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  • Der wunderbare Blick hinter die Fassade

    Ein emotionsgeladener Familienfilm über Akzeptanz und Freundschaft

    Zeitreise zurück auf den Schulhof: Kritische Blicke und eindringliche Musterungen sind an der Tagesordnung, wenn man dem Konsens der Masse nicht entspricht. Allein ein spezielles Kleidungsstück oder eine außergewöhnliche Frisur ziehen abfällige Bemerkungen und geflüsterte Kommentare mit sich. Daran knüpft auch das amerikanische Familiendrama „Wunder“ des Regisseurs Stephen Chbosky an, welches auf dem gleichnamigen Kinder- und Jugendbuch von R.J. Palacio basiert.

    Ein Außenseiter nur aufgrund von Äußerlichkeiten zu sein, ist für den elfjährigen August „Auggie“ Pullman (Jacob Tremblay) nichts Neues. Doch es ist kein Kleidungstück, das ihn an seinem ersten Schultag in der fünften Klasse alleine in der Mensa sitzen lässt. Es ist sein Gesicht, welches durch einen seltenen Gendefekt und trotz zahlreicher Operationen seit seiner Geburt an entstellt ist. Wurde er bis dato Zuhause unterrichtet, hat sich die Familie schweren Herzens entschlossen, ihn von nun an nicht mehr von der Außenwelt abzuschirmen. Auggie soll auf eine normale Schule gehen und mehr Freunde als nur den Familienhund und seine ältere Schwester Olivia (Izabela Vidovic) haben. Doch das ist leichter gesagt als getan. Sein Gesicht ruft bei allen Schülern Schrecken hervor, er wird ausgegrenzt und von vorlauten Klassenkameraden gemobbt. Dagegen hilft auch nicht der geliebte Astronautenhelm, mit dem er am liebsten den ganzen Tag herumlaufen würde. Einzigallein die liebevolle Familie und sein Interesse an allem was mit Naturwissenschaft, dem Weltall und Star Wars zu tun hat, gibt ihm Rückhalt. Doch mit der Zeit lernen nicht nur Auggies Mitschüler, ihn nicht ausschließlich auf sein Äußeres zu reduzieren, auch er selbst fängt das erste Mal in seinem Leben an, seine Narben zu akzeptieren.

    Spannend für die erzählerische Gestaltung des Filmes ist, dass nicht nur Auggies Perspektive gezeigt wird. Zwar bleibt er der Schwerpunkt der Handlung, jedoch kommen nach und nach auch andere Personen dazu, die ihre Sicht der Geschichte erzählen. So taucht man zum Beispiel in die Welt von Schwester Olivia ein und erkennt, dass nicht nur der von ihr abgöttisch geliebte Bruder mit Problemen zu kämpfen hat. Sie fühlt sich von ihren Eltern (Julia Roberts und Owen Wilson) alleine gelassen, da deren gesamter Fokus auf Auggie liegt. Neue Facetten fügen noch drei andere Kinder und Jugendliche aus Auggies Umfeld hinzu und beleuchten die Handlung aus anderen Perspektiven. So verfolgt man aufblühende wahre Freundschaften, Momente des Glücks und schwerwiegende Vorfälle aus verschiedenen Blickwinkeln. Dieser Rundumblick ist mit Liebe zum Detail umgesetzt und hält angenehm unterhaltsam die Spannung aufrecht. Dass dieses Gesamtkonzept funktioniert, und selbst die kleinsten Rollen souverän und authentisch sind, ist der hochkarätigen Besetzung zu verdanken. Vor allem die herausragenden Schauspielfähigkeiten der Jungschauspieler hinterlassen bleibende Eindrücke.

    Allerding ist der Film in Hinblick auf den Titel etwas zu wunderbar gestaltet. Gespickt mit großen Gefühlsdramen laufen alle Handlungsstränge auf ein ergreifendes Happy End hinaus. Das vorhersehbare, fulminante Finale appelliert gewaltig an die Tränendrüse (die den ganzen Film über ziemlich oft zum Einsatz kommt) und gibt dem Kinobesucher darüber hinaus noch eine Menge Lebensweisheiten mit auf den Weg. Es ist ein inspirierender Familienfilm, der den Glauben in die Menschheit wiederherstellt. Zumindest solange, bis man sich dann doch wieder an den nicht ganz so rosigen Alltag für Außenseiter auf dem Schulhof erinnert.

     

    In den Kinos ab: 25. Januar 2018

     

    Foto: Copyright Studiocanal GmbH / Dale Robinette

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