• Menü
  • Kolumne
  • Klima
  • Leere Träume

    Unbezahlte Praktika sind mühsam. Deshalb lohnt es sich anschließend Traum und Realität neu zu sortieren, findet Kolumnistin Hannah.

    Pünktlich finde ich mich beim Empfang des Hamburger Abendblatts ein und warte auf die Person, die mich laut E-Mail abholen soll. Ich warte, doch niemand kommt. Nach zwanzig Minuten stolpert schließlich eine gehetzte Redakteurin aus dem Fahrstuhl, der man ansieht, dass sie sich eigentlich nicht dafür zuständig fühlt mich nach oben zu führen. Im Aufzug stellt sie mir knappe Fragen. „Also Journalismus dann eher nicht beruflich“, stellt sie fest, als ich sage, dass ich für die unabhängige Hochschulzeitung in Leipzig schreibe. Ich dachte eigentlich, um das herauszufinden wäre ich hier. Doch umso weiter der Tag voranschreitet, umso weniger bin ich mir sicher, warum ich hier bin.

    Porträtfoto von Kolumnistin Hannah. Sie ist blond und lächelt in die Kamera.

    Kolumnistin Hannah sinniert mittlerweile lieber über Traumurlaube als über Traumjobs.

    Auf dem Weg nach oben wirft meine Abholerin mit eiligen Handbewegungen knappe Erklärungen in die Luft. Hier ist der Sport, da der Chefredakteur, da die Sekretärinnen. Wo die Toilette ist und wo ich mich hinsetzen kann, muss ich selbst herausfinden. Die Sekretärin fragt nach meiner Handynummer, drückt mir die aktuelle Ausgabe der Zeitung in die Hand und informiert mich darüber, dass sich in zehn Minuten alle zur täglichen Besprechung treffen. Kugelschreiber-Klicken, i-Phone-Schärpen, Abonnent*innen, Zahlen, Buchstaben, Nicken, Lachen – „Sonst noch irgendwas? Dann ran an die Arbeit, viel Spaß!“ Und mit einem Schlag löst sich die Runde auf und alle scharren in verschiedene Richtungen aus. Und jetzt? Niemand wendet sich an mich, niemand erklärt etwas. Alles, was ich weiß, ist, dass ich nichts weiß. Nach dem ersten Schock wende ich mich an die Sekretärin. Und finde heraus, dass niemand für Hospitierende zuständig ist. „Du musst dich anbieten, wenn du etwas machen willst.“ Ich will etwas machen, aber ich will mich nicht anbieten. Ich lasse meinen Blick schweifen. Alle sehen wichtig und beschäftigt aus. Sie tragen Brille, tippen hastig, telefonieren oder eilen irgendwohin.

    Noch nie habe ich mich so überflüssig gefühlt. Ich möchte niemanden ansprechen, weil ich mich für meine Anwesenheit schäme. Ich fühle mich wie ein Gast, der sich selbst eingeladen hat. Am liebsten würde ich mich einfach auf der Fußsohle umdrehen und nach unten hasten. Ich sehe mich die Treppen hinuntereilen und meine eben erhaltene Chip-Karte mit undeutlichem Gemurmel auf den Empfangstresen legen, um dann zu rennen. So weit meine Beine mich tragen. Doch ich renne nicht. Ich bleibe, setze mich in einen der rückenfreundlichen Bürostühle und denke daran, dass aller Anfang schwer ist. Dass alle doch nett waren, trotz der mangelnden Zuständigkeit. Ich sage mir, dass ich das wahrscheinlich auch lernen muss: mir selbst Aufgaben suchen. Und, dass ich mir das Ganze erst einmal angucken sollte und nach einer Woche noch immer die Flucht ergreifen kann. Falls es nicht besser wird. Falls ich nicht besser werde.

    Doch eigentlich will ich gar nicht besser werden. Ich meine, ich will etwas lernen, ich will Erfahrungen sammeln und mir Dinge abgucken. Und mir klar darüber werden, wie ich Geld verdienen könnte. Aber ich will nicht an meinem Charakter feilen. Ich fühle mich gut damit mich langsam ranzutasten, an Menschen, an Situationen. Ich möchte nicht mit der Tür ins Haus fallen und mich präsentieren. Vielleicht macht mich das zu einer schlechten Journalistin, aber wohl nicht zu einem schlechten Menschen. Ich will mich nicht für meine Schüchternheit schämen und finde mich doch so eigentlich ganz okay. Doch plötzlich habe ich das Gefühl, unpassend zu sein und mich passend machen zu müssen. Was denken die denn sonst? Dass ich nicht wirklich an dem Beruf interessiert bin? Dass ich faul bin? Dass ich meinen Mund nicht aufbekomme? Na, das sollte man aber, wenn man Journalistin werden möchte. Nach vier Wochen war das Praktikum dann Corona-bedingt verfrüht zu Ende. Wenn ich mich für ein Volontariat bewerben möchte, fehlen mir jetzt also nur noch circa 23 weitere unbezahlte Praktika im journalistischen Bereich.

    In Träumen ist alles möglich. Doch versucht man sie am nächsten Morgen zu beschreiben, vergisst man, was eigentlich so fantastisch daran war. Ich habe beschlossen mich für kein weiteres Praktikum zu bewerben und mein Geld sinnvoller zu investieren. Sobald wie möglich werde ich ein Flugticket nach Thailand buchen. Dort, wo Traumstrände das halten, was sie versprechen.

    Titelgrafik: Lisa Regenthal (Instagram @regenthalisa)

    Verwandte Artikel

    Unverhofft kommt oft

    Kolumnist Vincent hatte sich mutmaßlich, und ohne sich darüber bewusst zu sein, mit dem Coronavirus infiziert. Doch wie so Vieles in diesen Tagen ist auch das aktuell noch ungewiss.

    Corona Kolumne | 17. Mai 2020

    „Ich bin keine Dame – was soll das?“

    Das Thema Sexismus spielt im Journalismus eine große Rolle. Antonie Rietzschel fordert eine Frauenquote und mehr Gerechtigkeit. luhze-Redakteurin Theresa Moosmann hat mit der Journalistin gesprochen.

    Interview Thema | 9. Dezember 2019