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  • Ungenutztes Potenzial

     „Jeanne“, der Film über das Schicksal der französischen Nationalheldin Jeanne d’Arc, bietet die perfekte Grundlage für Trauer, Komik oder Zeitkritik, entscheidet sich aber für Langatmigkeit.

    „Jeanne“ läuft 137 Minuten. Nun, der Film läuft 137 Minuten, Jeanne (Lise Leplat Prudhomme) selbst steht bewegungslos für ungefähr 120 Minuten in einem Feld, in einem Gefängnis, in einer Kathedrale. Wenn sie nicht grade steht, liegt sie, läuft oder betet. All das tut sie mit großem Pathos, dem unironischen, ernsten Pathos einer Elfjährigen.

    Denn Prudhomme spielt Jeanne d’Arc, die Jungfrau von Orléans, die französische Heerscharen zu Sieg über Sieg über die englischen Invasoren geführt hat, nur um dann letztendlich von ihrem Feind gefangen genommen und wegen Häresie verbrannt zu werden All das geschah vor Abschluss ihres zwanzigsten Lebensjahres. Dass Jeanne dazu in der Lage war, lag vor allem an ihrem unumstößlichen Glauben an Gott, der sie zusammen mit ihrem Märtyrertod zu einer französischen Nationalheldin machte. Sie dient noch immer als Inspiration und Grundlage für zahlreiche Kunstwerke. Es ist der zweite Film über Jeanne d‘Arc des Regisseurs und Drehbuchautors Bruno Dumont, allerdings keine explizite Fortsetzung.

    Jeanne bezieht ihr Charisma von ihrer Verbindung zu Gott.

    Der Film beginnt damit, wie einer der französischen Heerführer von der Plünderung eines Dorfes nicht weit vom Heerlager berichtet und sehr bedauert, nicht dabei gewesen zu sein. Plötzlich setzt eine körperlose, sehr hohe Männerstimme ein und beginnt, von dem Jeanne zerreißenden Konflikt zwischen Landestreue und Frömmigkeit zu singen. Denn Jeanne weiß, dass ein Sieg Plünderungen und Vergewaltigungen durch ihre eigene Armee bedeutet. Es zeigt sich das große Problem dieses Films: Zu keinem Zeitpunkt ist klar, ob dieser Gesang wirklich witzig sein soll. Ich möchte denken, dass die in jeder einzelnen Szene fehlende Wärme verbunden mit der übertriebenen Ernsthaftigkeit des Films eben aufgrund dieser Übertreibung lustig sein soll. Doch selbst wenn das der Fall ist – „Jeanne“ scheitert katastrophal.

    Während des Häresieprozesses – der den Großteil des Films einnimmt, ohne dass je etwas Interessantes passiert – gibt es eine Szene, in der bestimmt zehn Minuten lang ein Pfarrer die kirchlichen Prozessteilnehmer vorstellt. Es ist durchaus möglich, dass die Szene eigentlich kürzer oder länger ist, nur fließt „Jeanne“ so zäh dahin wie Honig von einem Brot. Ohne je anzuhalten, aber auch ohne je Fahrt aufzunehmen und mich mitzureißen. Das Endergebnis? Bedauern. Das ist eine riesige Schande, denn die Themen, die „Jeanne“ behandeln könnte, sind enorm aktuell. Immerhin geht es um ein junges Mädchen, das versucht, die Welt zu retten und dabei mit unumstößlicher Hartnäckigkeit gesegnet ist, der ihr eine beeindruckende Ausstrahlung gibt; so beeindruckend, dass sich erwachsene Männer hinter ihrer Fahne versammeln und für ihre Sache kämpfen. Ihre Gegner*innen diffamieren sie als Ketzerin und selbst jene, die vorgeben, sie zu unterstützen, fallen ihr früher oder später in den Rücken. Sie ist trotz ihrer enormen Ausstrahlungskraft von Unterstützung aus der Politik abhängig, ohne die sie der Herausforderung nicht begegnen kann. In einer der wenigen kurzweiligen, interessanten Szenen des Films setzt sie sich über die Befehle des Königs hinweg, „OK, Boomer“ in Tat, wenn nicht in Wort, zitierend. Greta – pardon, Jeanne – besitzt all die Qualitäten, um als Protagonistin für ein hervorragendes Drama zu dienen; eines über die Grenzen von Charisma, über das Potenzial des Andersseins oder über Idealismus, der an der Sturheit alter Männer scheitert. Denn Jeannes Ausstrahlung basiert auf den Stimmen, die sie hört und deren Ursprung sie in Gott vermutet. Aus ihrer Geschichte könnte man alternativ einen dieser französischen Klassiker spinnen, die trotz Respekt vor ihren Protagonist*innen einen wundervollen Witz bergen, à la „Ziemlich beste Freunde“.

    Jeanne und ein Pastor in der Kirche

    Lise Leplat Prudhomme hat den ernsten Gesichtsausdruck perfektioniert und verwendet ihn so oft wie möglich.

    Dass Dumont weder das eine noch das andere getan, stattdessen eine höchstens wegen ihrer punktuellen Absurdität ab und an witzige Mischung produziert hat, ist außerordentlich schade. Fast ist es bewundernswert, dass die zwei Stunden nur wegen der schönen Landschafts- und Kirchenschiffaufnahmen in Erinnerung bleiben. Aber kleine Details, wie die eigenartigerweise immer wieder gezeigten Weltkriegsbunker und das absolute Highlight des Films – ein etwa fünfminütiger Auftritt eines alten Foltermeisters, der den Verfall seiner Zunft bedauert – machen deutlich, dass die unfassbare Langatmigkeit des Films keine Absicht war. Die Trauer um das verschwendete Potenzial von „Jeanne“ ist die einzige Emotion, die dieser Film in mir weckt. Und selbst die ist nach den anderthalb Stunden, in denen ich einem Häresieprozess beiwohnen musste, abgestumpft.

    Ab 2. Januar im Kino

    Fotos: 3B Productions

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