• Menü
  • Kultur
  • Verlorenes Land

    Der Dokumentarfilm „Wem gehört mein Dorf“ zeigt Herausforderungen, denen sich eine demokratische Gesellschaft stellen muss – anhand einer lokalpolitischen Debatte über ein Feld auf der Insel Rügen.

    Mit 17 war mir unser viel zu großes Haus viel zu eng. Also suchte ich mir einen Ort, an dem ich mich frei fühlen konnte. Auf einem nahegelegenen Feld hatte ich meine Ruhe. Dort rauchte ich meine ersten Zigaretten und traf mich mit Freund*innen, um meine Jugend zu feiern. Wenn ich jetzt zurückkehre, um meine Eltern zu besuchen, dann ist von dem einst so freien Ausblick wenig übrig. Das Feld wich einem Neubaugebiet, das innerhalb weniger Jahre aus dem Boden schoss. Es soll auch noch in Zukunft wachsen. Das sieht man an der asphaltierten Straße mit funktionierenden Laternen, die bisher ins leere Grün führt.

    Ein ähnliches Schicksal soll einem Feld in Göhren widerfahren. Göhren, das ist eine Gemeinde auf der Ostseeinsel Rügen und der Heimatort des Filmemachers Christoph Eder. In seinem neuesten Dokumentarfilm begleitet er die Debatte um die Bebauung des besagten Feldes durch eine Wohnsiedlung. Das macht er nicht nur in der Rolle des Regisseurs, sondern auch als Stimme aus dem Off, die die Zuschauer*innen sachte durch die einzelnen Szenen führt. Dass der Film einen höchst persönlichen Bezug aufweist, wird ebenfalls durch die eingespielten VHC-Aufnahmen spürbar, die sowohl Bilder eines vergangenen Göhrens, als auch des jungen Eder selbst zeigen.

    Edwin, Klaus, Markus und Hans-Harald stehen nebeneinander, halten eine Karte in den Hän-den und blicken darauf. Sie sind die „Vier von der Stange“ und planen den Bau des Neubau-gebiets.

    Die „Vier von der Stange“ planen den Bau des Neubaugebiets.

    Christoph Eder wird dementsprechend selbst einen Standpunkt zum Feldausbau haben. Dennoch gelingt es ihm, die lokalpolitische Debatte dokumentarisch abzubilden. Indem verschiedene Protagonist*innen aus Göhren zu Wort kommen, entsteht ein Raum von unterschiedlichen Perspektiven und politischen Positionen. Mit den „Vieren von der Stange“ lernen wir zum Beispiel starke Verfechter des Bauvorhabens kennen. Markus, Klaus, Hans-Harald und Edwin sind alteingesessene Gemeinderatsmitglieder und Entscheidungsträger, die in den letzten 20 Jahren zu prägenden Figuren in Göhrens Lokalpolitik geworden sind. Ihnen gegenüber werden der Rentner Bernd und seine Tochter Nadine vorgestellt. Sie setzen sich für den Erhalt der Landschaft in und um Göhren ein, die von dem Filmteam immer wieder eindrücklich eingefangen wird – inklusive Möwengeschrei, Seeluft und unberührte Inselflora. Mithilfe einer Petition der Bürgerinitiative „Lebenswertes Göhren“ möchten sie auch die Bebauung des Außenbereichs, also dem bisher noch unbebauten Feld, verhindern.

    Viel schneller, als man vermutet, nehmen die Zuschauenden an der bedeutungsvollen Gemeinderatssitzung teil, in der über die Zukunft des Flecks Natur abgestimmt wird. Der Gemeinderat, samt den „Vieren von der Stange“, hat an einem langen Tisch Platz genommen. Vor der Abstimmung werden sie mit kritischen Wortmeldungen der Zuhörer*innen gelöchert. Man kennt sich wahrscheinlich schon seit Kindestagen und spricht sich beim Vornamen an. Das wirkt im Hinblick auf das Setting ulkig. Als ob sich die Menschen im Raum zwar in ihre vorgeschriebenen Rollen eingefunden hätten, um der bürokratischen Richtigkeit Folge zu leisten, dennoch einen familiären Umgang miteinander pflegen.

    Doch die Ungezwungenheit trügt. Schnell fängt die Kamera die Ernsthaftigkeit, die die Sitzung in sich trägt, wieder ein. Es dauert letztlich nur wenige kurze Augenblicke und der Bebauungsplan wird bewilligt. Der Anblick von Bernd, der noch kurz vorher seine Petition vorstellte, macht betroffen. Hier wird ein Mensch gezeigt, der bereits müde ist von dem Kampf gegen Windmühlen. Ihm gegenüber steht Markus, seines Zeichens einflussreiches Gemeinderatsmitglied. Eine Person, die Macht hat und diese ihren Vorstellungen nach im Sinne der Bürger*innen einsetzt.

    Die Geschichte Göhrens ist damit noch nicht zu Ende erzählt: Um den Einfluss der „Vier von der Stange“ zu brechen, treten Bernd und Nadine gemeinsam mit gleichgesinnten Bürger*innen zur nächsten Gemeinderatswahl an. Ein Paradigmenwechsel in der Lokalpolitik? Wer die Geschicke der Inselgemeinde in Zukunft lenken wird, könnt ihr ab dem 12. August in den Kinos sehen.

    Fotos: jip Film

    Hochschuljournalismus wie dieser ist teuer. Dementsprechend schwierig ist es, eine unabhängige, ehrenamtlich betriebene Zeitung am Leben zu halten. Wir brauchen also eure Unterstützung: Schon für den Preis eines veganen Gerichts in der Mensa könnt ihr unabhängigen, jungen Journalismus für Studierende, Hochschulangehörige und alle anderen Leipziger*innen auf Steady unterstützen. Wir freuen uns über jeden Euro, der dazu beiträgt, luhze erscheinen zu lassen.

    Verwandte Artikel

    Lernen, zu vermissen

    Bettina Böhlers Dokumentarfilm „Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“ über den beliebten und früh verstorbenen Intellektuellen Christoph Schlingensief ist trotz Länge berührend.

    Film Kultur | 20. August 2020

    Land unter

    Das Leben auf dem Land ist nicht immer leicht. Es ist ein Ringen um den Erhalt von Perspektiven. Beim Dok-Filmfestival lief nun der Film „Landretter“, der Menschen zeigt, die genau das tun.

    Film | 15. November 2019