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    Kolumnistin Marie hat keine Lust, den Menschen in ihrer Umgebung Absolution zu erteilen, tut es aber erstaunlich oft.

    Mittagspause: Wir stehen im Rewe an der Kasse und ich lege ein Brötchen und eine Banane auf das Fließband. Neben mir legt die befreundete Person X ein Tiefkühlgericht aus Nudeln und Lachs daneben, schaut meine Ausbeute an und sagt besorgt: „Das sieht aber trocken aus.“

    Ich erkläre ihr, was für ein fantastisches Gericht aus einer reifen Banane, einem nicht zu trockenen Brötchen und ein bisschen Zimt entstehen kann. Außerdem ist Monatsende.

    „Ich hab auch noch Käse im Kühlschrank, davon kannst du gern was abhaben!“ Ich finde das total nett – und sage, dass ich Käse nicht mag. Wie so oft schaut man mich entsetzt an und ungläubige Fragen prasseln auf mich ein.

    Ich rudere zurück und gebe zu, doch, natürlich mag ich Käse, ja, jede*r mag Käse. Aber ich mag ihn nicht essen, ich esse lieber vegan.

    In meiner hippen Leipzigblase reagiert mein Umfeld glücklicherweise nur noch selten mit Bestürzung und Fragen nach meiner versagenden Nährwertaufnahme. Stattdessen kommt meine zweitliebste Reaktion: „Das ist echt eine gute Sache, find ich richtig toll. Ich achte auch total auf meinen Fleischkonsum.“ Ich nicke und versuche, nicht auf das Tiefkühlgericht in ihrer Hand zu schielen.

    Oft folgt jetzt ein Vortrag über den Fleischkauf beim regionalen Schlachter, bei dem glückliche Tiere hundertprozentig auf grünen, duftenden Wiesen frohlocken, über das absolute Vermeiden der Billigprodukte in Supermärkten, über die schrecklichen Zustände in der Tierhaltung und die klare Distanzierung davon. Das kann man echt nicht unterstützen. Und überhaupt, all diese Treibhausgase!

    Ich nicke dann und versuche, nicht auf das Billigprodukt aus dem Supermarkt zu schielen, das sich bei solchen Ansprachen fast immer in unmittelbarer Nähe befindet.

    Kolumnistin Marie fehlen Lust und Energie, Menschen zu bekehren. (Foto: privat)

    Mein Problem in diesen Situationen ist: Ich habe keine Lust und keine Energie in meinem Alltag Menschen zu bekehren. Ich weiß, dass die Wahrscheinlichkeit extrem gering ist, dass die Leute, die mir diesen Vortrag halten, wirklich zu ihrem Schlachter um die Ecke gehen, 10 Euro für ein kleines Stück Fleisch ausgeben und die extrem praktischen und fertigen Produkte und Aufschnitte im Supermarkt boykottieren. Vom Essengehen und tierischen Zutaten in anderen Produkten ganz abgesehen.

    Weil ich keine Lust habe, diese Rechtfertigungen anzusprechen und eine Diskussion loszutreten, nicke ich und lasse es durchgehen. Am Ende des Gesprächs ist mein Gegenüber oft zufrieden und isst sein oder ihr Mittagessen ohne schlechtes Gewissen. Gleichzeitig ist er oder sie weiterhin überzeugt, tierlieb und ein guter Mensch zu sein. Und mein Nicken hat quasi die Absolution dafür erteilt.

    In einem Podcast habe ich jüngst erfahren, dass man dieses Verhalten in der Psychologie kognitive Dissonanz nennt, „die Unvereinbarkeit von Informationen zu den persönlichen Einstellungen oder Gewohnheiten“. Menschen möchten gern ein positives Bild von sich und ihrem Verhalten haben, in diesem Fall überzeugt sein von ihrer Tierliebe und ethischem Handeln. Wenn eine neue Information oder eine fremde Verhaltensweise dieses positive Selbstbild bedroht, möchte das Gehirn diese Dissonanz wieder ausgleichen.

    Die logische, aber schwierige Lösung wäre, das eigene Verhalten an die ethischen Ideale anzupassen und aktive Schritte zu machen, um den Fleischkonsum zu ändern. Stattdessen greifen sie aber oft zu einem Trick, um den Konflikt zu lösen, ohne etwas ändern zu müssen: Die neue Information wird entweder abgewehrt oder abgewertet. Im obigen Beispiel wird die eigentliche Realität des Fleischessens verklärt, um den Konflikt mit den moralischen Idealen vor sich selbst zu vertuschen: „Ich achte auch total auf meinen Fleischkonsum.“

    Eigentlich ändert sich aber nichts.

    Denn seien wir mal ehrlich, öffnen wir uns mal all unseren kognitiven Dissonanzen: Wer hat in diesem Jahr wirklich seine tierischen Produkte „nachhaltig“ und „human“ gekauft und bleibt den konventionellen Supermarktprodukten fern? Wer fragt im Restaurant immer nach den Lieferant*innen und deren Umgang in der Haltung?

    Ein Biosiegel bekommt übrigens schon jeder Betrieb, der pro Schwein 1,3 Quadratmeter Platz hat.

    Natürlich fällt es nicht jedem*r leicht, von heute auf morgen den kompletten Alltag umzugestalten. Ich habe mehrere Monate gebraucht, um mich relativ stabil vegan zu ernähren. Aber allein ein fleischloser Tag pro Woche vermeidet schon rund 100 Kilogramm CO2 im Jahr und es wird mit der Zeit immer leichter.

    Die eigene Realität vom eigenen Gehirn verzerren zu lassen, klingt viel anstrengender.

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