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  • Reisereihe: Ein Auslandssemester im Mittleren Westen der USA

    luhze-Redakteurin Laura lebte ein halbes Jahr in der beschaulichen Universitätsstadt Athens im US-Amerikanischen Staat Ohio. Nostalgisch lässt sie ihren Aufenthalt noch einmal Revue passieren.

    „Boarding completed“, schallt es durch die Sprechanlagen der American Airlines Maschine. In meinem Kopf ziehen Szenen der letzten sechs Monate vorbei, die mir Tränen in die Augen treiben. Es sind Tränen der Vorfreude meine Familie und Freund*innen wiederzusehen, aber auch Tränen der Sehnsucht länger in Athens verweilen zu wollen.

    Die USA standen schon immer weit oben auf meiner Bucket-Liste unter der Rubrik: „Länder in denen ich mindestens drei Monate leben möchte, um deren Kultur und Menschen besser zu verstehen.“ Ganz ehrlich, am liebsten würde ich in fast allen 196 Ländern auf dieser Erde eine gewisse Zeit lang leben, um die unterschiedlichen Kulturen kennenzulernen. Die Realität erinnert mich jedoch daran, dass ich nicht unsterblich bin und mit 25 Jahren vermutlich ein Viertel meines Lebens vorbei ist. Die Zeit ist der unbesiegbare Gegner der Menschen. Deswegen priorisiere ich mein Handeln auf der Erde lieber, anstatt mich dem aussichtslosen Kampf gegen die Zeit hinzugeben. Ich beschloss daher, mein drittes Semester an der Partneruniversität Athens zu verbringen, um mehr von der Kultur der Vereinigten Staaten von Amerika zu erfahren.

    Seit Mitte August konnte ich die historische Universitätsstadt Athens mit knapp 22.000 Einwohner*innen mein neues Zuhause nennen. Während des Semesters hätte ich bestimmt genug Zeit gehabt, andere Städte und Gegenden in den USA zu besuchen. Allerdings entschloss ich mich bewusst gegen das oberflächliche und touristische Reisen in andere Städte. Ich wollte das Leben der Einheimischen leben und mich nicht dem Jetset-Leben der Generation Y anpassen. Mit dieser Entscheidung habe ich die Kleinstadt Athens und deren Umgebung intensiver entdecken können.

    Athens ist bekannt für die Herstellung von Backsteinen, die 1890 begann und bis die Wende zum Asphalt kam, in Betrieb war. Die Athens Brick Company verschickte Tausende von Backsteinen national und international. Das Backsteinunternehmen ist der primäre Grund, warum so viele Häuser und Straßen in Athens aus Backsteinen gemacht sind ─ so auch das Haus indem ich gewohnt habe und die Hauptstraße der Stadt: Court Street.Eine Straße mit rötlichen Gebäuden an den Seiten und einer roten Ampel

    Auf und in unmittelbarer Nähe zur Court Street finden sich über 30 Bars, die Weine, Schnaps und Craft-Bier von lokalen Weingütern, Brennereien und Brauereien anbieten. Neben dem lokalen Bezug der Bars gefielen mir besonders die „Open-Mic“ Nächte. Alle, die ihr musikalisches Talent einem Publikum zeigen möchten, haben in diesen Nächten die Möglichkeit dazu. Die Abende waren geprägt von unterschiedlicher Musik, die von amerikanischer Country Musik, über aktuelle und selbstgeschriebene Songs bis hin zu Covers von Melodien aus der Jazz-Szene reichte und das Publikum auf eine emotionale Reise mitzureißen schien.

    Mein routinierter Tagesablauf ließ es zu, Athens aus dem Blickwinkel einer amerikanischen Einwohnerin zu betrachten und Gegenden zu entdecken, die Tourist*innen in ihrer kurzen Besuchszeit nicht zu sehen bekommen hätten. Außerdem half mein Alltag, die Bewohner*innen von Athens regelmäßig zu sehen und eine Beziehung zu ihnen aufzubauen. Ohne den Rat meiner amerikanischen Trainingspartner*innen, die ich wöchentlich in der Schwimmhalle antraf, hätte ich wahrscheinlich niemals den Weg in den Strouds Run State Park gefunden, in dem wunderschöne Wanderwege versteckt sind.Ein sehr blauer See umgeben von einem dichten Nadelwald

    Zudem erklärten mir die Bewohner*innen die Cafékultur in Athens und gaben mir einen sehr eindringlichen Ratschlag, den ich das ganze halbe Jahr befolgte: „Trink niemals Kaffee von Starbucks! Unterstütz die vielen lokalen Cafés, deren Kaffee sowieso besser schmeckt und die Hälfte eines Starbucks-Kaffees kostet.“ Dieser Gedankengang, lokale Cafés zu fördern und vor Mainstream-Ketten zu schützen, gefiel mir. Der kommunale und lokale Zusammenhalt wird unheimlich groß geschrieben unter den Bürger*innen von Athens. Ein weiteres Beispiel, das den lokalen Bezug hervorhebt ist die Lebensmittelbeschaffung von Restaurants und Universitätskantinen. Frische Lebensmittel, wie Obst und Gemüse, werden bei regionalen Bäuer*innen eingekauft, anstatt bei großen Lebensmittelhändler*innen bestellt.  Ein Kafee, ein Muffin und ein Tee liegen neben dem Buch "In Cold Blood" von Truman Capote

    Athens ist natürlich nicht nur für seine Cafés, Backsteine und Bars bekannt, sondern größtenteils für die Ohio University (OU) – die nicht zu verwechseln ist mit der Ohio State University (OSU) in Columbus. Trotz der fast identischen Namen unterscheiden sich die zwei staatlich geförderten Universitäten enorm. Unter den Einheimischen ist der Hauptunterschied folgender: „OU hat ein beschissenes Football Team, dafür aber herausragende akademische Programme, während OSU ein erfolgreiches Football Team hat, jedoch eine miserable akademische Ausbildung.“ Da ich nicht an beiden Universitäten studiert habe, kann ich nur den Aussagen über die Ohio Universität zustimmen. Einige akademische Ausbildungen an der OU gehören tatsächlich zu den Besten der Nation. Nach dem College Magazine, welches unter Studierenden eines der bekanntesten Informationsquellen über amerikanische Universitäten darstellt, ist mein Journalismus- Studiengang derzeit das viertbeste Journalismus-Programm für aufstrebende Redakteur*innen und Herausgeber*innen der Nation. Dennoch ist das Football Team wirklich schlecht. 1968 hat das OU Football Team das letzte Mal die Mid-American Conference Championships – die höchste College Football Liga der Region – gewonnen.Der Eingang der Ohio University, davor Redakteurin Laura Camboni

    Allerdings lohnt es sich trotzdem zu einem OU Football Spiel zu gehen, um die OU Marching Band – Marching 110 – spielen zu sehen. Vor jedem Football Spiel und während der Halbzeit, performen 225 OU-Studierende für die Zuschauer*innen, von denen 80% ausschließlich für die Show der Marching Band den Weg ins Stadion finden. Denn nach der zweiten Halbzeit ist das Stadion fast leer.

    Vor gefülten Rängen spielt auf einem Football-Feld eine Marching BandNeben der Ohio Universität als Wahrzeichen der Stadt finden nationale und internationale Tourist*innen den Weg zum Athens Lunatic Asylum. In dieser Psychiatrie wurden von 1874 bis 1993 auf 61.400 m2 vermeintlich psychisch kranke Patient*innen inklusive Bürgerkriegsveteranen, Kriminellen, sowie Kindern und Jugendlichen, deren Eltern ihnen eine Lektion erteilen wollten, versorgt. Die Psychiatrie hat in erster Linie viel Aufmerksamkeit durch den einzigartigen romanischen Stil des Architekten Levi Scofield erlangt. Seit Ende der 1980er Jahre wurden dagegen Geschichten über die Seelen der Patient*innen, die angeblich immer noch durch die Gänge geistern, berühmt. Die wahrscheinlich berüchtigtste Geistergeschichte ist über Margaret Shilling, die auch unter dem Namen „verlorene Lady“ bekannt ist. Im Jahre 1979 ist die Patientin Margaret spurlos verschwunden. Nach mehreren Wochen wurde sie tot auf dem Dachboden der Psychiatrie gefunden. Mitarbeiter*innen der Psychiatrie versuchten vergeblich die Flecken, die durch den Zerfall des Körpers entstanden, Die Front einer Psychiatriezu beseitigen; jedoch ohne Erfolg. Der Legende nach werden Menschen, die diesen Fleck anfassen, von Geistern besessen. Angeblich soll ein Student der Ohio Universität diesen Fleck von Margarets Überresten angefasst haben und sich kurz darauf das Leben genommen haben, weil er von Geistern geplagt wurde.

    Mein Fazit: Nach ein paar Monaten zählte ich mich in Athens nicht mehr als Tourist, sondern als immigrierte Einheimische. Ich bereue es kein bisschen, nicht viel in meinem Auslandssemester gereist zu sein. Ich war weder in New York City, Washington D.C. noch Miami. Dafür habe ich eindrucksvolle Unterhaltungen mit Einheimischen führen können, die sich zu engen Freundschaften entwickelten und intime Themen behandelten, für die kein*e Tourist*in der Welt Zeit hätte. Für mich war die Interaktion mit den Menschen der Schlüssel zu kulturellen Einblicken in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten und nicht der Ausflug zur Freiheitsstatue, dem Weißen Haus oder zu einer spezielle Strandpromenade.

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