• Menü
  • Kultur
  • Immergut: Keinland

    Wir verraten euch weiterhin wöchentlich die besten Medien, um den Corona-Blues zu vertreiben – diese Woche Jana Hensels Debütroman „Keinland“.

    Jana Hensel ist die Ostversteherin schlechthin. 1976 in Sachsen geboren, hält sie ihre Erinnerungen in Essaybänden wie „Zonenkinder“ oder „Wer wir sind. Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein“ fest. Als angehende Journalistin und Ostdeutsche liegen diese Bücher schon lange auf meinem SUB (Stapel ungelesener Bücher), jedoch war das erste Buch, das ich von ihr gelesen habe, „Keinland“. Es ist ihr erstes belletristisches Buch und meine Mutter schenkte es mir zu Ostern. Ich habe es seitdem zweimal gelesen, das erste Mal davon an einem Stück, an Ostersonntag. Dass es das erste Buch seit langem ist, das ich einmal angefangen einfach nicht mehr weglegen konnte, ist nur ein Grund, warum es trotz seines jungen Alters von drei Jahren zumindest zu meinen persönlichen Klassikern zählt.

    Das Bild ist das Cover des Romans „Keinland“ von Jana Hensel. Oben in schwarzer Schrift steht der Name der Autorin, darunter der Titel des Buches in blau. In einem blauen Rahmen ist eine Zeichnung von einem Strand, in der Ferne sieht man die Umrisse einer Stadt, unter anderem den Fernsehturm. Unten auf dem Cover steht „Ein Liebesroman“, darunter der Name des Verlags, „Wallstein“.Die Ich-Erzählerin heißt Nadja und ist Journalistin. Sie kommt aus Ostdeutschland, lebt in Berlin und verliebt sich in Martin. Er lebt in Israel, kommt ursprünglich aus Frankfurt und ist der Sohn von Shoah-Überlebenden. „Keinland“ handelt davon, wie diese Beiden aufeinander treffen und doch nie ganz zueinander finden. Zwischen Momenten tiefer Innigkeit liegen scheiternde Gespräche. Martin ist schnell unerreichbar, Nadja will ihn unbedingt verstehen, es gibt viel Streit und vieles, was unausgesprochen bleibt. Es scheint fast, als bringe jede Erklärung mehr Verworrenheit. Martin und Nadja sind Vertreter*innen zweier Vergangenheiten, die sich in der Gegenwart scheinbar schon grundsätzlich ausschließen.

    Jana Hensel wurde einmal in einem Interview gefragt, ob die Geschichte auch autobiografische Züge hat, ob sie ihr vielleicht sogar wirklich passiert ist, was Hensel verneinte. Die Geschichte von Nadja und Martin ist aber so realistisch, so nah erzählt, dass sie vielleicht schon zu Dutzenden so geschehen ist. Nadjas Gedanken liegen den Leser*innen komplett offen, gemeinsam mit ihr versucht man herauszufinden, ob und wie es eine Zukunft mit Martin geben könnte. Der Roman stellt sich die Frage, was Liebe alles überwinden kann und ob sie immer genug ist. Das ist erst einmal nichts Neues in der Literatur. Aber „Keinland“ ist eine ostdeutsche-jüdische Liebesgeschichte. Hier geht es um Gefühlserbschaften, um Erinnerungen, um Schuld, all das ist von Anfang an da und verschwindet nie. Es handelt von Herkunft, von „echten“ und von „falschen“ Ländern, von neuen und von alten Grenzen.

    Jede der 196 Seiten ist voller Melancholie, Traurigkeit, zuweilen auch Kitsch. Gleichzeitig ist jeder Satz intensiv und durchdacht und das Gesamtwerk zart im wahrsten Sinne des Wortes. Viele der Zeilen sind in meinem Kopf hängen geblieben und fallen mir in willkürlichen Momenten wieder ein – beim Einkaufen, in der Bahn, vor dem Einschlafen. Ich bin – um es mit den Worten der Autorin zu sagen – in ihre Sätze „eingezogen wie andere in ein Haus“. Es ist eins dieser Bücher, über die man sich noch lange Gedanken macht, nachdem man sie beiseitegelegt hat. Denn die Frage, nach dessen Antwort der Roman strebt – Kann Liebe alles überwinden? – wird zwar in dieser Geschichte beantwortet, aber hat mich mit einem gewissen „Was wäre wenn“ und vielen Grundsatzfragen zu Liebe, Identität und Geschichte zurückgelassen.

    Cover: Wallstein

    Verwandte Artikel

    Immergut: Beale Street Blues

    Wir verraten euch weiterhin wöchentlich die besten Medien, um den Corona-Blues zu vertreiben – diese Woche den Roman „Beale Street Blues“ von James Baldwin.

    Kultur | 17. Juni 2020

    Das Privileg, Ostdeutscher zu sein

    Kolumnist Jonas wollte darüber schreiben, warum er sich als ostdeutsch bezeichnet. Dann begann er, sich zu fragen, ob er das nur tut, um auch mal der Diskriminierte sein zu können.

    Kolumne | 14. Juni 2020