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  • Immergut: Die Nachtwächter

    Wir verraten euch weiterhin wöchentlich die besten Medien, um den Quarantäneblues zu vertreiben, diese Woche Terry Pratchetts Glanzstück „Die Nachtwächter“.

    „Die Nachtwächter“ ist Fantasy, aber die gute Art. Sir Samuel Mumm, Kommandeur der Stadtwache von Ankh-Morpork, wird bei einer Verfolgungsjagd in die Zeit zurückkatapultiert. Er trifft auf sein jüngeres Ich und eine Stadt, die so sehr brodelt, dass ein Überkochen unausweichlich scheint. Ein tyrannischer Patrizier regiert mithilfe einer Geheimpolizei, es gibt Ausgangssperren und allseitiges Misstrauen. Mumm übernimmt rasch die Kontrolle über die Nachtwache, allerdings als sein alter Feldwebel posierend, denn natürlich kann er seinem jüngeren Ich nicht erzählen, er komme aus der Zukunft. Mumm will eigentlich wieder zurück in seine eigene Zeit, denn dort liegt seine Frau in den Wehen. Gleichzeitig kann er die Ungerechtigkeit und Willkür in der Vergangenheit nicht stehen lassen, sonst wäre er nicht Sam Mumm. Dazu kommt, dass er natürlich nicht weiß, wie er wieder zurück in die Gegenwart kommt – er braucht die Hilfe von zeitreisenden und -verwaltenden Mönchen. Gerade bei einer so kurzen Zusammenfassung der Prämisse von Pratchetts Büchern ist auffällig, wie hochgradig absurd seine Geschichten sind. Aber da sich die Absurdität unmerklich steigert, ist es keineswegs surreal, Pratchett zu lesen.

    Cover des BuchesGanz im Gegenteil: Niemand schreibt so echte Figuren in einer solch fantastischen Umgebung wie Terry Pratchett. „Die Nachtwächter“ handelt von Revolution, Ehe und Freundschaft. Es geht um Intrigen, Notlügen und Ehrlichkeit. In all dem sind Charaktere nie bloße Karikaturen eines Stereotyps. Natürlich gibt es den eher weltfremden Revolutionär und die bösen Geheimpolizisten. Aber um sie herum sind ganz normale Menschen, die in einer Revolution erst einmal sich und ihre Straße mit Barrikaden schützen, aber dann auf die Idee kommen, dass ihre Straße ja viel sicherer wäre, wenn sie die Barrikaden in die nächste Straße rücken würden. Und in die dahinter. Und plötzlich ist vor der Barrikade weniger Stadt als innerhalb der Barrikade. Und heißt das nicht, dass sie die Guten und die Anderen die Aufständischen sind?

    Pratchett hat die Gabe, Menschen als solche zu schreiben. Mit all ihren Merkwürdigkeiten und Schrullen, aber auch in ihrem Potenzial dazu, das Richtige zu tun. Nie war das Böse in einem Fantasyroman so banal wie in „Die Nachtwächter“ und das Gute nie so korrumpierbar und flüchtig. Pratchett schreibt über Tod und Verlust, über Idealismus und Niederlage. Trotzdem ist „Die Nachtwächter“ ein grundsätzlich optimistisches Buch, getrieben von einem Protagonisten, der am liebsten nichts von dem, was er tut, tun würde, aber weiß, dass es seine Pflicht ist, weil er nun mal gerade dort ist. In all seinen Widersprüchen ist „Die Nachtwächter“ eben wegen dieser Widersprüche das menschlichste von Terry Pratchetts Büchern. Seine Wut auf Aristokrat*innen und Offizier*innen, die Menschen wie Schachfiguren betrachten und benutzen, quillt aus jeder Seite, ebenso wie seine Zuneigung zu den Einzigartigkeiten jedes*jeder Einzelnen.

    Es ist einfacher, sich in „Die Nachtwächter“ zu verlieben, wenn man vorher wenigstens „Der fünfte Elefant“ gelesen hat. Aber wie bei allen Pratchett-Romanen ist kein Vorwissen nötig, um die etwa 400 Seiten zu verschlingen und eine eigenartig emotionale Verbindung zu Lavendel und den Worten „Wie fliegen sie nach oben?“ aufzubauen. Ich werde auch dieses Jahr „Die Nachtwächter“ zum im Buch eine zentrale Rolle spielenden 25. Mai lesen und weinen und lachen und um dieses literarische Genie trauern.

     

    Titelgrafik: Lisa Bullerdiek

    Cover: Random House Goldmann

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