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  • Doch die Türen bleiben erstmal zu

    Während Geschäfte des Einzelhandels unter Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln wieder öffnen, bleiben Kultureinrichtungen weiterhin unbespielt. Seit dem 19. März sind Veranstaltungen untersagt.

    Die Clubszene liegt bis mindestens Ende August brach. Bis dahin sind alle Großveranstaltungen abgesagt. Die Musiker*innen und Veranstalter*innen genießen jetzt nicht die Zeit im Home-Office, sondern suchen aktiv nach Lösungen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten und Kulturstätten zu erhalten. Das LiveKommbinat, das als Interessenvertretung verschiedener Leipziger Kulturstätten und Musikclubs agiert, steht dafür unter anderem in regem Austausch mit der Kommunalpolitik. Um ihre Forderungen in der Coronakrise zu artikulieren, veröffentlichten sie Anfang April einen offenen Brief an Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD). Eine ihrer Eigeninitiativen: das Club-Soliticket. Unterstützer*innen können es aktuell online kaufen, um die zugehörigen Einrichtungen zu erhalten. Dabei sind zwar schon über 100.000 Euro zusammengekommen. Das ist jedoch bei weitem nicht ausreichend, um die Existenz der Spielstätten über die nächsten Monate hinweg zu sichern. Einige von ihnen mussten bereits auf die gesammelten Gelder zurückgreifen, darunter das Noch besser leben, die Distillery und das Elipamanoke. Andere heben sich ihre Anteile noch auf. Viele Clubs haben eigene Spendenkampagnen für die laufenden Kosten gestartet. Und auch wenn die finanzielle Unterstützung seitens des Publikums Mut macht, sieht Kordula Kunert, die seit sechs Jahren Mitarbeiterin des LiveKommbinats ist, das Format zum Teil kritisch: „Politisch gesehen, ist die Situation unfair. Man darf die Rettung der Clubkultur jetzt nicht auf die Konsument*innen ablagern.“

    Verschuldung in Krisenzeiten?

    Die Option eines Darlehens kommt für die meisten Betreiber*innen nicht in Frage. „Das ist die Krux bei privatwirtschaftlichen Kulturbetrieben: Clubs sind Kultur und arbeiten kostendeckend, können aber keine Rücklagen bilden“, sagt Kunert. Dementsprechend würde die Rückzahlung zu einem späteren Zeitpunkt die prekäre Situation nur verschlechtern. Kunert fordert deshalb Zuschüsse statt Darlehen für die Leipziger Kultureinrichtungen, schnell und möglichst unbürokratisch. Außerdem solle ein Clubkulturrettungspaket verhandelt werden, wie es in Berlin oder Hamburg auf den Weg gebracht wurde. Sonst gibt es nach dieser Krise keine Orte mehr, an denen Kreative ihre Kunst präsentieren können. „Ich glaube wir unterschätzen, wie viel auf dem Spiel steht. Wir können gerade zusehen wie die Clubs sterben“, sagt Judith van Waterkant, DJ und Mitarbeiterin des Instituts für Zukunft. Sie ist enttäuscht, dass die vielfältige Kulturszene von der Politik als Aushängeschild der Stadt Leipzig gefeiert, aber in der aktuellen Situation im Stich gelassen wird. Auf den sozialen Medien beteiligte sie sich an der Hashtag-Aktion #kanndasweg. Unter dem Motto: „Ist das Kunst oder kann das weg?“ machen Künstler*innen auf ihre aktuelle Lage und die Bedeutung von Kultur für die Gesellschaft aufmerksam. Durch ihre Reichweite können sie so Aufmerksamkeit generieren.

    Längerfristige Ungewissheit

    Andere Sparten stehen vor ähnlichen Problemen. Svenja Gräfen ist freischaffende Autorin und Moderatorin in Leipzig. Nicht nur sind ihre Lesungen vorerst abgesagt, auch bleibt die Unsicherheit der Veranstalter*innen. Die vielen kurzfristigen Anfragen im Kleinkunstbereich fallen nun weg, sodass keine Ansprüche auf Ausfallhonorare bestehen. Die Bundessoforthilfe wurde für Gräfen zwar bewilligt, allerdings sieht diese keine Auszahlung eines eigenen Gehalts vor, sondern nur betriebliche Ausgaben, die sie als Schriftstellerin kaum hat. Sie wird ihren Antrag vermutlich widerrufen, um eine spätere Rückzahlungsforderung nicht zu riskieren. Die unterschiedlichen Maßnahmen in den jeweiligen Bundesländern führen zu einer Wettbewerbsverzerrung: Manche Künstler*innen können erst einmal aufatmen, während andere sich arbeitslos melden müssen. Oberbürgermeister Jung versprach bereits Anfang April Soforthilfen für den Kultursektor. Bei der Ratsversammlung am 29. April beschloss die Stadt Leipzig nun ein Programm für Solo-Selbstständige. Dabei handelt es sich um einen einmaligen Zuschuss von bis zu 2.000 Euro für einen Zeitraum von zwei Monaten. Fünf Millionen Euro werden für diesen Zweck von der Stadt Leipzig zur Verfügung gestellt. Weitere Maßnahmen für die Zeit danach sind noch nicht geplant. Ab Mitte Mai soll die elektronische Beantragung möglich sein.

    Verzögerungen in allen Bereichen

    Bereits im März wurde die Leipziger Buchmesse abgesagt. Weil die Verlage ihre Veröffentlichungen nicht wie gewohnt bewerben können, wird das Programm zunächst in den Herbst geschoben. Für Gräfen und viele andere publizierende Schriftsteller*innen, die momentan an Manuskripten schreiben, ergibt sich neben gestrichenen Veranstaltungen auch dadurch eine verschlechterte Auftragslage. Die Initiatorin der Leipziger Literaturshow „Die schlecht gemalte Deutschlandfahne“ Rebecca Salentin hofft, dass Lesungen im September wieder stattfinden können. Doch die Veröffentlichungen der Bücher, aus denen dann gelesen werden soll, wurden zum Teil bereits verschoben. Des Weiteren müssen die Veranstalter*innen um ihre Förderungen bangen, die sie vom Kulturamt erhalten, da vergangene Termine nicht stattfinden konnten.

    Projektumsetzungen gefährdet

    Ähnlich geht es anderen kommunal geförderten Einrichtungen. Das Ost-Passage-Theater (OPT), das in diesem Haushaltsjahr in die institutionelle Förderung der Stadt Leipzig aufgenommen wurde, kann die Erfüllung von inhaltlichen Zielen und Umsetzung geplanter Projekte nicht mehr gewährleisten. Daniel Schade, künstlerischer Leiter des OPT, betont aber auch: „Vergessen wir nicht: Nur der kleinste Teil der freien Szene Leipzigs wird derzeit überhaupt kommunal gefördert. Auch für diese Vielfalt des kulturellen Lebens unserer Stadt braucht es innovative Lösungen.“ Ob es sie gibt und wie diese aussehen könnten, wird seitens der Stadt nicht kommuniziert. Eine Anfrage der luhze bleibt bis zum Redaktionsschluss unbeantwortet. Diese bezog sich auch auf mögliche Unterstützungsmaßnahmen für Kulturbetriebe, langfristige Finanzhilfen für Solo-Selbstständige in den nächsten Monaten und die Ausschüttung von Fördergeldern.

    Digitale Räume statt Schlange stehen

    Vielfach werden jetzt die neuen kreativen Ansätze und Online-Formate gelobt, zum Beispiel von der Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Ein Ableger von United We Stream aus Berlin hat sich in kurzer Zeit auch in Leipzig etabliert, außerdem die Plattform Leipstream. Auf den jeweiligen Websites werden aktuell regelmäßig Konzerte und DJ-Sets live übertragen. Eine echte Alternative ist der digitale Raum jedoch nicht. Weder für die Erfahrung von Kultur und Austausch noch um die finanziellen Ausfälle zu kompensieren. Online-Lesungen zahlen keine angemessenen Honorare, Spendenaufrufe von Streaming-Angebote können die Clubkultur nicht erhalten. „Für mich ist das eher wie ein Zeichen zu setzen, dass man noch da ist“, sagt Judith van Waterkant.

    Titelfoto: Sebastian Wehrstedt

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