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    Der Film „Edie – Für Träume ist es nie zu spät“ handelt von Träumen, die nie erfüllt wurden und entführt dabei die Betrachter*innen in eine Natur, die selbst aus Träumen entsprungen zu sein scheint.

    Der pflegebedürftige Mann ist tot, die Tochter längst erwachsen: was für die etwa 80-jährige Edith Moore (Sheila Hancock), genannt Edie, der endgültige Schritt in die Vereinsamung sein könnte, öffnet ihr unerwartete Türen. Den größten Teil ihres Lebens stand Edie im Dienste der Familie, kümmerte sich um ihren Mann und ihre Tochter Nancy (Wendy Morgan). Dennoch ist das Verhältnis zwischen den beiden Frauen kalt. Während Nancy versucht, ihre eigenwillige Mutter in einem Altenheim unterzubringen, ist Edie anzusehen, wie ihre Lebensfreude beim Anblick seniler Senior*innen schwindet. Beim Zusammenpacken der Habseligkeiten findet die Tochter ein Tagebuch, in dem sie sehr deutlich lesen kann, dass ihre Mutter sich ein anderes Leben gewünscht hat als das eigene, welches sie bereits zu Lebzeiten des Mannes als einsam und trostlos empfand.

    Zu dem Zeitpunkt scheinen die beiden Frauen bereits Welten voneinander entfernt zu sein. In dem Tagebuch schreibt Edie, ihr Leben sei lediglich „cleaning and caring“ gewesen. Längst ist klar, dass Edie andere Träume hatte: In ihrem Besitz befindet sich eine uralte Campingausrüstung und eine Postkarte die Suliven, einem Berg in den schottischen Highlands, der im Film zum schroffen Symbol der unerfüllten Träume wird. Nach einem Streit mit ihrer Tochter beschließt Edie, dass es vielleicht nicht komplett zu spät für ein erfülltes Leben sei. Kurzer Hand bucht sie ein Zugticket und fährt los. Durch eine Aneinanderreihung von Ereignissen gerät sie an den jungen Outdoor-Bedarfs-Verkäufer Jonny (Kevin Guthrie), der ihr später den doppeldeutigen Rat gibt, sich selbst auf ihr Abenteuer mitzunehmen.

    Eine Frau sitzt in einem Zelt vor einem See

    Ein scheinbar ungestörtes Idyll

    Was abgedroschen klingt, kommt dennoch ohne viel Kitsch aus, weil auch die schmerzlichen Enttäuschungen und Macken der beiden glaubhaft erzählt werden. Vor allem aber, weil beide Hauptpersonen wahnsinnig gut gespielt werden. Vieles, was dem Film gelingt, gelingt ihm überhaupt erst durch Sheila Hancocks Schauspielleistung. In ihren Blicken scheinen all die unterdrückten Gefühle ihres gesamten Lebens zu liegen.

    Doch es gibt auch kleinere Wermutstropfen: Was als vielschichtige Kritik an Rollenbildern beginnt, die viele Frauen an ein aufopferungsvolles Leben für die Fürsorge anderer binden, schwächt zeitweise zu einer sehr individualistischen  Lebensgeschichte einer etwas schrulligen – oder schrullig gewordenen – Frau ab. Das liegt auch daran, dass die beiden anderen Frauen, Nancy und Jonnys Freundin Fiona (Amy Manson) als flache, nicht sonderlich sympathische Personen auftreten. Es ist den Zuschauer*innen ein Leichtes, Jonny trotz – oder gerade wegen – seiner unsauberen Wohnung und Angst vor der bindenden Kraft eines Kredits ins Herz zu schließen. Fiona hingegen bleibt die Charaktermaske der eher gefühlskalten Geschäftsfrau, deren Lebenstraum nur am Rande angerissen wird. Er dient vor allem als Kontrast zum unverfälschten Naturspektakel der schottischen Highlands, und damit Edies viel „natürlicherem“ Lebenstraum. Dabei versucht auch die junge Frau, ihre Träume zu verwirklichen. Nicht aller Leute Berge, die zu erklimmen ihr Lebenstraum ist, sind tatsächlich Berge. Wer die weitwinkligen Aufnahmen von diesen sieht, mit denen der Film immer wieder auffährt, ist allerdings geneigt, die schottischen Highlands auf die eigene Bucketlist zu setzen.

    Eine Frau liegt auf der Kuppe eines Berges und schaut in den Himmel

    Auch Idealist*innen sind physische Grenzen gesetzt.

    Das stärkste Mittel gegen Kitsch in diesem Film ist eine so allgegenwärtige wie realistische Traurigkeit, die keinen Zweifel daran lässt, dass sie gleich hinter der nächsten Ecke lauert. Wirft Edie sich ungeachtet der Zuschreibungen, die unsere Gesellschaft für alte Frauen bereit hält, in Schale, lachen die jungen Frauen im Pub über sie – und lassen eine Edie zurück, die sich mit einer Mischung aus Scham und schwindender Selbstachtung das Make-Up eilig aus dem Gesicht wischt. Gewinnt die Protagonistin in der unfassbaren Idylle eines Bergsees ihre Lebensfreude zurück, zeigt sich kurz darauf die beeindruckende Rüstigkeit der alten Frau als fragil.

    Die Hoffnung auf ein Happy End schwankt bis zum Schluss – was sogar eine gewisse Spannung in diesen rundum gefühlvoll stimmigen Film bringt. Ob einen nun die schottische Landschaft oder das anrührende Portrait ins Kino gelockt hat; belohnt wird man mit einem überzeugenden Gesamtpaket. Wer sich den Film im Kino ansieht, wird durch die Bildgewalt mit der etwas voraussehbaren Geschichte ausgesöhnt.

     

    Ab 23. Mai im Kino

    Fotos: Cape Wrath Films Ltd.

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