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  • Koloniale Spuren vor der Haustür

    Im Thema-Ressort widmen wir uns im Juni der Thematik „Koloniale Spuren in Leipzig“. Der richtige Umgang heute ist umstritten - von Vergessen, Nicht-Sehen bis Diskutieren.

    Seit 101 Jahren ist Deutschland keine Kolonialmacht mehr. Aber bis heute halten sich die Nachwirkungen aus der Vergangenheit in der deutschen Gesellschaft und unzähligen Stadtbildern. Diese Nachwirkungen in Leipzig sichtbar machen, und zeigen, dass das Thema nicht weit weg, sondern brandaktuell ist, das ist das Ziel der Arbeitsgruppe (AG) Postkolonial in Leipzig. Anhand eines postkolonialen Stadtrundgangs erzählt die ehrenamtliche AG, die zu dem Verein Engagierte Wissenschaft gehört, seit 2013 von den kolonialen Hintergründen verschiedenster Leipziger Orte. Sie deckt auf, wie – oder ob –  die eigenen Geschichten heute behandelt werden. Jona Krützfeld von der AG erklärt: „Postkolonialismus heißt, dass Machtstrukturen und Denkweisen weiter fortbestehen.“ Diese erschaffen einen rassistischen Normalzustand, der durch aktive Dekolonialisierung und Gedenkarbeit aufgebrochen werden soll. Aber wie sehen kolonialen Spuren heute aus? Die ausgewählten Beispiele zeigen unterschiedliche Umgänge mit der Vergangenheit.

    Lässt man den Blick auf dem Parkplatz vom Völkerschlachtdenkmal zufällig nach rechts schweifen, ragt der Kolonialstein aus dem Gebüsch hervor.

    Ein 1,20 Meter hoher Findling im Schatten des Völkerschlachtdenkmals scheint ein unscheinbares Überbleibsel. Aber Ende der 1920er Jahre aufgestellt trug er die Aufschrift: „Deutsche Gedenkt Eurer Kolonien“ und diente als kolonialrevisionistischer Gedenkort. In der DDR wurde diese Inschrift unkommentiert getilgt. Laut der AG steht dies exemplarisch für den Umgang der DDR mit kolonialen Spuren: Hinterlassenschaften wie Denkmäler und Straßennamen wurden ohne öffentliche Diskussionen entfernt. So gibt es in Leipzig nicht mehr viele Straßen, die nach Akteuren aus der deutschen Kolonialbewegung benannt wurden. In der wortlosen Tilgung fehle laut der AG allerdings öffentliche Aufarbeitung und ein Gedenken der Opfer.

    Die Elefantenköpfe schauen seit 1905 auf kaffeetrinkende Gäste.

    Das Caféhaus Riquet ist ein Beispiel für exotisierende Werbung. 1905 wurde in der Innenstadt das Lokal errichtet, die Architektur ist ein Potpourri von Motiven aus unterschiedlichsten Kulturen, wie zum Beispiel die großen Elefantenköpfe am Eingang oder die Dachtürmchen aus klassischer chinesischer Baukunst. Zu Werbezwecken wurde damit eine Atmosphäre des ‚Fremdländischen‘ geschaffen und in Mosaiken, die die Handelstradition der Riquet & Co Ag abbilden, spiegeln Darstellungen unterwürfiger Diener*innen die koloniale Gesellschaftsordnung wider. Noch heute liegen in der Auslage Werbeschilder, die Schwarze Menschen in dienender Haltung und „fremdländigem“ Umfeld zeigen.

    Hinter dem historischen Zootor fanden früher auch sogenannte “Völkerschauen” statt.

    Eine koloniale Geschichte des Zoo Leipzigs ist nicht auf den ersten Blick sichtbar. Auf der Website findet sich kein Hinweis, dass seit der Gründung 1879 auch das Ausstellen von Menschen bis 1932 fester Bestandteil war. Krützfeld von Leipzig Postkolonial erzählt: „Insgesamt gab es im Zoo etwa 40 Völkerschauen, damit war Leipzig neben Hamburg und Berlin der drittgrößte Ort dafür in Deutschland.“ In der zeitgenössischen Presse und Werbung wurden die ausgestellten Menschen objekthaft und abwertend beschrieben und zur Attraktion gemacht. Leipzig Postkolonial kritisiert eine fehlende Aufarbeitung mit dieser Vergangenheit, 2015 richtete sie sich in einem offenen Brief an den Zoo Leipzig und forderte ein Gedenkkonzept. Darin thematisierte sie außerdem heutige Veranstaltungen, die sich noch immer exotisierender Klischee bedienen und auf kolonial geprägten Vorstellungen basieren würden. Werbung für „Hakuna Matata – Afrika hautnah erleben“ und „afrikanische Tanznächte“ stelle laut Krützfeld exotische Natur, Tiere und vermeintliches Wissen über fremde Kulturen nebeneinander, bediene sich rassistischer Bilder und bestärke somit kolonial geprägte Stereotype.

    Auf Anfrage der luhze-Redaktion zu der kolonialen Geschichte des Zoos standen keine Ansprechpartner für diese Thematik zur Verfügung, stattdessen verwies die Pressereferentin auf ein Kapitel in dem Buch „Die Spur des Löwen“, das eine „grobe Einordnung des Zoos während dieser Zeit“ gebe. Abgesehen davon verweist sie auf Stadthistoriker*innen, die aus der Sicht der Zoo Leipzig GmbH für dieses Thema zuständig sind.

    Auch an anderen Orten Leipzigs wurden Menschen ausgestellt. Im Krystallpalast Varieté traten 1885 eine Gruppe Tänzerinnen aus dem Kamerun auf. Der Clara-Zetkin-Park entstand eigens im Rahmen der deutsch-ostafrikanischen Ausstellung 1897, mit der die Bevölkerung vom Konzept deutscher Kolonien überzeugt werden sollte. Nachgebaute Kolonialstationen präsentierten ein friedliches und harmonisches Bild der kolonialen Verhältnisse, 47 zur Schau gestellte Kameruner*innen sollten den Reiz des „Exotischen“ wecken. Sie wurden entmenschlichend als kannibalistisch dargestellt und in zeitgenössischen Berichten oft mit Kindern und Tieren verglichen.

    Das Leipziger Missionshaus mit dem historischen Leitspruch auf der Fassade von 1856: „Gehen hin in alle Welt und prediget das Evangelium aller Creaturen”

    Die Leipziger Missionsgesellschaft hat während der deutschen Kolonialzeit hunderte Missionar*innen in deutsche Kolonien geschickt, besonders in die Kilimanjaro-Gebiete. Im Missionswerk setzt sich heute eine Dauerausstellung mit der eigenen Geschichte auseinander, erzählt von der damaligen Missionarsarbeit und setzt sie mit der nationalen Kolonisierungsbewegung in Kontext. Hier können die unterschiedlichen Einzelschicksale und Arbeiten der Missionar*innen nachverfolgt werden. Oft haben sie als Vermittler*innen Partei für die indigene Bevölkerung ergriffen, brachten mit dem Evangelium Medizin und Bildung und versuchten sie vor dem brutaleren, militärischen Regime zu schützen. Auch die AG Postkolonial berücksichtigt die Handlungen der Missionar*innen, wenn sie sie in Verbindung mit dem Kolonialismus setzen. Gleichzeitig hält sie fest, dass die Missionen von der Unterdrückung der indigenen Bevölkerung profitierten und diese nicht in Frage stellte. In den ersten Jahren war die Position der AG gegenüber der Aufarbeitung des Werks sehr kritisch, 2019 begann jedoch ein Kontakt zwischen den beiden Institutionen. Um die koloniale Geschichte differenzierter aufarbeiten zu können, erhielt die AG Zugang zu den Archiven und eine transparentere Zusammenarbeit entstand. Der Direktor Ravinder Salooja schätzt den Anstoß, den das Thema durch die AG bekommt: „Für die Reflektion über die eigene Geschichte ist es gut, eine Außenperspektive zu haben und hinterfragt zu werden.“ Im Haus wurde die Aufarbeitung der Geschichte und der heutige Umgang ein immer wichtigeres Thema. Für die Freiwilligenprogramme gibt es ein ausführliches Antirassismustraining, in theologischen Uniseminaren wird die eigene Vergangenheit aufgearbeitet. Außerdem wird das Jahresmotto für 2021 „glaubwürdig? Mission postkolonial.“ Denn auch für die Zukunft ist Salooja motiviert: „Ich möchte kritische Fragen stellen, um das Gespräch in der Öffentlichkeit aufzuwerfen.“ Dies sei ein Prozess, der noch längst nicht abgeschlossen sei.

     

    Ein weiteres zentrales Thema von Postkolonialismus sind ethnografische Museen. Nächste Woche widmen wir uns ausführlich den kolonialen Spuren in der Museenlandschaft in Leipzig.

    Interessiert an einer wissenschaftlichen Einordnung kolonialer Begriffe? In diesem Glossar geht es darum, welche Begriffe den Kolonialismus widerspiegeln – und was wir stattdessen sagen können.

     

    Alle Artikel mit dieser Grafik gehören zur Online-Thema-Seite Juni. Damit wir keine rassistischen und klischeehaften Objekte grafisch reproduzieren, zeigt die Thema-Grafik dieses Mal Leipzig und den Kolonialstein. Der Findling in der Nähe des Völkerschlachtdenkmals diente seit den 1920er Jahren als Erinnerung an den „Verlust“ der deutschen Kolonien nach dem Ersten Weltkrieg. Die Inschrift „Deutsche, Gedenkt Eurer Kolonien“ wurde in der DDR entfernt. /pb

    Grafik: Marie Nowicki

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