem Thema übrigens genauso wie die hier Kritisierten beim Thema Impfen, ist dir vielleicht sogar schon malaufgefallen.

    Schlussendlich kannst du dir ja auch einfach die Frage stellen, ob es erstrebenswert ist, bei jedem Thema immer noch höhere und mit noch weniger Graustufen ausgestattete geistige Barrikaden hochzuziehen und ob du dich in diesem Gesellschaftszustand auch nachhaltig wohl fühlst. Mal abgesehen davon, dass so auch niemand zum Umdenken bewegt wird.

    Titelbild: Pixabay

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