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  • ,,Ein Treibhauseffekt, aber durch Wolken”

    Der Leipziger Meteorologe Manfred Wendisch nimmt am Mosaic-Projekt, einer Expedition am Nordpol, teil. Kurz vor seiner Abreise Anfang März sprach er mit luhze-Autorin Josefa Ramírez Sánchez.

    Seit zehn Jahren läuft die Vorbereitung des Mosaic-Projekts, an dem auch der Leipziger Meteorologe Manfred Wendisch teilnimmt. Mit luhze-Autorin Josefa Ramírez Sánchez sprach er über die Mission, Fridays For Future und warum die Erforschung des arktischen Klimas so wichtig ist.

    luhze: Herr Wendisch, seit Ende September läuft ja die Mosaic-Expedition; könnten Sie uns vielleicht erstmal erzählen, was da genau passieren soll?

    Wendisch: Die Mosaic-Kampagne ist ein großes internationales Experiment, an dem seit zehn Jahren 20 Nationen beteiligt sind. Federführend ist dabei das Alfred-Wegener-Institut, das auch den Eisbrecher stellt, der bei der Expedition als Forschungsschiff dient. Die „Polarstern“ soll nun, ausgestattet mit allerlei Messinstrumenten, die Atmosphäre, das Eis und den Ozean erkunden. Im September sind sie von Tromsö aus nach Sibirien gefahren, wo sie, festgemacht an einer Eisscholle, mit der Meeresströmung ein ganzes Jahr driften sollen. Während dieses Drifts werden nicht nur Messungen auf dem Schiff gemacht; drumherum wird ein ganzes Observatorium aufgebaut, mit dem verschiedene meteorologische Parameter gemessen und Fesselballon-Messungen durchgeführt werden. Auch unter dem Eis und das Eis an sich wird untersucht: Wie dick ist es, wie viel Schnee liegt darauf, und so weiter.

    Was ist bei diesen Messungen das primäre Interesse?

    Es geht darum die arktische Klimaänderung zu erforschen. Im Mittelpunkt steht dabei das Phänomen „arktische Verstärkung“, das sich am besten mithilfe der bodennahen Temperatur erklären lässt. Die globale Erwärmung, die wir gerade erleben, ist in der Arktis um das Doppelte verstärkt, da rätseln die Leute, woran das liegt. Um diesen Prozess zu erklären müssen letztendlich alle Medien einbezogen werden: Das Meereis, die Meeresströmung, die Atmosphäre und die Biologie. All das hängt miteinander zusammen und ist auch die vereinende Klammer: Es geht um die Entwicklung des arktischen Klimas und darum, diesbezüglich Vorhersagen treffen zu können. Diese Vorhersagen haben auch ökonomische Implikationen: Sollte das Eis auf der Arktis im Sommer mal nicht mehr da sein, ein Trend, der in den erklärenden Modellen gerade sehr dominant ist, könnten Frachtschiffe zum Beispiel direkt über den Nordpol fahren. Außerdem werden unter der Arktis etwa 40 Prozent der Erdgase vermutet, da stehen die Leute schon auf dem Sprung. Das Problem dabei ist, dass die Modelle bisher einfach zu ungenau und unpräzise sind, weshalb in diesem Jahr versucht werden soll, sie so zu kalibrieren, dass die nötigen physikalischen und chemischen Parameter so exakt wie möglich repräsentiert werden, was nur vor Ort möglich ist. Unsere Rolle dabei wird darin bestehen, den wichtigsten deutschen universitären Beitrag im Forschungsprojekt zu liefern. Im vierten Fahrtabschnitt der Mission werden Doktoranden vom Tropos (​Institut für Troposphären Leipzig, Anm. der Redaktion) Fesselballon-Messungen durchführen und im fünften soll eine Juniorprofessorin von uns die Atmosphärengruppe leiten. Unsere Gruppe macht dabei begleitende Flugzeug-Messungen (Die Messungen wurden abgesagt, weil die Flugzeuge in Spitzbergen gestartet wären und deswegen ein Corona-Infektionsrisiko bestanden hätte. Die Messungen im Sommer sollen aber stattfinden, Anm. d. Redaktion). Wir werden versuchen, die Punktmessungen regional einzuordnen.

    Was muss bei der Vorbereitung einer solchen Mission alles berücksichtigt werden? Wie lange dauert sie?

    Man muss bedenken, was da für ein logistischer Aufwand zusammenkommt. Die „Polarstern“ muss erstmal vorbereitet und auch versorgt werden. Zunächst müssen alle Partner zusammengebracht werden. Bei jedem der sechs Fahrtabschnitte werden die Leute ausgetauscht und schließlich ist es wichtig, dass genügend Treibstoff vorhanden ist. Davon hängt das Leben auf dem Eisbrecher ab: Licht, Heizung, Kochen; all das läuft über den Treibstoff, das ist alles ein Höllenaufwand und auch ein Haufen Geld. Für die deutschen Teilnehmer ist die Mission zwar kostenfrei, da die Expedition vom Bundesministerium für Bildung und Forschung über das Alfred-Wegener-Institut finanziert wird, aber alle anderen müssen ihr Geld selbst mitbringen.

    Was erhoffen Sie sich von der Expedition?

    Das große Ziel der Mission ist es, das Klima zu verstehen. Uns geht es insbesondere um den Einfluss von Warmlufttransporten in der Arktis. Hauptsächlich im Winter wird warme und feuchte Luft in die Arktis gepumpt. Die warme Luft trägt zwar zur Verstärkung der globalen Erwärmung bei, aber eine noch größere Rolle spielt dabei der Wasserdampf. Diese Erwärmung kann dadurch um bis zu fünf Kelvin steigen. Wasserdampf ist ein starkes Treibhausgas, viel effizienter als CO2. Kommt also mehr hinzu, erhöht sich die Temperatur durch die zusätzliche abwärtsgerichtet Strahlung. Dazu kommt noch die Rolle der Wolken: Diese bilden sich bei der Kondensation dieser schwülen Luft. Wir haben sie in der ersten Phase nur vor Ort untersucht, wobei wir jetzt versuchen wollen, die Wolkenbildung anhand der Transporte zu messen.

    Könnten Sie die Rolle der Wolken in ihren Modellen noch ein wenig näher erläutern?

    Wolken sind der „Troublemaker“ in der ganzen Geschichte. Bei unterschiedlichem Untergrund wirken diese anders: Über Eis wirken Wolken hauptsächlich erwärmend, über offenem Wasser eher kühlend. Die Modelle haben Schwierigkeiten, das zu reproduzieren. Man kann sich das wie eine Decke vorstellen, die über der Erde liegt: ein Treibhauseffekt, aber durch Wolken.

    Als letztes: Klimapolitik ist ja gerade in aller Munde. Glauben Sie die Expedition kann in dieser Diskussion einen Beitrag leisten?

    Das ist natürlich vordergründig die Motivation, wieso ich hier sitze. Ein Ziel ist es herauszufinden, wie die Arktis mit den mittleren Breiten zusammenhängen. Wir sehen da deutliche Zusammenhänge, und glauben, dass die Arbeit in der Arktis essenziell für die Erklärung des globalen Klimas ist. Ich weiß deswegen, dass die Steuergelder, die wir verwenden, in guten Händen sind und wir sind felsenfest davon überzeugt, dass die Forschung, die wir betreiben Hand und Fuß hat und absolut notwendig ist.

     

    Titelfoto: M. Schiller

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