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    Kolumnistin Luise nutzt seit einigen Wochen die Video-App Tiktok. Ihr Zwischenfazit: Pointierter Humor und süße Tiere machen Zensur nicht weniger schlimm, doch die Plattform hat Potenzial.

    Corona. So, da habt ihr das Wort. In diesen Zeiten ist es eine journalistische Herausforderung, eine Kolumne zu schreiben, ohne das derzeit umherwandernde Virus zu erwähnen – was Sinn ergibt, denn die Pandemie prägt gerade unser aller Alltag. Ich habe in letzter Zeit für meine Verhältnisse an genügend Herausforderungen teilgenommen (Kommt schon, Leute, ich kann doch nicht die einzige sein, die sich immer erfolgreich gegen Social-Media-Challenges gewehrt hat, jetzt aber doch schwach geworden ist!? Stichworte: Quarantäne-Bingo, Kinderfotos, Film-Challenge). Deshalb habe ich beschlossen, es mit dieser Herausforderung gar nicht erst zu versuchen. Denn, ja, irgendwie hat diese Kolumne auch mit Corona zu tun.

    Eine Frau und ein Mädchen beim Einstudieren einer Choreografie eines Tanzes der beliebten aus China stammenden Video-App Tiktok.

    Trotz ihres Millennial-Daseins konnte Kolumnistin Luise bereits einen Tiktok-Tanz erfolgreich einstudieren.

    Und zwar ungefähr so (Kurzversion): Auslandspraktikum wegen Corona auf der Hälfte abgebrochen, Untermieter trotzdem weiterhin in meinem WG-Zimmer, wieder bei meinen Eltern eingezogen. Seit sechs Wochen lebe ich nun schon das luxuriöse Quarantäne-Leben auf dem Land und verbringe so viel Zeit mit meiner zwölfjährigen Schwester wie nie zuvor. Es hat nicht lang gedauert, und sie hat mir mit einem glucksenden Lachen ständig ihr Smartphone vors Gesicht gehalten, um mir kurze Videos zu zeigen. In einem wird einem süßen Igel der Bauch massiert. In einem anderen demonstriert ein Mann, wie es wäre, keine Kniegelenke zu haben, und versucht mit durchgestreckten Beinen, eine Treppe herunterzulaufen. „Ist das etwa dieses Tiktok?“, habe ich gefragt. „Jaaaa, meld dich mal an!“, hat sie geantwortet und weitergeswipet. Tiktok, das war für mich immer diese ominöse App, von der ich dachte, dass dort 13-Jährige zu Drake-Songs tanzen und ich dabei definitiv nichts verpasse. In gewisser Weise stimmt das auch, aber wer Tiktok wirklich verstehen will, muss sich die App runterladen und sie nutzen. Das habe ich getan.

    Versteht mich nicht falsch: Ich bin definitiv keine Tiktok-Expertin (Kann man das überhaupt sein, wenn man Ü20 ist?), aber ich kann zumindest wiedergeben, was meine Erfahrungen mit der App sind. Die sind auf jeden Fall subjektiv, denn Tiktok verwendet einen ziemlich ausgeklügelten Algorithmus, um mir Videos vorzuschlagen, die auf der sogenannten „Für dich“-Seite landen. Für all die im letzten Jahrzehnt hängengebliebenen Social-Media-Konservativen: das ist sowas wie die „Entdecken“-Seite bei Instagram. Nur, dass man sie bei Tiktok wirklich nutzt. Der Algorithmus analysiert, wie lange Menschen von anderen Menschen hochgeladene Videos gucken – ob sie bis zum Ende (meistens 15 Sekunden) durchhalten, oder ob sie nach wenigen Sekunden weiterswipen. Je länger, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die App ein Video auf die „Für Dich“-Seite bestimmter Nutzer*innen katapultiert. Ob ich dieses Video zu sehen bekomme, hängt wiederum davon ab, bei welchen Videos ich vorher hängengeblieben bin, welche ich mit einem Like versehen, kommentiert oder weitergeleitet habe, welchen Accounts ich folge, nach welchen Stichworten ich gesucht habe – so wie wir es von Facebook und Instagram kennen. Vielleicht hat die Tatsache, dass ich nach dem Registrieren beim Abfragen meiner Interessen geistesgegenwärtig „Essen“ ausgewählt habe, auch einen Einfluss darauf.

    Das Suchtpotenzial steigt dabei quasi genauso schnell, wie die Konzentrationsdauer sinkt. Wenn mich irgendwas nach vier Sekunden nicht ausreichend unterhält, wische ich einfach nach oben, denn es warten ja noch unzählige weitere Videos in der Hoffentlich-Gehe-Ich-Viral-Warteschlange. Die Inhalte, die der Algorithmus für mich auswählt, gehen weit über die erwarteten pubertierenden Tanzwütigen hinaus: Chemieexperimente eines US-amerikanischen Lehrers im durch Corona verwaisten Klassenzimmer, durchaus witzige Sketche einer aus Bayern stammenden Frau mit entsprechendem Dialekt, über Klopapiermauern springende Katzen. Ja, das ist alles so belanglos und irrelevant fürs Weltgeschehen, wie es klingt, doch bildet euch nicht ein, Bilder von Sonnenblumenfeldern oder Kommunismus-Memes auf Instagram wären ein sinnvollerer Zeitvertreib. Tiktok selbst gibt in seinen Community-Richtlinien an, „Kreativität und Freude fördern“ zu wollen.

    Dennoch wurde die App, die dem chinesischen Konzern Bytedance gehört, in der Vergangenheit heftig kritisiert. Medien berichteten, dass Tiktok seine Angestellten dazu angehalten hat, die Reichweite von Videos einzuschränken, die beispielsweise körperlich beeinträchtigte oder dicke Menschen zeigen oder regierungskritische Inhalte haben. Tiktok räumte Ersteres ein und entschuldigte sich, dementierte Letzteres und deklarierte das Löschen eines viral gegangenen Videos, das die Unterdrückung der muslimischen Uiguren in China thematisierte, als „Versehen“. All das sollte einem beim Nutzen dieser App stets bewusst sein. Doch ich habe durchaus positive Erfahrungen mit den auf mich zugeschnittenen Videos gemacht. Darunter finden sich nämlich nicht nur Katzen und Igel, sondern auch feministische und antirassistische Inhalte, Body-Positivity-Videos, die mehr Awareness für bestimmte Krankheiten oder unterrepräsentierte Minderheiten fordern. Meist humorvoll verpackt, mit unterhaltsamer Musik unterlegt – und dadurch oft so pointiert, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Ich habe versucht, einige dieser Videos hier beispielhaft zu beschreiben, doch dabei kommt die Pointe ungefähr so gut rüber wie bei einer dreimal aufgewärmten Geschichte, die der Mitbewohner von seiner Schwester gehört hat, dir erzählt hat und du sie dann weitererzählen möchtest. Fazit: Guckt sie euch am besten einfach selbst an.

    Und lasst einen Like da, damit der Algorithmus checkt, was wirklich cool ist. Denn Tiktok hat mit Sicherheit keine Moderationsvorgaben gemacht, weil es dünne, langhaarige, vollbusige Europäerinnen so schön findet, sondern weil sie am meisten Traffic bekommen und sich mit ihnen folglich am schnellsten Geld verdienen lässt. Diese Tatsache entschuldigt nicht das Löschen von chinakritischen Inhalten, doch sie spielt definitiv eine Rolle beim Pushen von Videos. Nach dem Motto „Jede App ist nur so gut wie ihre Nutzer*innen“ können wir alle also dazu beitragen, dass Tiktok eine coolere Plattform wird. Ich nutze Facebook schließlich auch nicht, weil ich es geil finde, dass es meine Daten an externe Firmen zu Werbezwecken verkauft.

    Eins ist jedenfalls klar: Tiktok hat die Nische für singende und tanzende Teens, aus der der Vorgänger Musically nie herausgekommen ist, längst verlassen und wird zunehmend für politische Kommunikation und gesellschaftskritische Inhalte genutzt. Hierzulande hat die App definitiv ein mit Instagram vergleichbares Bekanntheitslevel erreicht und sich für viele Milieus geöffnet. Das erkennt man daran, dass jetzt auch die Tagesschau und der Wendler lustige Videos drehen. Entscheidet selbst, ob ihr das sehen wollt.

     

    Titelbild: @lozzap99, tagesschau, amy_simba auf Tiktok

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