• Film
  • Gerne wieder, gerne besser

    David Will

    Eine Podiumsdiskussion des Dok zum Umgang mit dem „politischen Gegner“ bot einige spannende Impulse. Schade nur, dass die Teilnehmer lieber aneinander vorbeiredeten und aufeinander rumhackten.

    Wie kann ein Dokumentarfilm junge Rechtsradikale porträtieren, ohne sich mit ihrer Sache gemein zu machen? Dieser Frage widmete sich das Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilme (Dok) in der Abschlussveranstaltung des zweitägigen Symposiums „Wem gehört die Wahrheit? Der politische Gegner im Visier der Kamera“, das vom vom 31. Oktober bis zum 1. November lief. Das Dok zeigt damit, dass es sich mit Kritik auseinandersetzen kann – man würde sich nur wünschen, die Auseinandersetzung wäre stellenweise konstruktiver ausgefallen.

    Im vergangenen Jahr hatte es einigen Aufruhr um den Dokumentarfilm „Lord of the Toys“ gegeben, der auf dem Dok mit dem Hauptpreis im Deutschen Wettbewerb ausgezeichnet worden war. Über einen Zeitraum von mehreren Monaten hatten Regisseur Pablo Ben Yakov und Kameramann André Krummel eine Gruppe von jugendlichen Youtubern aus der Dresdner Platte begleitet. Alkohol in Massen, gegenseitige Demütigungen und vor allem rassistische wie antisemitische Witze mit einem Augenzwinkern – damit verdienen sich die gelangweilten und aufmerksamkeitsgeilen Jungs ihre Follower in den sozialen Netzen. Nach der Premiere unterstellten manche dem Film eine mangelnde kritische Distanz: Das Bündnis Leipzig nimmt Platz veröffentlichte ein Protestschreiben, auch auf luhze.de erschien eine kritische Besprechung.

    Die Veranstaltung am 1. November im Rahmen des Symposiums kann man auch als Antwort auf die Kritik des Vorjahres verstehen. Im Kupfersaal der Stadt Leipzig wurde zunächst ein Dokumentarfilm gezeigt, der inhaltlich einiges mit „Lord of the Toys“ gemein hat, auch wenn er in einer ganz anderen Zeit gedreht wurde: In „Stau“ von 1992 zeigt Regisseur Thomas Heise eine Gruppe junger Neonazis aus Halle Neustadt, folgt ihnen in die Kneipe und zieht mit ihnen um die Häuser. Vor allem aber kommt „Stau“ seinen Protagonisten sehr nahe: Zuhause bei Mutti in der Küche, mit den Eltern auf dem Sofa oder beim Imbiss führt Heise ausführliche Einzelgespräche mit den Protagonisten, in denen sich ihre Lebenswirklichkeit, ihre Radikalisierung und ihre Träume abzeichnen.

    Unter der Moderation der Kulturwissenschaftlerin Stefanie Diekmann diskutierten anschließend der Filmkritiker Matthias Dell und die Schriftstellerin Helene Hegemann sowie die Macher beider Filme miteinander. Die Teilnehmer gingen durchaus auf einige interessante Punkte ein: Etwa auf die Frage, in welcher Umgebung ein solcher Film stattfinden kann. Dadurch, dass „Stau“ seine Protagonisten aus der Gruppe löst, blickt er immer wieder hinter deren Fassade aus Wut und Nationalismus. So macht der Film ein Stück weit den Menschen in der Meute sichtbar – anders als „Lord of the Toys“, der seine Protagonisten weitgehend in der Gruppe zeigt. Das hat sicher mit dem Fokus der Filmemacher zu tun, die sich vor allem für die internen Gruppendynamiken der Youtuber interessieren: In den gegenseitigen Demütigungen zeichnet sich ab, wie beliebig der jeweils Stärkere hier sein Opfer auswählt. Der Film hat darum aber wenig Gelegenheiten, die mediale Selbstinszenierung seiner Protagonisten aufzubrechen, die in ihrem Bereich immerhin Medienprofis sind.

    Schade ist nur, dass die Diskussionsteilnehmer so gerne übereinander herzogen, anstatt miteinander zu reden. Sie schafften es immerhin, die schwache und am Thema vorbeizielende Moderation zu ignorieren, nur um sich dann aber über weite Strecken darüber zu streiten, ob „Stau“ oder „Lord of the Toys“ der bessere Film ist, oder sich in Meta-Diskussionen über Mittel und Grenzen der Filmkritik zu verlieren. Es ist vor allem Thomas Heise mit seiner trockenen und nüchternen Art zu verdanken, dass man dennoch einiges aus der Diskussion mitnimmt. Gerne wieder eine Veranstaltung dieser Art, liebes Dok-Team, und gerne besser.

     

    Foto: Jana Mila Lippitz

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