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  • Lernen, zu vermissen

    Bettina Böhlers Dokumentarfilm „Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“ über den beliebten und früh verstorbenen Intellektuellen Christoph Schlingensief ist trotz Länge berührend.

    2010, im Jahr als Christoph Schlingensief an Lungenkrebs starb, wusste ich weder, was ein Theaterregisseur ist, noch, wer Schlingensief war. Auch heute habe ich nur wenig Ahnung. Für mich ist er jemand wie Roger Willemsen. Seinem Namen hängt immer ein „zu früh gegangen“ an. Wichtige kulturelle Stimme, heißt es dann immer, oder es wird melancholisch gefragt, was sie wohl dazu gesagt hätten. Bettina Böhler hat im Dokumentarfilm „Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“ diesen Mann, den ich nicht kannte, auferstehen lassen.  

    Christoph Schlingensief ist im Profil vor einem dunklen Hintergrund zu sehen. Sein Gesicht ist mit warmem Licht beleuchtet und er blickt aufmerksam auf einen Punkt hinter dem linken Bildrahmen.

    Ein Visionär ohne Zukunft.

    Die Regisseurin des Films ist eigentlich Cutterin. Das heißt, dass sie Filme zusammenschneidet. Auch „Schlingensief“ besteht mehr aus Fragmenten, anstatt eine gradlinige und kommentierte Geschichte zu erzählen. Sie hat viele Stunden Videomaterial zusammengetragen. Dabei nutzt sie in großen Teilen der 124 Minuten Laufzeit eine Technik, die auch der Porträtierte gerne genutzt hat. Sie legt verschiedene Filmteile übereinander. So läuft zum Beispiel der junge Schlingensief durch die Dünen irgendeines deutschen Küstenortes, während sich darüber sein Vater im Gartenstuhl sonnt. Klingt fürchterlich prätentiös und anstrengend, ist aber überraschend eindrücklich. Durch das Übereinanderlegen lässt sie die verschiedenen Szenen, die gleichzeitig über den Bildschirm flackern, miteinander kommunizieren und es entsteht eine neue Deutungsebene.  

    So begleiten die Zuschauer*innen Schlingensief von einem Abenteuer ins andere. Von den Filmen, die er schon während seiner Kindheit drehte, zu den Wagner-Festspielen in Bayreuth bis zu seinem Operndorf in Burkina Faso. Schlingensief ist mal Theaterregisseur, mal verschuldeter Gründer einer Partei. Er spielt sich durch die Kulissen seiner eigenen Filme, findet und verliert sich selbst auf der Volksbühne in Berlin und weint vor Freude über die Krebszellen, die zwischendurch aus seinem Körper verschwinden. Dass der Film auch anstrengend ist, reflektiert dabei sehr gut das Leben, das Christoph Schlingensief geführt hat.  

    Auf dem Bild sieht man Schlingensief, der auf einer Coach auf einer Theaterbühne sitzt. Rechts und links neben ihm sitzen noch jeweils zwei andere Schauspieler*innen. Alle tragen Kostüme, Christoph Schlingensief eine schwarze Perücke und Brille mit einem klobigen Rahmen.

    Auf der Bühne zuhause und immer mittendrin.

    Besonders am Ende des Films wird Schlingensief dann auch etwas offener. Hinter der aufgedrehten Fassade taucht der Mensch auf, der ehrlich und hartnäckig viele Jahre nicht den Mund gehalten hat, der sich gegen Kolonialismus, gegen Abschiebungen und für Inklusion auf seine eigene laute Art eingesetzt hat. Die vielen Kämpfe auch mit der öffentlichen Meinung haben ihre Spuren hinterlassen. Eine der berührendsten Szenen des ganzen Films zeigt Schlingensief, der nach seinem ersten Kampf gegen den Krebs geheilt zu sein scheint. Ein Junge, der in einem seiner Stücke mitspielt, überreicht ihm eine Karte. „Es tut mir leid, dass sie sterben“ steht darauf.  

    Ich kannte Christoph Schlingensief nicht und er sich vermutlich auch nicht wirklich. An einer Stelle erklärt er, dass seine Eltern eigentlich sechs Kinder haben wollten, sie aber am Ende nur ihn kriegen konnten. Deswegen müsse er nun damit leben, sechs Personen gleichzeitig zu sein. Bettina Böhler hat ein liebevolles Porträt geschaffen, dass trotz seiner Längen zeigt, was die Leute damit meinen, wenn sie sagen, dass er fehlt, weil wir alle sechs Persönlichkeiten Christoph Schlingensiefs wirklich gebrauchen könnten.   

    Ab 20. August im Kino 

    Fotos: Filmgalerie451 

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