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  • Der Everyday Struggle im Nimmerland

    Kolumnist Conrad fragt sich, wie sehr man sich von Kritiken den Spaß an Musik nehmen lassen sollte.

    Als ich Coldplays neues Album „Everyday Life“ höre, bin ich hin und weg. Die Musik berührt mich, sie inspiriert mich, sie wirkt auf mich. Sie scheint mir harmonisch und komplex, tief und gleichzeitig zugänglich. Ein perfekter Kompromiss. Dann lese ich die erste Rezension: „New Coldplay Record throws liberal cause back 10 years“. Das ist der Titel des bitteren Verrisses, den ich auf der Webseite des Guardian finde. Die nächste Kritik, die ich lese, lobt das Album in höchsten Tönen. Die Dritte ist die Gerechteste, aber irgendwie lauwarm, nichts Halbes und nichts Ganzes. Am Ende ist mir der Spaß an der Platte erstmal vergangen. Ich bin wütend auf hochnäsige Kulturkritiker und vor allem auf mich selbst. Seit wann lasse ich mich so sehr von der Meinung anderer beeinflussen? Was irgendein Musikjournalist über die Musik von Coldplay schreibt, kann mir doch egal sein, oder?

    Kolumnist Conrad ist im Konflikt zwischen Freude an Musik und kritischen Betrachtungen.

    Beim neuen Album „Nimmerland“ von Rapper Rin ist es genau andersherum. Ohne groß darüber nachzudenken, lese ich eine Zeit-Rezension, die mir Google vorschlägt, noch bevor ich es überhaupt angehört habe. Erbarmungslos macht der Autor die Platte nieder. Mir vergeht jegliche Lust daran, Rin jemals wieder anzuhören, obwohl mir sein vorheriges Album noch große Freude bereitet hat. Denn irgendwie muss man schließlich eine Auswahl treffen, ansonsten ist die Vielfalt an Möglichkeiten lähmend.  Also eingrenzen, aussortieren, einschränken, sonst hört man am Ende gar keine Musik mehr. Aber ein bitterer Nachgeschmack bleibt trotzdem zurück. Will ich mich wirklich so voreingenommen verweigern, Rins neuem Album überhaupt eine Chance zu geben?

    Kultureller Diskurs hat seine Berechtigung. Wenn Chris Martin singt „In Africa the rivers are perfectly deep and beautifully wide”, dann sollte man zumindest kurz innehalten, um sich zu überlegen, dass Afrika nicht gleich Afrika ist, und dass es beispielsweise in der Sahara sicherlich keine Flüsse gibt. Und auch wenn Rins Beats echt fetzen, ist vieles, was er in seinen Texten rappt, bloße Konsumverherrlichung. Beides heißt jedoch nicht, dass man diese Musik nicht intuitiv erleben und davon inspiriert werden kann. Die Werkzeuge der Meinungsbildung nutzen? Kriktiken lesen? Kolumnen schreiben? Was weiß ich denn schon. Was ich festgestellt habe, als ich im Rahmen dieser Kolumne beide Alben, also „Everyday Life“ und „Nimmerland“, noch einmal angehört habe, ist, dass Rin mir einfach nichts zu sagen hat, Coldplays Album mich jedoch wieder und wieder berührt.

    Titelbild: Tim Saccenti

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